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Der Zeitungsjunge

Der Zeitungsjunge zog vom Marktplatz ins Internet. Findet er den Weg zurück?

von Angelika Petrich-Hornetz

A newspaper should have no friends.
Joseph Pulitzer

Zeitungsjunge Extrablatt, Extrablatt, kaufen Sie das Extrablatt, schrie der Junge auf dem Marktplatz und wedelte mit einer Ausgabe der Zeitung, die er feilbot so wild hin und her, als würde das Leben der ihn Umgebenden direkt davon abhängen, seinen Händen die neuesten Nachrichten zu entreißen - und diese unverzüglich zu lesen.
Bald war er von einem Dutzend Menschen umringt, die er zügig bediente. Der Stapel auf seinem linken Arm schrumpfte im Sekundentakt. Die rechte Hand gab Wechselgeld heraus, um sogleich davon befreit wieder erhoben mit einer Zeitung zu wedeln.

Morgens bot er die Nachricht feil, dass Russland einem deutschen Frachtflieger die Überflugsrechte entzogen hatte. Am Abend stand er wieder dort, und schrie genauso leidenschaftlich schließlich das Aussetzen des Überflugverbots heraus - in ohrenbetäubender Lautstärke, so dass selbst Neugierige aus der Breiten Straße herbeiströmten, manche nur um zu sehen, was hier eigentlich los war. Ein Herr, anfangs zögerlich, kaufte ihm schließlich doch ein Exemplar ab. Ob aus Interesse am Inhalt oder nur, um den Jungen für seinen außerordentlichen Einsatz die verdiente Anerkennung zu zollen?

Der Zeitungsjunge hätte auch genauso gut schreien können: Die Wurstpreise steigen, die Wurstpreise steigen, Abendausgabe, Abendausgabe, die Wurstpreise steigen, kaufen Sie die Abendausgabe! Gerade so, als würde der Kauf dieser Abend- oder jener Extraausgabe die Leser wahlweise vor Wurstpreisen oder Überflugsrechten exklusiv erretten können.

Die Neugier auf das, was in diesem Blatt stand, das solch ein herausragend lautes Personal mitten auf die Straße schickt, war jedenfalls groß. Schließlich musste man nun einfach wissen, was so dramatisch wichtig sein sollte. Immerhin will man selbst entscheiden dürfen, ob man sich darüber aufregen, laut schreien, weinen, lachen oder getrost resignieren darf. Und dazu braucht man Informationen. Die Welt und ihre Nachrichten ist in komplexen Rhythmen getaktet, auf die das Publikum morgens und abends besonders sensibel zu reagieren scheint.

Sie haben es längst gemerkt. Der Zeitungsjunge ist eine Fiktion. Oder besser gesagt, er ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesichtet worden. Nur wenige wissen überhaupt noch von seiner einstigen Dauerpräsenz im Straßenbild jeder Stadt, vorwiegend in den USA, so gründlich ist er vergangen. Die einzigen Zeitungsjungen, die man in der Gegenwart trifft, haben mit der ursprünglichen Version nicht mehr viel gemein: Mit Hackenporsche bewaffnete Mundfaule, die in einem irren Tempo sämtliche Briefkästen eines Wohnviertels mit reinen Werbeblättern, die niemand liest, vollstopfen. Dabei handelt es sich um kostenlose Anzeigenblätter, in der um seitenlange Reklame lediglich ein bisschen nicht zu allzu tiefsinniger Inhalt drapiert wird. Ihr teureres Pendant haben solche Druckwerke in sogenannten Kundenzeitschriften. Beide werden tunlichst in

positivistischer Aufmachung und Berichterstattung gehalten. Dynamik, Widersprüche und damit aufregende Artikel sind darin in der Regel echte Mangelware.

Die andere Sorte "Vertrieb" ist genauso mundfaul und meistens auch nicht mehr ganz jung: Nicht selten ein Mann und eine Frau – für die "Zielgruppenansprache", die sich mit einem Cafétischchen inklusive Sonnenschirmchen an irgendeiner einer belebten Ecke aufstellen – und mehr oder weniger geschickt um Abonnenten werben. Das heißt für den Lesenden, er solle sich binden und das, obwohl nichts so alt ist, wie die Nachrichten von gestern. Davon weiß das Vertriebspaar unterm Sonnenschirmchen nichts. Schließlich will es eben nicht ausdrücklich diese eine brandneue Ausgabe mit sensationellen Nachrichten verkaufen - die bekommen Sie sogar geschenkt - sondern die daneben liegenden inhaltslosen Kärtchen, in denen sich der von der Straße geangelte potenzielle Kunde verewigen soll, um fortan per Hauslieferung jahraus jahrein diese, eine Tageszeitung vor die Tür gelegt zu bekommen. Wenn Sie die deutlich mangelnde Begeisterung für das schnelle Medium testen wollen, fragen Sie solche Vertriebsduos doch einfach, was denn drin steht - in ihrer Zeitung.

