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Die schlimmsten Ferien

Über den ungewollten Urlaub(sfrust) auf Staatskosten

von Angelika Petrich-Hornetz

Urlauber Nr. 1, Erholungsurlaub: Wenn von Ferien die Rede ist, denkt jeder an Urlaub, Reisen, Erholung, an die schönsten Wochen des Jahres, und zwar eines in der Regel arbeitsreichen Jahres, das es in sich hat. Bis zum heiß ersehnten ersten freien Tag ist es in der Regel mit vielen Überstunden, mit zeitraubenden Messen, Telefonaten, Konferenzen, Geschäftsreisen und Arbeitswegen gut gefüllt. Man hat sie sich also hart verdient, diese paar freien Tagen, die regelmäßig viel zu schnell vorbei sind, und auf die man sich in schönster Regelmäßigkeit wieder ein ganzes Jahr lang freut, weil sie einem ganz allein und persönlich gehören. Daneben gibt es noch andere Ferien, mehr oder weniger unfreiwillige Auszeiten, die alles andere als entspannend ausfallen, vor allem dann, wenn die davon Betroffenen nicht ganz so konsequent wie Urlauber Nr. 1 abschalten und ausblenden können.

Mutter mit KindUrlauber Nr. 2, Elternzeit: Vor der Umformulierung in Elternzeit war die theoretische Nähe zum Erholungsurlaub geradezu skandalös: Der Erziehungsurlaub suggerierte Außenstehenden gleich drei lange Jahre süßes Nichtstun. Ab- und zu einen neuen Strampler einzukaufen oder ein Fläschchen zu schütteln, kann schließlich keine Anstrengung sein. Dass Neugeborene bis hin zu dreijährigen Kindern für deren Eigner indes für gewöhnlich alles anderes als ausschließlich Dolce Vita bedeuten oder dass die meisten der mit so viel Urlaub beglückten Urlauberinnen früher regelrecht kämpfen mussten, falls sie die volle dreijährige, gesetzliche Urlaubszeit gar nicht in Anspruch nehmen wollten, wissen nur Insider.
Der Papierkram als Eintrittskarte in diese angeblichen Ferien ist dagegen nicht ohne, das damit betraute Personal kann schließlich auch nicht mehr als arbeiten. Die Folgen von beruflichen Auszeiten, die länger als drei Wochen dauern, insbesondere für Frauen, sind hinreichend bekannt. So manch eine aussichtsreiche Karriere verabschiedet sich damit auch heute noch schneller, als man vorher dachte. Und dann ist da noch das ganze Programm der kommentierenden Umwelt von Intoleranz bis hin zu blankem Neid. Von gleichaltrigen Elternzeitlern mit geringerem Einkommen wird bemängelt, dass dem Staat mit dem unterschiedlichen Elterngeld das eine Kind mehr als das andere wert sein würde. Von der älteren Generation können moderne Eltern ebenfalls nur wenig Verständnis für ihre kinderbedingte Arbeitslosenversicherung namens Elterngeld (67 Prozent des Nettoeinkommens) erwarten, schließlich hat die damals übliche Alleinverdiener-Elterngeneration noch unter Verzicht auf jegliches Erziehungs- und Kindergeld sowie ohne die heute übliche Beteiligung von Kindertagestätten die lieben Kleinen unter größten Entbehrungen höchstselbst großgezogen, wie sie immer wieder zu bekunden weiß.
Am Ende dieses so von Schlafmangel gekennzeichneten, subventionierten Urlaubs steht dann noch der Run auf die leider noch raren Kinderbetreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren. Ohne die bleiben sämtliche Nachtteile der Sechziger-Jahre Ehe ohne die Vorteile der damals zehnprozentigen Mehrwertsteuersatzes (1968) auch im Jahr 2008 voll erhalten. Gleichfalls aus den fünfziger und sechziger Jahren grüßen uns die Alleinerziehenden, als diese in Deutschland generell noch etwas ganz Verpöntes waren: Inzwischen sind sie es wieder. Unter Urlaub stellt man sich jedenfalls etwas ganz anderes vor.

