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Edward ‚Ned’ Kelly

Er war ein Mörder, ein Bandit und forderte Gerechtigkeit. Als Outlaw hörte ihm niemand zu, ein Brief machte ihn nach seinem Tod zur Legende

von Angelika Petrich-Hornetz

Ned KellyDie Engländer haben Robin Hood, Norddeutschland Klaus Störtebecker - Australien hat Ned Kelly. 1854/55 in der Nähe von Melbourne, im Bundesstaat Victoria wurde Edward Kelly als ältestes von acht Kindern einer irischen Einwandererfamilie geboren. Er war ein Outlaw, ein Gesetzloser und ging als Volksheld in die australische Geschichte ein, weil, was bis heute nicht unumstritten ist, er seine Beute mit den Armen teilte.
Als sein Vater starb, der wegen Diebstahls von zwei Schweinen sieben Jahre im Gefängnis verbracht hatte, war Ned zwölf Jahre alt. Er musste die Schule daraufhin verlassen, um seine jüngeren Geschwister zu ernähren. Dafür schlug sich Ned zunächst als Hilfsarbeiter, als Boxer und als Viehdieb durch. Mit jugendlichen 16 saß er das erste Mal für längere Zeit hinter Gittern.

Unter der englischen Krone ging es zu Lebzeiten Kellys auf dem fünften Kontinent noch alles andere als zivilisiert zu. In der von protestantischen Iren und Engländern dominierten Gesellschaft galten katholische Iren als krimineller Abschaum. Ned Kelly prangerte diesen Zustand an, in einem Brief, dem berühmten Jerilderie-Letter, den er 1879 diktierte, nachdem er schon mehrmals wegen Straßenraubs und Überfällen im Gefängnis gesessen hatte oder zu Zwangsarbeit verurteilt worden war. Zu dem Zeitpunkt war Kelly längst untergetaucht und damit auf einer bis zu seinem Tod andauernden Flucht vor seinen Häschern. In dem Brief wandte er sich an die Öffentlichkeit - den diese zu Kellys Lebzeiten nie erreichte. Kelly beklagte darin nicht nur die Behandlung der eigenen Person und Familie, sondern auch die der irischen Siedler und allgemein der verarmten Bevölkerung. Er prangerte korrupte Behörden und die Politik der Großgrundbesitzer sowie die der britischen Krone an.

Vielleicht war dies die herausragende Lebensleistung, die letztendlich die Person, die damit verbunden war, zur Legende machte. Ned Kelly erkannte im Gegensatz anderen Zeitgenossenen den größeren Zusammenhang des eigenen, persönlichen Lebens als Outlaw mit dem Schicksal der verarmten Landarbeiter und den Strukturen der damaligen Gesellschaft. Er sprach bislang Unausgesprochenes aus und ließ es sogar zu Papier bringen. Damit sah er über den eigenen Tellerrand hinaus und war seiner Zeit voraus, in der das Verfassen von sozialkritischen Schriftstücken anderen als seinesgleichen vorbehalten war. Erst rund 70 Jahre später, im Jahr 1948 sollte der Jerilderie-Letter in dem Buch Australian Son von Max Brown veröffentlicht werden. Seit dem Jahr 2000 ist das Original im Besitz der State Library of Victoria.

Wann Ned Kelly das erste Mal kriminell wurde, ist nicht ganz geklärt. Wegen Pferdediebstahls wird er irgendwann zu drei Jahren verurteilt. Die anschließenden dubiosen Viehgeschäfte mit seinem Bruder Dan scheinen sein Schicksal entgültig besiegelt zu haben: Die ungeteilte Aufmerksamkeit der Polizei war ihm seitdem sicher – die der Öffentlichkeit begann zu wachsen. Nicht ganz geklärt sind auch die Ereignisse um Neds Schwester Kate Kelly und des Polizisten Alexander Fitzpatrick, der in Kellys Elternhaus drängte, verletzt wurde und später - wahrscheinlich nach einigen Drinks - aussagte, Ned Kelly, dessen Anwesenheit zum Tatzeitpunkt fraglich ist, habe auf ihn geschossen. Doch Kelly wurde daraufhin des versuchten Mordes beschuldigt und überall gesucht. Dieser hatte nun keine andere Wahl mehr, als in den Busch, und damit in den Untergrund zu fliehen. Ein paar Anhänger folgten ihm, darunter sein jüngerer Bruder - der Beginn der zweijährigen Geschichte der Kelly-Bande.

Ned KellyDie von den australischen Behörden nun gesuchte und gejagte Bande raubte Banken aus und gab, so heißt es, einen Teil der Beute hochverschuldeten Farmern. Auch das machte deren Anführer zum Volkshelden und gleichzeitig zum Staatsfeind Nummer 1. Schließlich endete das junge Leben von von Ned Kelly 1880 in Glenrowan. Zwar bot ihm seine berühmte selbstgebaute Metallrüstung auch während dieser Schießerei Schutz, doch der Verletzte wurde festgenommen und am 11. November 1880 in Melbourne gehängt. Unter seiner Rüstung fand man die Schärpe, die ihm als Schulkind verliehen worden war: Unter eigener Lebensgefahr hatte er einen anderen Jungen vor dem Ertrinken gerettet. Zahlreiche Bücher, Dokumentationen, Museen, Sammlungen, Ausstellungen und Filme gibt es über das Leben Ned Kellys, und es werden nicht die letzten sein.

Weiterführende Informationen, u.a. mit Reisehinweisen:
www.ironoutlaw.com - Ned Kelly

Mehr zum: Jerilderie-Letter

Mehr über: Ned Kelly


2008-01-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustraionen: © Angelika Petrich-Hornetz

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