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Viel Uran für nichts

Weltweit schießen neue Meiler und Minen aus dem Boden, um angeblich saubere und billige Energie zu produzieren. Australien betreibt nur ein Atomkraftwerk, sitzt jedoch auf den größten Uranvorkommen der Erde

von Angelika Petrich-Hornetz

Noch im September vergangenes Jahr unterzeichnete der inzwischen abgewählte, konservative Regierungschef John Howard mit seinem ebenfalls bald scheidenden russischen Amtskollegen Wladimir Putin ein Abkommen über Uran-Lieferungen für rund 30 neue Atomkraftwerke, die in den nächsten zwanzig Jahren in Russland gebaut werden sollen. Die australischen Export-Bestimmungen sind streng, so darf kein Uran zu militärischen Zwecken ausgeführt werden. Die damalige Opposition meldete gegen den Russland-Deal deshalb Bedenken an.

Im Januar 2008 setzte dann die neue australische Regierung die noch von der alten Regierung zugesagten Uran-Exporte nach Indien erst einmal aus – solange Indien den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (NPT) nicht unterzeichnen will. Vergangenes Jahr reklamierte Bruno Julien, der EU-Botschafter in Australien, mit dem Argument friedlicher Nutzung einen größeren Anteil der australischen Uranreserven für die Europäische Union: Schließlich sei die EU, was den NPT-Vertrag betrifft, sicherer als viele andere Länder-Kunden - und Europa brauche die Kernenergie wegen der Energiesicherheit und dem Klimawandel, so Julian gegenüber Alan Carpenter, dem Premierminister von West-Australien (WA), der, wenn auch die Labor-Partei, die mittlerweile in Australien die Regierung stellt, ebenfalls inzwischen dazu neigt die Drei-Minen-Politik aufzuweichen, zumindest in seinem Bundesstaat keine neue haben wolle, solange er dort im Amt sei – sagte er jedenfalls 2007.
(Quelle: The Australien, 12. April 2007)

Längst unter Dach und Fach ist neben zwanzig anderen Uran-Verträgen auch das Abkommen mit China, für 50 neue AKWs in zwanzig Jahren. Die Australier profitieren nicht zu knapp von den Einnahmen aus dem Uran-Handel mit China, der vor rund zwei Jahren von beiden Ländern vereinbart wurde. Das bringt die Drei-Minen-Politik ins Schwitzen. Diese stammt noch von der alten Labor-Regierung - vor der insgesamt zwölfjährigen Amtszeit des Konservativen John Howard. Und mindestens solange es diese gibt, wird auch daran gekrittelt, dass in Australien nur drei Uran-Minen gleichzeitig betrieben werden dürfen. Einerseits bringt der Handel dem fünften Kontinent viel Geld ein, andererseits ist so gut wie jedem Australier bekannt, wie gefährlich dieser ist – vor allem dann, wenn der Rohstoff in die falschen Hände geraten könnte.

So wie China, Russland, Groß Britannien, Iran, Südafrika und viele, viele andere Länder, will auch Indien dem wachsenden Energiebedarf seiner boomenden Wirtschaft mit neuen Atomkraftwerken begegnen. Frankreich versorgt indes eigenständig andere Staaten mit der entsprechenden Technologie (und mit Uran aus Niger) - und bleibt dabei offensichtlich ganz unbehelligt von der Konkurrenz regenerativer Energien, was bei manch einem der sonnenreichen Atom-Kunden-Staaten durchaus verwundert. Weltweit könnte sich dem aktuellen Trend entsprechend die Zahl der derzeit vorhandenen 438 Kernkraftwerke in den nächsten Jahren auf rund 700 erhöhen – mit nach oben offener Richterskala. Der Hunger nach dem Rohstoff Uran wird damit nur noch größer.

