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Zurück zur Schiefertafel

von Birgid Hanke

Zettelwirtschaft Gab es nicht einmal eine Zeit, in der wir alle vom papierlosen Büro träumten? Die harte Realität hat uns eines Besseren gelehrt. Jährlich fallen Millionen von Bäumen dem unstillbaren Papierhunger der modernen Zivilisation zum Opfer.

Meine Privatkorrespondenz findet nur doch nur noch per E-Mail statt. Meine Manuskripte hänge ich seit Jahr und Tag an eine E-Mail dran und schwupps sind diese in Sekundenschnelle bei der zuständigen Redakteurin auf dem Rechner. Wo auch immer hin auf diesem Globus. Nein, angeben will ich nicht, also: wo auch immer in diesem unseren Deutschland. Aber das Altpapier, das sich bei mir im Laufe der zwei Wochen bis zur nächsten Entsorgung ansammelt wird immer mehr, sowohl im Büro als auch zuhause.

So habe ich auch nur einen ganz kleinen, aber wahrscheinlich dennoch utopischen Traum. Ich träume nämlich von einem papierlosen Schulranzen. Besser gesagt : Ich träume vom zettelfreien Schulranzen. Es müssen schon einige Zentner Altpapier sein, die ich im Laufe der nunmehr acht Schuljahre aus den Tornistern, Beuteln, Taschen meiner beiden Töchter entsorgt habe.

Und mir hängt dieser Zettelkram zum Hals raus. So sehr, dass ich mich dabei ertappt habe, mir sehnlichst die Rückkehr der guten alten Schiefertafel zurück zu wünschen. Warum ist dieses praktische Gerät eigentlich so in Acht und Bann geraten ? Weil wir selbst es so wollten. Ja, wir die damaligen ABC-Schützen und I-Männchen des vorletzten Jahrhunderts.

Ja, ja, nur zu gut erinnere ich mich, wie stolz wir Kinder aus der Stadt waren, die wir im Gegensatz zu den Erstklässlern der einzügigen Dorfschule im ersten Schuljahr NICHT mehr auf Schiefertafeln schreiben und quietschen mussten. Unsere Fächer hießen Lesen, Schreiben, Rechnen. Wir hatten ein Heft für die Schule, ein Heft für die Hausaufgaben und ein Schönschreibheft. Basta. Alle liniert und diese den entsprechenden Klassen angepasst. Dazu kam noch ein kariertes Matheheft, das damals auch noch Rechenheft hieß. Fertig.

Heutzutage müssen die Kinder Ordner haben, Schnellhefter in ganz bestimmten Farben, dem jeweiligen Fach zugeordnet. Das ist schon einmal eine halbe Wissenschaft für sich. So sind Jahr für Jahr auf dem Informationsabend vor der Einschulung eifrig mitschreibende Eltern zu beobachten, die, zusammengekauert auf viel zu kleinen Stühlen, sich flüsternd unterhalten: Also, wie war das noch mal ? Rot für Mathematik, blau für Deutsch, gelb für Sachkunde oder umgekehrt? Und was hat Musik denn noch mal für eine Farbe ?
Am nächsten Tag werden die umliegenden Papierwarenhandlungen gestürmt, wo verständnisvolle Händler wie jedes Jahr schon alles parat liegen haben.
Haben Sie an das Taxi gedacht? erinnern sie ihre Kundschaft freundlich.
Ach Herrjemineh, die ist unheimlich wichtig, diese große schwarze Mappe ohne Heftung, sondern zum Auf- und Zuklappen. Das ist das Taxi, das Mitteilungen an die Eltern und noch nicht fertig bearbeitete Arbeitsblätter transportieren soll. Ein sehr unzuverlässiges Taxi. Zumindest bei mir kommt kaum mal etwas pünktlich an. Keine Einladung zum Elternabend, kein Infozettel über die nächste Klassenfahrt oder die nächste Projektwoche.
Und schon gar nicht: Das Verhalten Ihrer Tochter Katharina gibt zur Sorge Anlass, sie hat ...
Folgendes auf dem zerknüllten Blatt finde ich wiederum grandios, nämlich eine Aufzählung im Multiple-Choice-Verfahren, welchen Verstoßes sich meine unerzogene Tochter schuldig gemacht haben könnte. Zutreffendes hat der Lehrer aber nichts angekreuzt. Also soll ich mir selbst etwas aussuchen, mein eigenes Kreuzchen im Sündenregister machen? Die gesamte Benachrichtigung ein Zufallsfund.

