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Dein idiotischer Freund

Anwesend in Film und Realität

von Angelika Petrich-Hornetz

Do You know, where hell is? Hell is in hello.
Lee Marvin

FreundSeit ich über Ostern mit meinen Neffen die neuen Episode von SpongeBob - Die Pest von Wildwest, sehen durfte, weiß ich, was ich bin: ein Idiot. Dort trällern der Schwammkopf und Patrick nämlich ein wahres Liedchen über den besten Freund, diesen Idioten. Vorher stellte SpongBob fest, dass er einen berühmten Urahnen hat, den Westernhelden SpongeBuck, der einst die Stadt Bikini Gulch vor dem bösen Dead Eye Plankton rettete. Die Vertreibung des Bösen klappte natürlich nur durch den festen Zusammenhalt der besten Freunde.

Und das sind demnach liebe Idioten - immer dann zur Stelle, wenn all die nervigen Jobs anliegen, für die andere Menschen – außer vielleicht noch die nächsten Verwandten – gewöhnlich nicht zur Verfügung stehen, zum Beispiel zum Hosen-Hochziehen, Zitat aus Die Pest von Wildwest: "Wer zieht Dir die Hose hoch?", Antwort: "Der Idiooot!" Letzteres wird in Deutschland wahrscheinlich erst in den nächsten Jahrzehnten ein Thema werden, wenn die große Pflegebedürftigkeit ausbricht, und das Hosenhochziehen ohne die treuen Idioten in Mehr-Generationen-Häusern und anderen Pflege-Wohngemeinschaften einfach nicht mehr klappen will.

Die dort im Trick-Film gefeierte Idiotie guter Freunde entspricht jedoch durchaus auch schon heute dem richtigen Leben. Es gibt viele miese Jobs innerhalb der Freundeskultur, die nur noch die treuesten Idioten lächelnd durchstehen, zum Beispiel Umzüge. Klar, es gibt Firmen, die das übernehmen – und die sollte man auch tunlichst gerade bei Wiederholung benutzen, wenn man es sich mit seinen besten Freunden nicht verscherzen will. Doch zumindest aus jüngeren Jahren kennen fast alle Menschen Umzüge aus Ausbildungs- und anderen ortsverändernden Gründen sowie das gleichzeitig fehlende Kleingeld, das höchstens noch für einen Miettransporter reicht. Also müssen die Idioten ran, die komplette Tage und Wochenenden mit dem Schleppen der Möbel anderer Leute verbringen. Die anderen dürften sich eher zur Kategorie Gutwetter-Freunde zählen, etwa zum Plaudern, insbesondere zum Eingeladen-Werden, die mit ihrer Abwesenheit immer dann glänzen, wenn gerade die so akute wie berühmte Not am Mann herrscht.

Deshalb trällerte Lee Marvin im filmischen Western-Musical Paint Your Wagon - zu Deutsch: Westwärts zieht der Wind - vielleicht auch so einprägsam, Zitat: "Do you know where hell is? Hell is in hello. Heaven is in good bye for ever, it’s time for me to go. I was born under a wandering star …” . Wer sich nämlich zu lang in trauter Freundesumgebung aufhält, kommt nicht nur in den Genuss anstrengender Transporte und weiterer, womöglich noch schlimmerer, temporärer Dienstleistungen. Das kann nämlich noch dadurch getoppt werden, dass die freundschaftlichen Dienste alles andere als temporär bleiben und in Regelmäßigkeit ausarten, als da wären der kostenlose Babysitter, der kostenlose PC-Notfallservice, der kostenlose Flugplatz-Bringdienst - und vieles andere mehr.

Klassisch ist auch die Rolle des ewigen Trösters, anlässlich von kurz- bis langfristigen Beziehungsproblemen bis hin zu akuten Psychosen der so Geschädigten: Wer ist dann da? Natürlich, der beste Freund, die beste Freundin, und zwar in vierundzwanzigstündigem Bereitschaftsdienst. Die so mit tiefster Freundschaft Geehrten dürfen sich geduldig alles anhören, möglichst widerspruchslos abnickend und unbedingtes Recht beipflichtend – oder finden sich gar unversehens plötzlich in der Rolle eines Mediators wieder, als neutraler Schlichter, dem gar eine Lösung für eine heillose zerstrittene Ehe einfallen soll.

Wenn diese trotz bereitwilligen Freundeseinsatz zu Bruch geht, wie meistens, schließlich kann der Idiot weder Anwalt noch Richter ersetzten, bleibt manchmal noch ein beliebtes Spezialthema für echte Freunde übrig: Kinder - ein Bereich für sich und exklusiv für Idioten gemacht: "Im Königreich der Idioten ist der Kretin unantastbar", konstatierte Roland Giraud in der Rolle des Pierre im Film Drei Männer und ein Baby - jedenfalls in der deutschen Synchronisation des französischen Originals -, als seine Freunde ob des störenden Kleinkindes anfingen zu murren. Die so Bedachten und zum Essen geladenen, bislang völlig Ahnungslosen anworteten daraufhin konsequent: "Die Idioten gehen jetzt!"