Die Zeitung ist – neben Büchern, dem Fernseher und wahrscheinlich dem Auto - immer noch des Deutschen liebstes Ding. Doch vor dem Hintergrund der Digitalisierung von Informationen klagen die Zeitungsverlage über eine anhaltende Krise und fürchten insbesondere eine neue Generation, die immer ausgiebiger im Netz und immer weniger Gedrucktes liest. Ein anderes Problem steht auch schon bereit, rüsten die gebührenbezahlten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre eigenen Internet-Nachrichtenportale doch derzeit für diese nächste Generation massiv auf. Mit einem von der Allgemeinheit bequem finanzierten Polster ist es durchaus einfacher, sich neue Techniken und Geschäftsfelder zu erschließen, als mit einem mühsam selbst erwirtschafteten aus freiem Verkauf, Abonnements und Werbekunden, die zudem alle immer wählerischer und knauseriger werden.

Dabei, wenn man es einmal mit etwas Abstand betrachtet, kommt es einem schon fast wie ein Wunder vor, dass es überhaupt noch so urzeitliche Formen der Informationsbeschaffung wie Tageszeitungen und Zeitschriften gibt, die parallel zu existieren verstehen, obwohl die Konkurrenz auf der anderen Seite entweder technisch oder finanziell oder in beidem dermaßen hochgerüstet ist, dass es heute eigentlich unmöglich sein müsste, so etwas wie eine wirklich gute Tageszeitung zu machen. Zumal die gute, alte Zeitungs-Tradition des Unterschieds zwischen Werbung und Inhalt längst nicht mehr immer präsent ist. So manches Unternehmen verzichtet auf Anzeigen lediglich, weil über es kritischer berichtet wurde. Das scheint auch eine Gefahr für die Leser zu sein: Wenn dies Schule machte, bekämen wir bald nur noch Werbung statt Presse zu lesen.

Und dennoch, so scheinen es sämtliche Umfragen zu bestätigen, der deutsche Michel will auf seine Tageszeitung auf gar keinen Fall verzichten. Immer noch nicht. Stolze 80 Prozent sollen es in einer der jüngeren Umfragen von Emnid gewesen sein, die angaben, dass ihre Tageszeitung für sie eine unverzichtbare Informationsquelle wäre, die sie auch in Zukunft nutzen wollten. Ähnliches gilt für Zeitschriften. Die parallele Nutzung verschiedener Medien spiegelte sich jedoch auch in dieser Umfrage wieder. So gaben 61 Prozent an, dass sie sich bei Informationen, bei denen Aktualität im Vordergrund stünde, im Internet belesen. Wenn es jedoch um Hintergrundinformationen und tiefergehende Analysen ginge, setzten wieder 81 Prozent auf die Printmedien. Die Hälfte der Befragten hatte sogar den Eindruck der Internetboom klinge ab, und die Zeitung würde damit wieder wichtiger. Die andere, knappe Hälfte (47 Prozent) indes meinte, das Internet würde ihr Informationsverhalten künftig noch weiter verändern.

So schlecht sieht es also noch gar nicht aus. Das Stichwort lautet: die Hälfte. Mehrere Eisen im Feuer zu haben ist gerade für die Medienbranche überlebensnotwendig, für den Leser inzwischen auch. Während fast alle Zeitungsleser auch im Internet lesen, glauben sie von den dort dargebotenen Inhalten höchstens die Hälfte, was ungefähr hinkommen dürfte, und umgekehrt, im Print vielleicht sogar genauso. Hinzu kommt: Nicht nur als ehemals geteiltes Volk wissen wir, dass wir, um wenigstens einigermaßen informiert zu werden, sowohl den Frühschoppen im West- als auch den Schwarzen Kanal im Ost-Fernsehen gucken mussten, ohne einen größeren Dachschaden zu entwickeln. Auf beiden Sendern wurden die Missetaten der jeweils anderen Politiker breitgetreten, und davon stimmten wiederum, wenn überhaupt, höchstens ebenfalls fünfzig Prozent. Hat es uns geschadet, außer, dass wir gelernt haben, uns mehrerer Quellen zu bedienen - und anschließend eine eigene Meinung zu entwickeln? Ein Grund, die Deutschen ein Lesevolk zu nennen, liegt vielleicht schlicht darin, dass dieses sich, anders als vielfach vermutet, schon viel länger und viel öfter bewusst und kritisch in mehreren, unterschiedlichen Medien informiert sowie längst nicht alles glaubt, was ihm dort serviert wird.