Urlauber Nr. 3, Arbeitslosigkeit. Ein Vertreter dieser Gattung hat es wahrlich schwer und muss obendrauf noch mit der geringsten Achtung durch seine Umwelt rechnen. Außerdem ist er am unfreiwilligsten unter allen unseren Urlaubern seines Tagewerks beraubt worden - und je jünger er ist, desto schlimmer fallen seine großen Ferien aus, wo es doch sonst immer umgekehrt ist. Der Papierkram bei Arbeitslosigkeit dürfte mindestens so schlimm wie beim Elterngeld ausfallen. Während Elternzeit-Eltern einen noch etwas besseren Status genießen, jedenfalls, solange es sich bei ihnen um ein vormals gut situierten Doppelverdiener-Paar handelt, nützt dies einem Arbeitslosen gar nichts, im Gegenteil. Die Bedarfsgemeinschaft lässt grüßen, in jüngerem Alter spätestens nach einem Jahr. Und das heißt mit einem gerade ausreichend verdienenden Partner für den und die Betroffene(n) dann möglicherweise gar kein Einkommen mehr.
Obendrauf gibt es Formulare, Formulare, ständige Verfügbarkeit und allzeit bereite Arbeitsbereitschaft, auch für 1-Euro-Jobs, eventuell der Umzug in eine kleinere Wohnung, die immerhin bezahlt wird. Das ist schon was. Doch für echtes Ferienfeeling dürfte dies allein kaum ausreichen. Und so verläuft die nachvollziehbare Unzufriedenheit vieler Arbeitsloser proportional zur Eifersucht ihrer vielbeschäftigten Umwelt auf so viel angeblich freie Zeit.
Arbeitslosigkeit Rechnet man all die Meldungen, Bewerbungsgespräche und Behördengänge ab, bleibt davon allerdings nicht mehr viel übrig: Hochverfügbarkeit gepaart mit Nichtstun, überflüssig sein und gleichzeitig stets auf Abruf – eine äußerst gefährliche Mischung fürs Seelenheil, Erholungswert gleich null. Arbeitslose erfahren gewöhnlich wenig Verständnis für ihre Lage. Anteilnahme kommt weder von der arbeitenden Bevölkerung, noch von den erwerbslosen Kollegen wie Rentnern oder Elternzeiturlaubern. Den Formulierungs-Vogel schießen blutjunge Schulabgänger ab, die im laufenden Jahr keinen Ausbildungsplatz ergattern konnten: In Deutschland werden sie tatsächlich als Altbewerber geführt, ein Wort, das dem Sprachwettbewerb Unwort des Jahres zur Ehre gereicht.

