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Downshifting

Einen Gang herunterschalten gilt als schick, und die zweite Wahl ist manchmal sogar die bessere

von Angelika Petrich-Hornetz

Stiller Winter-See Schon wieder ein Trend aus den USA, der ein besseres Leben verspricht. Ist Downshifting – Herunterschalten - wirklich etwas Neues? Zuvor hießen die Schlagwörter und Anglizismen noch Work-Life-Balance oder Simplify-Your-Life und bedeuteten auch nicht viel anderes, als konsequent Abschied von der dauernden Überforderung zu nehmen, dafür mehr Ausgleich zum Beruf, Entspannung, Entrümpeln von Unnötigem, weniger Konsum- Arbeits- und Freizeitstress, manchmal auch ein geringeres Einkommen zu bekommen. Außerdem: mehr Lebensqualität, gut gesetzte Prioritäten, Konzentration auf das Wesentliche - und mehr Zeit. Das soll – wie immer – für eine erfüllteres Leben sowie Selbstzufriedenheit sorgen. In den Neunzigern kam die Runterschalt-Bewegung in den USA auf und breitete sich von dort immer weiter aus. In Europa gelten die Briten als Vorreiter der Bewegung, der Londoner Auktionshaus-Mitarbeiter, der im Wald lebt, vielleicht sogar als ihr bekanntesten Vertreter.

Nein, wirklich neu ist das nicht. Alle paar Jahre wieder, wird mit einer neuen Begrifflichkeit daran erinnert, dass Zufriedenheit und Lebensqualität nicht unbedingt steigen müssen, weil man Geld, Ruhm und Besitz immer nur hinterher jagt, statt das, was man im direkten oder indirekten Sinn längst hat zu genießen. Oder auch dass Pausen, Ausszeit und Erholung im sonst stressigen Erwerbsleben einzulegen nie verkehrt sein kann – vor allem, dann, wenn man feststellt, dass zum eigentlichen Leben längst keine Zeit mehr da ist. Dann wird es sogar höchste Zeit, wörtlich gemeint.

Dabei hilfreich ist durchaus das sowohl bei der Work-Life-Balance, den Simplizierern als auch den Downshiftern beliebte Entrümpeln. Mit der Zeit füllt sich ein Tag, eine Woche, ein Monat ein Jahr und ein ganzes Leben mit vielen überflüssigen Aktivitäten, sowie das Büro und die eigene Wohnung mit immer mehr Dingen, die nur noch herumstehen und verstauben. Die erste Schwierigkeit besteht darin, die Überfüllung überhaupt erst zu bemerken und die zweite darin, die Zeit für eine mehr oder weniger große Aufräumaktion zu finden. Manchen reicht die schlichte Entrümpelung der Wohnung oder des Terminkalender. Andere empfinden eine wachsende Unzufriedenheit über ihre vollgestopfte Lebenssituation so stark, dass sie zunächst eine Auszeit nehmen müssen, um sich ganz neu zu sortieren und zu orientieren. Erst danach setzt das große Aufräumen ein.

Viele Downshifter wechseln ihren hochbezahlten Karriere-Job gegen eine – häufig gar nicht einmal weniger verantwortliche – Aufgabe in sozialen Organisationen und fühlen sich dort auch deshalb wohler, weil sie nun etwas Sinnvolleres tun, als ihre Lebenszeit damit zu verbringen, lediglich das eigene Einkommen und den Profit anderer zu steigern. Denn diese Lebensführung, so stellen immer mehr Menschen eines schönen Tages fest, erhöht zwar auch ihre eigene Konsum- und Shopping-Frequenz, doch nicht unbedingt die eigene Gesundheit oder gar Selbstzufriedenheit. Gehobener Anspruch bei geringerer Bezahlung?