Offensichtlich waren sie keine richtigen Freunde, sondern lediglich regelmäßig Anwesende, die sich ohne von Freundespflichten belastet zu werden, einfach nur amüsieren wollten. Schließlich gingen sie genau in dem Moment, als es ernst wurde, weil sie – selbst bewusst kinderlos - gar keine Lust hatten, sich mit so etwas Nervigem wie den brüllenden Blagen ihrer Freunde zu beschäftigen. So etwas kann sich ein richtiger Idiot und Freund aber keineswegs leisten.

Ähnlich wie in diesem Film, finden sich auch im Alltag nur die besten Freunde plötzlich in der Rolle besserer Babysitter wieder. Oder sie werden zum Paten ernannt, worüber sie sich gefälligst zu freuen haben. Wehe, man wartet dann nicht zu jedem Geburtstag mit einem ausgesuchten Geschenk für die lieben Kleinen auf. Diese ganz spezielle Rolle wird man übrigens nie wieder los. Also, Obacht: Schauen Sie sich das Gör genau an, mit dem Sie weder verwandt noch verschwägert sind, doch dessen Zukunftssicherung Sie kraft Ernennung werden, und dessen zumindest zusätzliche Aussteuer Sie im Lauf der nächsten Jahrzehnte zusammentragen werden.

Echte Freunde veräppeln einen offenbar immer ein bisschen, fast wie eigene Kinder - oder enge Verwandte, auch die nutzten einen immer ein klein wenig aus. Es gehört einfach dazu, Nehmen und Geben sind schließlich urmenschlich. Dass man nur gemeinsam etwas Größeres erreichen kann, hat nicht nur SpongeBob, sondern schon fast jeder erwachsene Mensch in der ein oder anderen Form erfahren dürfen oder müssen. Sich aller Freunde zu entledigen scheint daher schon aus reinem Eigennutz gar keine gute Idee zu sein.

In der Regel bekommt man für seinen Einsatz viel zurück. Wenn es auch in umgekehrter Richtung wirklich ernst wird, bleibt nur der gute, treue, und damit idiotische Freund, dem es nichts ausmacht, eine geschlagene Woche lang wie ein Pirat auf seinem schwankenden Schiff durch die Gegend - inklusive am Arbeitsplatz - zu stelzen. Das kommt von dem strengen Waden-Muskelkater, verursacht durch den letzten Umzug eines lieben Freundes - in einen romantischen Altbau, dritter Stock, ohne Aufzug versteht sich.

Und wie sehr man gute Freunde eines Tages vermissen kann, davon wissen die Angestellten der globalen Wirtschaft zu berichten: Plötzlich ziehen die liebe Idiotin, einst Umzugshelferin, Trauzeugin, Taufpatin und der liebe Dummkopf, Seelentröster und Tennispartner in Personalunion, nicht nur in eine andere Straße oder in eine andere Stadt um, sondern wechseln den ganzen Kontinent. Damit ist man getrennt worden, zwangsläufig. Freiwillig passiert so etwas auch. Und es hat durchaus Vorteile, sich überlegt aus rein inhaltlichen Gründen lebenslänglich verabschieden zu dürfen – ohne die üblichen, unangenehme Folgen von Verwandtschaft, was auch die Anhänger wilder Ehen durchaus zu schätzen wissen, auch wenn sie als eheähnliche Lebensgemeinschaft längst amtlich erfasst in eine andere Schublade gesteckt worden sind, als in diejenige, auf der "freundliche Idioten" steht.

FreundeLiebesbeziehungen kommen und gehen - gute Freunde bleiben, lautet eine Volksweisheit, die mindestens dutzendfach auch im Film dokumentiert wurde und im wahren Leben gerade in Zeiten zunehmender Scheidungen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Doch bei aller Freundschaft, diese Idiotenrolle kann tatsächlich lebenslänglich werden. Deshalb gilt auch hier der alte Grundsatz aller Partnerschaften: Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht noch ‚was Bessres’ findet. Die Chemie sollte schon stimmen, wenn man das aushalten will. Werden die Lasten der Freundschaft von zwei anhänglichen Idioten jedoch brüderlich geteilt, gibt’s die Freude dafür bekanntlich gleich doppelt, und das kann höchstens idiotisch viel Spaß machen.


2008-04-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©aph
Foto Banner ©Ines Kistenbrügger, aph

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