Seit nunmehr auch acht Jahren sträube ich mich dagegen, regelmäßig und systematisch wie andere Mütter, die Ranzen meiner Kinder zu durchwühlen. Mag zwar ein blöder Gedanke sein, aber der Schulranzen meines Kindes gehört für mich doch schon in dessen Privatsphäre. So komme ich auch der Bitte einer Freundin - Ach, guck doch mal in meiner Handtasche und hol mir mein Portemonnaie raus, mehr als ungern nach. Für mich ist das eine Verletzung ihrer Intimssphäre.
Trotzdem: Ranzenkontrolle muss ab und an sein, ich weiß, ich weiß. Es sei denn, man ist mit der Anlage eines mobilen Biotops zwischen eigenen vier Wänden und Klassenraum einverstanden. So eine Matschbanane oder vergessene Stulle versteckt sich hervorragend unter all dem Zettelwust.

Wozu bekommen die Kinder eigentlich Schulbücher, die wir mittlerweile trotz Lehrmittelfreiheit doch selbst bezahlen müssen, wenn sie allenthalben mit DinA4 Blättern arbeiten sollen/müssen und es nicht tun? Meine beiden Töchter tun es zumindest nicht.
Ihr habt doch gerade funkelnagelneues Englischbuch erhalten? Warum arbeitet ihr denn nicht damit? frage ich.
Unser Lehrer finde das unbrauchbar, lautet die lakonische Anwort.
Ergo: Zettelkram. Mein Eindruck: Die Zettelitis wird immer schlimmer.

Ja, auch zu meiner Zeit arbeitete der Lehrkörper gerne mit selbst erstellten Arbeitsblättern. Damals wurden die Blätter noch auf Matrize getippt und mit der Hand durch eine Vervielfältigungsmaschine genudelt. Die lila Tinte verschmierte so wunderbar und war tagelang noch an Fingern und Klamotten zu sehen. Längst abgelöst vom Fotokopierer. Eifrig wird kopiert und an die Kinder verteilt. Zettel, Zettel, Zettel: Elternabend, Elternsprechtag, Projektwoche, Klassenfahrt, Theaterbesuch, Schulausflug, Museumsbesuch, Lehrerkonferenz. Dazu diverse Extraaufgaben, kleine Lerneineinheiten werden als Loseblattsammlung aufgebaut.

Rotz und Wasser hat meine kleine Tochter geheult, bis sie endlich ihren Füllerführerschein erworben hatte. Ein dicker Wulst lieblos zusammen gehefteter DinA-5 Blätter, auf dem sie das Schreiben mit dem Füller übte. Früher gab es dafür ein Heft, das Schönschreibheft und damit Basta. Als der unter Tränen erkämpfte Füllerführerschein endlich errungen war, landete er im Altpapier. Ein Heft würde doch etwas respektvoller behandelt. Und die Schiefertafel sowieso, denn die war höchst zerbrechlich. Warum kehrt man nicht zu dieser zurück ?

Naja, die Gefahr des Verwischens und des böswilligen Auslöschens mühselig gelöster Hausaufgaben wäre wohl leider zu groß ... . Und in unserer Zeit, in der schon Zweitklässler ihren Mitschüler demütigen, indem sie ihm die Hose herunter ziehen und den zitternden Halbnackten mit dem Handy fotografieren, eine weitere Variante des Mobbings.

Könnte die moderne Technik nicht auch endlich im Grundschulbereich greifen? Wahrscheinlich ist die schon längst so weit. Warum entwickelt sie nicht so etwas wie eine digitale Schiefertafel für Schüler. Wenn ich meine Tochter so beobachte, die sich seit Tagen mit ihrem Nintendo DS light beschäftigt, stundenlang mit einem kleinen Stift auf einem winzigen Screen herum tippt, um noch winzigere Katzenkinder zum Maunzen und Schnurren zu bringen. Niemals hätte ich ihr so ein Teil gekauft. Sie selbst hat eisern darauf hin gespart.Schiefertafel

Könnte man dieses Gerät denn nicht für den Schulgebrauch weiter entwickeln und damit einer sinnvolleren Nutzung zuführen?
Flache Touchscreens, mit denen die Kinder in der Schule und zuhause arbeiten, alles zentral erfasst auf dem Hauptrechner des Lehrkörpers. Die Kinder erledigen ihre Aufgaben, schicken sie nach Erledigung los. Am nächsten Tag könnte in der Schule statt an der Tafel auf einem entsprechend großen Riesenbildschirm alles gemeinsam kontrolliert, überarbeitet und weiter entwickelt werden.
Alles Utopie?
Dann eben zurück zur Schiefertafel!
Ich weiß nur eins: Ich will keine fettfleckig zerknitterten, eselsohrigen Din-A4-Blätter mehr entsorgen müssen.


2007-10-01 Birgid Hanke
Text: © Birgid Hanke
Illustrationen: ©aph

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