Etwas für andere Menschen zu tun, ist nicht selten die erste Wahl ehemaliger Workaholics und Großverdiener. Helfen kann für mehr Zufriedenheit und Erfüllung sorgen, wenn es sich um nachhaltige Investitionen handelt. Wer heute Benachteiligten überleben hilft, kann übermorgen schon lange tot sein und trotzdem arbeitet das einst eigene Engagement in anderen Menschen noch lange weiter. So etwas gibt ein gutes Gefühl. Doch nicht wenige ehemals Ausgebrannte sind als Downshifter aus einem guten Grund zunächst einmal sich selbst gegenüber sozial und empfinden ihr Leben nach dem Herunterschalten einfach nur als weniger oberflächlich als vorher. Zum Beispiel weil sie die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeit endlich sehen können, statt in einer stressigen und eher anonymen Arbeitsumgebung irgendeinen abstrakten Beitrag zu leisten, von sie nicht wissen, ob am Ende dabei etwas wirklich Sinnvolles herauskommt.

Wer einen Gang herunterschaltet, der verkürzt mit dem Abbau unübersichtlich gewordener Strukturen und Abhängigkeiten oft auch nur die Entfernung zwischen seinem Einsatz und einem sichtbaren, und damit nachvollziehbaren Ergebnis. Das eigene Handeln wird damit überschaubarer, einfacher und ruhiger. So ein beschaulicher gestaltetes Leben kann durchaus ein Stück mehr Wohlbefinden nach sich ziehen.

Auch bei einigen Arbeitgebern ist Downshifting inzwischen durchaus ein Begriff und damit sind nicht nur flachere Hierarchien sowie Entbürokratisierung gemeint. Vor allem große Konzerne haben erkannt, dass es sinnvoller ist, Mitarbeitern, in die viel Geld investiert wurde, eine Auszeit von ein paar Tagen, Wochen oder Monaten zu gönnen, als zu warten, bis diese ganz hinschmeißen. Außerdem, so setzt sich auch hier langsam die Erkenntnis durch, hat ein Unternehmen viel mehr von nicht nur morgens gut gelaunten und ausgeschlafenen Mitarbeitern, als von jenen, die nur noch halbseitig funktionieren können, weil sie chronisch überarbeitet und irgendwann ausgebrannt sind.

Immer mehr hochqualifizierten Mitarbeitern reichen zur eigenen Wiederaufbereitung in einem permanent überhitzen Arbeitsalltag indes einzelne Wellness- oder Kaufrausch-Wochenenden irgendwann nicht mehr aus, um sich dabei so zu erholen, dass diese lange Arbeitswochen mit weiten Anfahrtswegen, wechselnden Einsatzorten und/oder kontinuierlich steigende Stunden- und Überstundenzahlen noch bewältigen können. Kein Wunder, werden die notwendigen Erholungsphasen doch immer kürzer und müssen immer teurer in Wellness-Hotels, Sport- und Entspannungsanlagen erkauft werden. Das Geld für solcherart kostspieligen Freizeitausgleich zur mühsamen Aufrechterhaltung der fragilen Work-Life-Balance muss schließlich erst verdient werden – ein Teufelskreislauf. Downshifter dagegen sparen diese Ausgaben ein, weil sie weit weniger Ausgleich brauchen, indem sie ihre Arbeit derart gestalten, dass sie von dieser nicht aufgefressen werden.

Zum allgemeinen Arbeitsstress hinzu kommen die Segnungen der Globalisierung: eine 24Stunden lang brummende Wirtschaft an 365 Tagen im Jahr braucht hochverfügbare Mitarbeiter. Die Folge sind Familien, die sich nur am Wochenende, wenn überhaupt, sehen. Paare, die in zwei verschiedenen Städten irgendwo auf der Welt noch nicht einmal mehr das führen, was man früher mitleidig eine Wochenendehe nannte. Irgendwann ist bei dem ein oder anderen das Maß voll. Burning Out ist schon lange keine Randerscheinung mehr, sondern kann die Putzfrau gleichermaßen wie den Manager ereilen, die sich beide in gleich drei verschiedenen Jobs zerreiben und irgendwann nicht mehr wissen, wozu und warum sie das tun, was sie tun.