Während tonnenweise Kundenzeitschriften ungelesen im Altpapier landen, greift der Leser in Deutschland lieber zum dicken Wälzer oder zu seiner Tageszeitung und gönnt sich die Muße des Lesens - ganz egal wie viele mobile Technik dagegen geboten werden mag. Auffällig dabei nur eines: Was viele regelmäßige Leser wirklich schmerzt, sind leere Worthülsen, weil's dann schade um das teure Papier ist. Und was ist mit der Zeitung 2.0: Leserforen, Userbeteiligung etc? Siehe Zitat, dessen Sinn einigen sofort, anderen erst nach Jahrzehnten aufgeht.

Insofern haben die deutschen Zeitungsverleger immerhin das Glück ein geübtes, wenn auch verwöhntes und kritisches Publikum vor sich zu haben sowie eine Internetgemeinde, die neben allem technischen Schnickschnack gleichzeitig traditionell mit dem gedruckten Wort versorgt werden will. Die Angst vor einer Generation, die nicht mehr liest, scheint zunächst nicht ganz unbegründet. Doch wie viele angebliche Nicht-Leser gibt es wirklich? In nicht wenigen Teenager-Zimmern von geradezu internetsüchtigen 16-Jährigen finden sich erstaunlich viele Meter Buch auf den Regalen. Das Abendblattland ist längst noch nicht verloren.

Das Internet ist angeblich immer schneller als die Zeitung und kennt keine Sonntage. Von wegen: Nachrichten oder Artikel brauchen Stunden bis Tage, bevor sie in den Suchmaschinen gefunden werden können. Webinhalte katapultieren sich selten ins Netz, sie kriechen und sickern durch. Wer kein Stammblatt oder gleich mehrere auch im Web hat, der sucht sich nach Aktuellem fast genauso lange dämlich, wie er genauso gemütlich zum Kiosk spazieren gehen und sich dort in aller Ruhe mit Aktuellem versorgen kann. Pünktlich ab Ende Oktober sind Weihnachtstexte im Internet der Renner. Selbst im November erkennt man deutlich, dass die Grabpflege die Leser zu Allerheiligen alle Jahre wieder beschäftigt. Ähnlich zu Ostern, zur Ferienzeit oder kurz vorm Muttertag, der Jahreslauf wird durch das Internet auch nicht geändert. An Sonn- und Feiertagen geht es inzwischen auch im Internet weitaus beschaulicher zu als noch in den achtziger und neunziger Jahren, es sei denn auf den Seiten mit Freizeitangeboten. Das ist auch im richtigen Leben ganz ähnlich.

Die Schnelligkeit des Internets funktioniert zwar immer öfter, aber nicht immer. Auch Webinhalte müssen recherchiert und geprüft – sowie erst hochgeladen werden. Der erst auf den zweiten Blick erkennbaren Langsamkeit der digitalisierten Information, die bislang in der Regel übrigens immer mit Personalabbau kombiniert wurde, passte man sich auch im Print an oder praktizierte sie schon immer. Zum Beispiel verzichtet man in unserer Stadt auf eine Montagsausgabe des Regionalblattes. Das stellen Sie sich einmal vor: Am Sonntag besucht Brad Pitt Ihre Stadt, eine Sturmflut weht das Buffet plus Prominenz im anliegenden Hotel vom Tisch und Sie, als unmittelbarer Anwohner, erfahren es als Letzter. In solche großzügigen Lücken springt die Konkurrenz nicht erst seit Erfindung des Internets mit Freude hinein.

Nun mag es viele Gründe dafür geben, dass einem im Internet ständig sämtliche, wichtige und unwichtige Nachrichten dargeboten werden, die alle durchzulesen höchstens noch ein Langzeitinhaftierter mit schnellem Internetanschluss schaffen könnte, während die Tageszeitung, am Anfang des Tages konsumiert, immer noch alles von gestern in festen Lettern herausposaunt. Oder sie verkündet morgens Prognosen. Als dritte Variante gibt man eigens entwickelte Themen vor, erfindet sich damit täglich selbst neu und predigt das Ganze von der "Redaktionskanzel" - während der Leser längst Bescheid weiß, weil er ja auch noch woanders liest.