Neben Australien profitieren von der so genannten Atomkraft-Renaissance und damit vom Handel mit dem Rohstoff Uran derzeit auch viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent wie Sambia, wo noch unentdeckte Reserven schlummern sollen. Niger, Südafrika, Kongo, Namibia, Malawi und Botswana sind längst im Geschäft. Niger ist in kürzester Zeit sogar zum weltweit viergrößte Uran-Produzenten aufgestiegen, gleich nach Kanada, Australien und Kasachstan.

Wie lukrativ das Geschäft geworden ist, demonstriert der Uran-Preis, der sich allein in den vergangenen fünf Jahren verfünfzehnfacht hatte und nach ein paar Korrekturen – u.a. nach dem Reaktorunfall in Japan - immer noch fünf- bis zehnmal höher liegt als im Jahr 2000. Im Januar 2008 wurde Uran kurzfristig deutlich billiger, weil die Minen mehr förderten. Die Branche rechnet jedoch nun wieder mit kräftig anziehenden Preisen: Einerseits wird die Nachfrage in den nächsten Jahren kontinuierlich ansteigen, andererseits gehen die letzten Reserven aus der atomaren Abrüstung zu Ende.

Ganze drei Hedge-Fonds teilen sich den Kuchen und das Recht Uran zu lagern, ein Geschäft, das ihnen in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 46 Prozent Zuwachs pro Jahr beschert haben soll. Zahlreiche Firmen betätigen sich zudem als Erkunder von Uranvorkommen oder mit deren Abbau. Der finanzielle Anreizin Uran zu investieren wird immer größer - und gibt der Atomindustrie noch mehr Schub.

Schlichten Marktgesetzen gehorchend entspricht die nächste Hausse auf dem Uran-Markt der wachsenden Nachfrage. Die fiel in jüngster Vergangenheit schon häufiger größer als das Angebot aus und dann winkten satte Gewinne. Vielleicht wird dem ein oder anderen spätestens beim Anblick des Uranhandels etwas deutlicher, dass die als hochmodern bezeichnete Energiegewinnung per Reaktor ganz simpel auf einen schnöden Rohstoff angewiesen ist, dessen Ressourcen begrenzt sind – wie die von Öl oder Kohle.

Damit steigt – neben allen anderen Problemen – die Gefahr, das der angeblich so saubere und momentan noch relativ billige Atomstrom eines Tages ähnlich kräftige Teuerungen erfahren könnte, wie es auch bei Kraftstoffen aus Öl der Fall war. Atomstrom-Kritiker warnen schon jetzt davor, dass sich Investitionen in Minen und Meiler in allzu naher Zukunft nicht mehr rechnen werden, wenn die Uran-Konzentrationen in den Erzen immer geringer ausfallen. Die Anreicherung des Rohstoffs in niedrigen Konzentrationen zu kernkrafttauglichem Uran ist teuer: Sie frisst nichts anderes als Energie. Die noch wirtschaftlich nutzbaren Vorkommen sollen nach Schätzungen etwa für die nächsten 50 bis 70 Jahre reichen. Das ist nicht besonders viel für eine Energie der Zukunft.

Sollte die Prognose immer geringerer Konzentrationen und rasch teurer werdender Beschaffung zutreffen, könnte auch aus ökonomischer Sicht von einer Investition in eine langfristige Stromsicherung oder gar einer Lösung des Frage, woher die Energie der Zukunft kommen soll, kaum noch die Rede sein. Höchstens kurzfristige Gewinne sind dann noch drin. Nachhaltig ist bislang lediglich der zurückbleibende Müll, dessen Massenproduktion gerade ebenfalls eine Renaissance erfährt. Und je mehr Uranminen aufgemacht werden, desto nachhaltig tiefer werden allenfalls noch die Sorgenfalten in den Gesichtern von Anti-Terrorexperten. Ein blühender Schwarzmarkt für Uran ist das Allerletzte, was die Welt gebrauchen kann.