So extrem, dass jemand gleich alles hinwirft, muss es nicht werden. Downshifting hat viele Gesichter. Mancher Ehepartner wird Ballast ab, indem er, meistens sie, einfach den Abwasch liegen lässt und vom anderen mehr Teilnahme an selbigem zu eigenen Entlastung verlangt. Ein anderer vereinfacht sein Leben oder bringt mehr Ruhe hinein, indem er notwendige Lebensmittel online bestellt und nicht mehr höchstpersönlich durch Geschäfte hetzt und Treppen hochschleppt. Downshifting hat etwas mit Ballast abwerfen, meistens auch etwas mit Entzerrung, Entspannung, Veränderung und Verlangsamung des Arbeitsalltags zu tun. Damit kann das Arbeitsaufkommen oder auch nur der Arbeitsweg gemeint sein:

Wegziehen, um anzukommen

Eine ehemalige Kollegin fühlte sich durch ihren Arbeitsweg nur noch gejagt, gehetzt und getrieben: Morgens eineinhalb Stunden auf der Autobahn, abends die gleiche Strecke zurück. In schwindelnde Höhen steigende Benzinpreise, fast tägliche Staus, teure Reparaturen und zum Schluss noch ein paar ungeschickt gesetzte Baustellen gaben ihr letztes Jahr den Rest. Sie verkaufte den schicken Benzinfresser und zog tatsächlich in eine Wohnung in unmittelbarer Nähe ihres Arbeitsplatzes. Die beste Investition ihres Lebens, sagt sie, seitdem sie nur noch fünfzehn Minuten begrünten Weg zu Fuß zur Arbeit zurückzulegen hat. Sie genießt es sichtlich und ganz bewusst, im Sinne von: Die besten Gedanken kommen beim Gehen. Und bitteschön nicht zu schnell.

Angestellt statt selbständiger Kunstvertrieb

Eine andere jagte zwei Jahrzehnte unaufhaltsam ihrem Traum von einer Kunstkarriere nach. Ausstellungen hier und dort und ständiges Kontakten, das soweit führte, dass sie potenzielle Kunden am Sonntag bei sich zu Hause zu beköstigen hatte. Eines Tages fand sie sich in der Situation wieder, dass sie mit dem Akquirieren nach neuen Kunden viel zu beschäftigt war, als dass noch Zeit zum Malen übrig blieb. Sie fragte sich: Was kann ich noch, und so gut, dass ich davon leben kann? Sie setzte auf ihre soziale Ader, das, wie sie sagt, nach der Kunst zweitbeste ihrer Talente. Inzwischen arbeitet sie bei einer sozialen Organisation. Die gab ihr ein Einkommen in einem Beruf, der ihr Freude macht - zusätzlich das nötige Klein-Geld für Künstler-Material und vor allem eines: Zeit. Sie führt nun ein Leben, das sie freier gestalten kann, als vorher, als sie sich noch von morgens bis abends um den Vertrieb ihrer Bilder kümmern musste. Jetzt verkauft sie immer noch Bilder, allerdings kann sie ihre Miete auch noch dann bezahlen, wenn sie gerade keine Lust hat, sich mit einem potenziellen Kunden zu treffen – schon gar nicht am Sonntag.