Urlauber Nr. 4, Rente: der, die, das Rentner, so ähnlich wie das Mutti, das Fee Zschocke einst so treffend vor zwanzig Jahren in der Brigitte beschrieb, wird viel beneidet. Schon von ihm gehört? Nein? Na, dann warten Sie einfach ab, bis Sie selbst in Pension oder Rente landen und zum Neutrum das Rentner werden. Insofern ist Ihre Rente auch immer noch sicher: Sie kommt bestimmt, irgendwann, so oder so.
Wie bei den Urlaubern Nummer 2 und 3 liegen vor diesen letzten, den größten Ferien Ihres Lebens ebenfalls die Geschütze der Bürokratie. Vom Elterngeld bis zur Rente - von der Wiege bis zur Bahre Formulare, Formulare. Ab dem Tag, an dem die Rente droht, tauchen Sie ein, in eine Ihnen vorher wahrscheinlich gänzlich unbekannte Welt, in eine große, graue Masse namenloser alter Menschen, die in den Medien gemeinhin als die Rentner bezeichnet werden. Wird ein Exemplar dieser Gattung zum Beispiel in einen Unfall verwickelt und ist männlich, steht in der Zeitung eher selten, dass ein 65-jähriger Mann angefahren wurde, nein: Ein Rentner wurde angefahren. Wird ein weibliches Exemplar gerettet, heißt es nicht etwa, eine 67jährige Frau, sondern eine Rentnerin wurde über eine Feuerleiter aus einem brennenden Haus geholt. Selbst im aktiven Status, wenn zum Beispiel eine noch sehr rüstige, eher junge Dame um die 60 Zivilcourage beweist, steht in der Zeitung – die Rentnerin, die Ruheständlerin oder höchstens noch die Seniorin rettete das Kind aus den reißenden Fluten eines Flusses. Der Bürgermeister dankt anschließend natürlich der Rentnerin – und führt sie als leuchtendes Beispiel von Zivilcourage von Rentnern vor. Als Rentner werden Sie fast geschlechtslos. Sie sind dann weder Frau noch Mann, weder Sportlehrer noch Chorleiter, weder Maler noch Musiker, weder Fisch noch Fleisch, sondern gehören ausschließlich zu einer Gattung Namenloser, die viele sind und doch im Verborgenen leben.
Wenigen Angehörigen dieser großen und nur in den Medien homogenen Masse bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig Individualität oder gar Respekt vor der ehemaligen Arbeitsleistung oder wenigstens etwas von dem Status erhalten, der sie einmal aus der Masse hervorhob und als Individuen identifizierte. Höchsten dem Adel, berühmten Künstlern, mindestens Professoren, besser noch Nobelpreisträgern oder bekannten, früheren Bundespolitikern wird dieses Glück zuteil. Alle anderen werden von einem Tag auf den anderen titel-, geschlechts-, gesichts- und damit bedeutungslos. Und einige von ihnen werden darum das Gefühl nicht los, man warte nur noch auf ihr Ableben, oder dass sie zumindest allen anderen eher zur Last fallen, als zur Freude gereichen. Was das betrifft, hat es Urlauber Nr. 4 von allen wirklich am schlechtesten getroffen: Bei den anderen sind die großen Ferien schließlich in der Regel nur temporär – und damit der Wechsel in eine wenigstens etwas bedeutungsvollere Rolle bereits vorprogrammiert.

RentnerUrlauber Nr. 5, alles auf einmal: Das ist ein ganz besonderer, sozusagen ein geplagter Mischling. Denn er, nicht selten sie, hat die berühmt-berüchtigte A-Karte gezogen. Urlauber Nr. 5 kann aus allen vorgenannten Kategorien stammen, ein theoretisch erholungsurlaubende Nummer 1 sein, die ansonsten voll im Erwerbsleben steht oder eine Nummer 2, die sich ganz dem oder den Kindern widmen könnte, oder ein Nummer-3-Urlauber, der just arbeitslos geworden, eigentlich doch nichts anderes zu tun hätte, als sich dreimal täglich dem Arbeitsmarkt frisch und fröhlich zur Verfügung zu stellen oder gar eine Nummer 4, ein geschlechtsloses Rentner mit der Sorte Urlaub, die eigentlich Ferien bis zum Lebensende verspräche, ausgefüllt zum Beispiel mit Kreuzfahrten, Gartenarbeit, Barbecues, Konzerten und eben ein bisschen was von der Welt sehen - oder was sich die Allgemeinheit gemeinhin unter einem ruhigen Lebensabend auch vorstellen mag.
Doch dann schlägt das Schicksal zu: Eine eigene Erkrankung oder der Tod des Partners, plötzlich zu betreuende Enkelkinder oder pflegebedürftige Eltern und vieles andere mehr können sämtlichen Ferienplanungen einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Und mit den so vom Schicksal Gebeutelten haben wir diejenigen Zwangsurlauber identifiziert, die überhaupt nichts von ihren Ferien haben: Denn diese finden ausschließlich theoretisch statt. In der Praxis steht Urlauber Nr. 5 als erster auf und geht als letzter ins Bett und hat damit so gut wie nie Urlaub, manchmal für Jahre oder gar über Jahrzehnte. Frei verfügbare Zeit bleibt hier höchstens eine unerfüllte Sehnsucht.