Das Filtern von Informationen ist dabei an sich nicht verwerflich, schließlich forderte gerade die in den letzten zwei Jahrzehnten auf nahezu jeden Erdenbürger hereingebrochene, globale Informationsflut dazu heraus, einen besonderen Blick für die Unterscheidung zwischen wichtigen und weniger wichtigen Informationen zu entwickeln. Nur wenn man nichts hat, ständig Neues zu erfinden, ist keine Aufgabe einer Zeitung, die anders als ein Magazin der Aktualität und dem Tagesgeschehen verpflichtet ist. Schließlich platzt die Welt vor lauter Nachrichten jeden Tag aufs Neue immer wieder fast aus allen Nähten.

Das Problem ist eher der Rhythmus der Veröffentlichung. Es gibt noch viele Leser, immerhin mehr als zwanzig Millionen Ruheständler, die zumindest theoretisch morgens die Zeit finden könnten, einen Blick in die Zeitung zu werfen oder wenigstens die Schlagzeilen zu überfliegen. Immer mehr durchaus willige Leser allerdings haben diese Zeit nicht mehr und freuen sich redlich auf ihre wohlverdiente Abendlektüre. Dann bekommen sie lediglich noch das zu lesen, was sie längst wissen. Eine Tageszeitung, die erst am Abend erscheint und brühwarm über das berichtet, was tagsüber Wichtiges geschehen ist, sucht man in der sonst so gut sortierten Presselandschaft inzwischen vergebens.

Manche haben noch so einen Rhythmus, wenn auch nur im Internet. Zum Beispiel n-tv oder die Deutsche Welle, die radiogestählt, morgens um 6:00 Uhr und abends um 18:00 Uhr mit ihrem Newsletter - dem liebgewonnenen Chamäleon aus Web und Print - zweimal täglich Nachrichten beständig verbreitet und dazwischen noch ein paar Presseschauen. Zweimal täglich, das reicht. Viel mehr geht in den durchschnittlichen Leser gar nicht hinein. In den Roaring Twenties, brachten es die Zeitungsverlage mit den neuen Rotationspressen sogar auf drei bis vier tägliche Ausgaben: morgens, mittags, abends und nachts. Das Internet führte diese täglich mehrmals aktualisierten Ausgaben (früher, heute seltener als Update gekennzeichnet) wieder ein - und damit nichts Neues, sondern lediglich das, was es schon einmal gab, übrigens auch gerade durch Zeitungsverlage, die das Konzept der vorrangingen Internet-Veröffentlichung in den Online-Ausgaben ihrer eigenen Blätter verfolgen.

ZeitungsjungeAbgesehen von Brancheninformationen verkraften die wenigsten Menschen, allen mobilen und hochverfügbaren Technologien zum Trotz, mehr als zweimal täglich Tagesgeschehen - außer dem eigenen. Höchsten die Medienbranche selbst liest den ganzen Tag Nachrichten. Leider gibt es trotz Digitaldruck kein Blatt mehr, dass sich eine Morgen- und eine Abendausgabe leisten kann, weil all das, was dazu notwendig wäre, zum Beispiel rund um die Uhr arbeitende Redaktionen, nur noch fürs Internet aufgeboten werden.

Der fiktive Zeitungsjunge auf dem Marktplatz schreit wieder: Abendausgabe, neueste Nachrichten, Pakistan verhängt Ausnahmezustand, Abendausgabe, kaufen Sie die Abendausgabe! Wieder deckte man sich nach Feierabend mit frei verkäuflichen Exemplaren ein, nur wenige Cent das Stück. Das schlicht unverzichtbar gewordene Internet braucht aber immer noch irgendeinen Bildschirm: Die einen sind zu klein, die anderen geben eine starre Sitz-, Liege- und damit Leseposition vor. Zeitungen und Magazine können dagegen auch rückwärts, in engen Zugabteilen, auf dem Sofa und in der Badewanne gelesen werden, ohne Fernbedienung, ohne Maus - Lesen pur.

Also, alles beim Alten? Lesen Sie weiter: Der Zeitungsjunge II


2007-11-04 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©Angelika Petrich-Hornetz
Foto Themenbanner: ©Cornelia Schaible

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