Das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden steigert die Lebensqualität

Der dritte in unserer Umgebung ist ein Mann, der ebenfalls sein Auto verkaufte und gleichzeitig die Mitgliedschaft im nur per Auto erreichbaren Fitness-Club kündigte. Dafür erwarb er ein sündteures Fahrrad und fährt damit zur Arbeit. Das zweimal tägliche Training reiche ihm vollkommen, beschied er uns. Desgleichen sei er jetzt nicht mehr darauf angewiesen, am knapp bemessenen Feierabend noch stundenlang spazieren zu gehen, um frische Luft zu schnappen, sondern nimmt dann auch mal einen Umweg und eine reizvollere Wegstrecke ins Visier. Morgens müsse er dafür allerdings früher als bisher aufstehen. Und das, noch eine Lehre eines pragmatischen Downshifters, habe durchaus etwas für sich: In Ruhe aufstehen, den Kaffee genießen und entspannt losfahren sei etwas ganz anderes, als in letzter Minute und ohne Frühstück aus dem Haus zu rennen und abends genauso gehetzt wie gernervt-fluchend einen Parkplatz zu suchen. In Städten ein durchaus nachvollziehbares Argument, jedenfalls dort, wo die Fahrradwege nicht nur für Lebensmüde entworfen worden sind.

Beispiele für erfolgreiche Downshifter gibt es überall. Neben den viel bestaunten, spektakulären Aussteigern, meistens hochbezahlte Manager, die sich irgendwann auf eine Alm oder eine Insel zurückzogen, das einfache Leben genossen, und deren weitere Betätigung sich darauf beschränkte, lediglich einen Bestseller über ihr neues Leben auf den Markt zu werfen, gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die ihre Freude am Leben wiederentdecken, ohne gleich komplett auszusteigen. Sie wechseln nur ihren Arbeitsplatz, den Beruf oder die Branche. Das Hamburger Abendblatt berichtete im Februar über Angie Sebrich. Die ehemalige Kommunikationschefin des Musiksenders MTV leitet heute eine Jugendherberge in Bayrischzell. Kein noch so attraktives Jobangebot hat sie bislang von ihrem, im Vergleich, gemütlichen Berg herunterholen können. Das Wirtschaftsmagazin Brandeins schrieb über den ehemaligen Bauleiter Olaf Bornemann, der sein gutbezahltes Leben auf Großbaustellen für die Herstellung von Lampen im eigenen Laden am Prenzlauer Berg aufgab – ein Zweimann-Betrieb. Die Lampen sind trotz Handarbeit bezahlbar, spart Bornemann doch Verwaltungs-, Vertriebs-, Transport – und Lagerkosten sowie Händlerspannen ein. Dafür lieben die Kunden seine Lampen – und holen diese gern persönlich ab.

HerbstmarktBewusster Verzicht und gezieltes Streichen gehören auch zum Herunterschalten in der Freizeit: Das Club- Magazin- oder Vereinsabo wird gekündigt und schafft Platz für Neues, für mehr Zeit zum Entspannen oder neue Beschäftigungen - für sich allein oder mit dem Partner. Das Loslassen von irgendwann unnütz und sinnentleert erscheinenden Beschäftigungen und Dingen sorgt dafür, dass die entstehende freie Zeit anders, lebendiger oder auch gar nicht gefüllt werden kann und dass ein Privatleben, Nähe und Spontanität überhaupt erst (wieder) möglich werden. Ein Anruf der Familie oder von Freunden bedeutet dann nicht mehr den automatisierten Abgleich mit dem Terminkalender, ob noch ein Termin frei sei – im eigenen Leben. Dabei kommt sich so mancher Mensch in der Neuzeit schon wie der eigene Zahnarzt in dessen Praxis vor. Fehlte nur noch, die Vorzimmerdame hätte den Kindern eines Tages keinen anderen freien Termin als nächsten Dienstag, zwischen 15:45 und 16:00 Uhr anzubieten. Damit das nicht passiert, haben Amerikaner und Engländer eine Downshifting-Woche eingeführt. Bis dahin kann man sich getrost wieder heillos mit allem eindecken, was nächstes Jahr abgeschafft werden soll.


2007-10-10 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos: ©Joy Fraser und Cornelia Schaible
Foto Themenbanner: ©Cornelia Schaible

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