Es gibt auch paar vom Glück Verwöhnte, die kaum über so etwas nachdenken, die ihre gut gepolsterte Elternzeit, Rente oder Arbeitslosigkeit für sich in Anspruch nehmen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und einigen Extrem-Hedonisten mag es sogar völlig egal sein, wer für diese Auszeit aufkommen muss. Doch das Gros, das auch nur ein bisschen etwas von Zahlen versteht – was zum Ausfüllen der unzähligen Formulare schon zwangsläufig notwendig sein dürfte - und in der Wirklichkeit verwurzelt ist, bekommt durchaus mit, wie viel das alles kostet und gleichzeitig, wie wenig Achtung es noch erwarten darf, wenn die Ferien auf Staatskosten einsetzen. Dabei sind die Möglichkeiten, solche Ferien ganz schnell wieder zu beenden und in die Erwerbsarbeit überzuwechseln durchaus begrenzt oder rücken gar in unerreichbare Ferne.
Auch Frührentner gerieten nicht immer freiwillig in ihre Urlaubs-Lage: Es ist noch gar nicht lange her, und bis heute immer noch normal, dass sich ein 57-Jähriger Arbeitswilliger vergeblich nach Chancen auf einen neuen Job umsieht, egal wie viele interne und externe Bewerbungen er oder sie auch geschrieben hat und schreiben mag. Die Zahl der Erwerbstätigen, die über 55 Jahre alt sind, ist in Deutschland immer noch lächerlich niedrig, auch wenn inzwischen etwas höher, weil die Arbeitslosigkeit in dieser Altergruppe in den letzten Jahren abnahm. Und für diejenigen der Unter-60-Jährigen, die gesundheitlich angeschlagen und psychisch ausgelaugt in dieser Rente landen, wären in manchen Fällen ein paar Wochen bis zu zwei Jahren Ferien durchaus gesünder, als gleich dreißig Jahre bis zum Exitus in ärmsten Verhältnissen verharren zu müssen. Die Flexibilität und Durchlässigkeit des Arbeitsmarktes ist in Deutschland durchaus noch verbesserungswürdig. Ganz zu schweigen von den Chancen für Asylbewerber, Geduldeten und anderen Menschen ohne Arbeitserlaubnis. Wer arbeiten will und es aus gesetzlichen Gründen nicht darf, fühlt sich genauso wohl in seinem Zwangsurlaub wie der überlastete Erwerbstätige in seinem Hamsterrad auf der anderen Seite von ein und derselben Medaille.

ErholungsurlauberUrlauber Nr. 1 geht es von allen wohl noch am besten, jedenfalls, was das Feriengefühl angeht. Er kann für eine gewisse Zeit sämtliche Strukturen über Bord schmeißen und muss nicht etwa ganz neue in Eigenregie aufstellen, und er ist nicht abhängig - wie die anderen. Letztendlich muss er in seinen Ferien gar nichts tun, wenn er nicht will. Verständlich, warum viele Berufstätige, die ein Arbeitspensum haben, von dem anderen schwindelig wird, trotz all der Tageslast häufig glücklicher oder sogar gesünder leben als manche Menschen mit zumindest theoretisch viel mehr Freizeit und Gelegenheit zum Entspannen. Ferien nur zum Zweck der Erholung sind nie ein Dauerzustand, eher eine Pause und vor allem eine Abwechslung. Und dabei hat man gewöhnlich weder Zeit noch Lust über die Missgunst anderer Leute nachzudenken, die dem Urlauber Nr. 1 allerdings inzwischen mindestens so sicher ist, wie allen anderen freiwilligen und unfreiwilligen Exemplaren auch.


2008-07-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen + Themenbanner: ©aph

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