Australien selbst hat nur ein einziges Atomkraftwerk, etwa dreißig Kilometer vom Stadtkern von Sydney entfernt, in den Lucas Heights, am Rand des Royal National Park gelegen. Dessen neuer Reaktor OPAL (Open Pool Australian Lightwater Reactor) produziert ebenso wenig wie der alte Reaktor kommerziellen Strom, sondern fungiert als Forschungsreaktor – jedenfalls, wenn er läuft. Das für 400-Millionen Australische Dollar gebaute, teure Stück musste seit Sommer vergangenes Jahr erst einmal für mehrere Monate abgestellt werden, unter anderem wegen eines Lecks, das sich drei Monate nach seiner feierlichen Einweihung durch den damaligen Premier auftat.

Der OPAL-Vorgänger HIFAR (High Flux Australian Reactor) wurde im Jahr 2007. stillgelegt, als der Neue kam. 1958 im kalten Krieg war er eingeweiht worden. Man wollte damals dabei sein, am Nuclear Table – ein erstaunlicherweise immer noch nicht zu unterschätzendes Argument, das selbst im Jahr 2008 in vielen Staaten noch Blüten treibt.

Australien gewinnt seinen Strom vorwiegend aus der eigenen Kohle, die es auch exportiert und besitzt unter anderen das zweitgrößte Kohlekraftwerk der Welt. Kohle bläst allerdings viel C0² in die Atmosphäre. Bislang blieben die Techniken zur Reduzierung desselben noch unbefriedigend. Labor-Chef Kevin Rudd führte seinen Wahlkampf dann auch zielorientiert mit dem Thema erneuerbare Energien. Wie weit die neue Regierung nun allerdings in der eigenen Energieversorgung wechseln kann und will, ist derzeit noch ungewiss. Und wie diese Regierung mit ihren Uranexporten umgehen will, auf dessen Einnahmen sie wohl kaum komplett verzichten kann und wird, ist das zweite große nationale Thema, das gleichzeitig ein weltweites ist. In einem Land, das auf dem Rohstoff der globalen Atomindustrie sitzt, hat das auch noch eine etwas andere Bedeutung als anderswo.

Deutschland ist nur einer der vielen australischen Uran-Kunden, und nicht wenige dieser Kunden haben den Abbau von Uran längst eingestellt. Es scheint als sei der Markt gut aufgeteilt: Die einen bauen Uran ab, die anderen kaufen ein und machen Strom daraus – beides auf einmal kann man nicht jeder Bevölkerung zumuten, zumal diese ständig über die Gefahren für die Gesundheit und die Umwelt murrt. Eines von beiden geht indes so gut wie immer. Und wer gleichzeitig Lieferant und Kunde ist, trennt die Länder oder Regionen ebenfalls sauber in diejenigen, die Uran abbauen und diejenigen, die Atomkraftwerke bauen sollen. Jedenfalls scheint es auf die Art und Weise gerade sehr gut zu funktionieren.

Ganz zum Schluss kommt dann immer noch das Geschäft mit dem Müll, der um die halbe Welt geschickt wird – und sicher gelagert werden soll. Archäologen künftiger Generationen kann man nur dringend anraten, nicht allzu intensiv zu graben. Zurück auf Los? Eher die Geschichte einer erfolgreichen Rohstoff-Branche, die sich international etabliert hat. Sie hat einen Markt durchgesetzt, der die Politiker in den nächsten Jahren in allen Staaten schwer beschäftigen wird, ob es diesen nun passt oder nicht, ob sie dafür verantwortlich sind oder nicht, damit nicht unähnlich dem Öl - mit nachhaltigeren Kopfschmerzen bei ähnlich kurzer Laufzeit, an deren Ende die Frage nach einer Energie der Zukunft wieder einmal unbeantwortet stehen bleibt. Die Würfel sind gefallen. Wer dieser globalen Erfolgsgeschichte noch irgendetwas entgegensetzen will, sollte sich beeilen.


2008-02-14 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustraionen: © Angelika Petrich-Hornetz

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