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Der Frauenbadetag

Geschlechtsumwandlung inklusive

von Angelika Petrich-Hornetz

Voller Vorfreude streben wir zur städtischen Schwimmhalle. Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Brüderlein – und dann hinein ins nasse Vergnügen, denn auf der Webseite der Schwimmhalle steht es verheißungsvoll: Während der Sommerferien durchgehend ab 6:30 Uhr geöffnet. Und das Wetter passt auch: mild, Niesel und gelegentliche, kräftige Regenduschen - definitiv nichts für den Strand oder andere Freiluftengagements. Also, bitte, dann gleich ganz nass werden. Dass ich zur Nicht-Frau umdeklariert werde, nur weil ich zwei kleine Jungs im Schlepptau habe, hätte ich allerdings nicht erwartet

Als wir, meine Wenigkeit und zwei minderjährige Erben, in bester Laune den Eingang der Schwimmhalle erreichen und ich durch die Glastüre etwa zehn Frauen dicht gedrängt auf Stühlen sitzend an der linken Wand des Flures erspähe, meldet sich mein Instinkt - wie immer unmissverständlich: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Wir treten ein, ich frage freundlich in die Damenrunde: „Ist noch nicht auf?“ „Nein!“, antwortet eine und verstummt sofort wieder. Dann erhebt sich eine zweite Stimme aus der Runde, die langgezogen und bestimmt zu sprechen ansetzt: „Hier können Sie heute nicht baden! Hier ist heute Frauenbadetag!“

Rumms. Das sitzt. Die Worte prasselten aus dem Off wie eine Warnung, als wollte man vorbeugend unerbittlich wirken und Vorschrift ist schließlich Vorschrift, nur falls sich der Adressat das Unmögliche anmaßen sollte, nämlich das, was ein Frauenbadetag sein soll, etwa in Frage zu stellen. Damit hatte sich jede Bitte um Nachsicht oder um eine klitzkleine Ausnahme von der Regel von vornherein erledigt. Offenbar handelt es sich tatsächlich um ein erklärungsbedürftiges Freizeitangebot: Meine Söhne, sechs und sieben Jahre alt, schauen mich entsetzt an, der Kleinere mit einem großen Fragezeichen im Gesicht. Von einem Frauenbadetag hat er noch nie etwas gehört. „Moment“, versichere ich ihnen optimistisch und lächele tapfer in die Allgemeinheit, „wir fragen mal nach“.

An der Rezeption erkenne ich die Mitarbeiterin von einem der letzten Schwimmhallenbesuche wieder. Sie hält mir – hörbar nervös jedoch freundlich - einen Vortrag, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Dass heute Frauenbadetag sei, am Donnerstag jedoch sei auf, und Spielnachmittag, auch mit Männern (?). Männer? Also, als solche kann man die mich begleitenden Knirpse definitiv noch nicht bezeichnen.

Ich bleibe diplomatisch, schließlich kann die Mitarbeiterin nichts für die Hallenbelegung: „Und morgen?“ Sichtlich erleichtert über meine offensichtliche Kooperationsbereitschaft, teilt mir die gute Frau mit, dass morgen den ganzen Tag lang - auch für Kinder - geöffnet sei. Ich bedanke mich und merke nur noch an, dass auf der Webseite der Schwimmhalle irgendetwas von "in den Ferien durchgehend geöffnet" stehe, und ob man das vielleicht zeit- und realitätsnah ändern könne, damit wir nicht irgendwann wieder überraschend nur die Nase platt drücken dürften.

Und dann muss ich mich erst einmal um die beiden ausgegrenzten Kinder kümmern, die kein bisschen verstehen, warum sie nicht baden dürfen, wo sie sich doch so darauf gefreut hatten und ich es ihnen doch fest versprochen hatte. Ganz klar: Offensichtlich kann niemand etwas für diese Szene - außer ich. Das Kleingedruckte wohl wieder nicht gelesen?!

Die Jungs sind enttäuscht. Es ist ihnen anzusehen. Und nun müssen sie auch noch, während ich permanent versuche beruhigend auf sie einzureden, an dieser missmutig dreinschauenden Damenriege auf Stühlen vorbei. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sich in diesem Moment noch jemand äußern möchte: „Oooooooooch“, schallt es plötzlich aus der Reihe, als beide Jungs tief betrübt an den Frauen vorbeischleichen. Und ich bin nicht sicher, ob es sich bei dem Ausruf um aufrichtiges Bedauern gehandelt hat. Ich hoffe es.

Nachdem ich meinen Jungs nun versprochen hatte, wir suchen eine andere Schwimmhalle, die wir nach mehreren Kilometern Autofahrt und dem dreifachen Eintrittspreis, schließlich auch fanden, ärgere ich mich im Nachhinein vor allem über eines, nämlich dass ich dieser Dame, die mir persönlich beschied, dass ich (!) nicht baden könne, weil Frauenbadetag sei, nicht sofort die alles entscheidende Gegenfrage gestellt habe: „Bin ich etwa keine Frau, nur weil ich Kinder habe?“

Ein Argument, oder? Doch Schlagfertigkeit fällt einem gewöhnlich immer dann nie ein, wenn man mit derart unlogischen Seltsamkeiten eingedeckt wird, dass einem allein vom Zuhören neben allem anderen glatt auch noch das Wissen um das eigene Geschlecht abhanden kommen könnte. Ich kann mich jedoch beim besten Willen nicht an eine Geschlechtsumwandlung durch Entbindung erinnern.

Ein Hauch von Mütterbashing wehte plötzlich durch diese heiligen Schwimmhallen städtischer Kultur. Aha, die Damen wollen also unter sich sein – ohne Männer und zusätzlich ohne lärmende Kinder. Frauen haben nicht mehr automatisch Kinder, und das ist auch gut so. Doch die welche haben, haben das Kinderbetreuungskontingent für geschlagene sechs Wochen Sommerferien gewöhnlich schon wegen Berufstätigkeit restlos ausgereizt. Dank einem Bade-Event, das sich frecherweise Frauenbadetag nennt, dürfen sie jetzt auch noch eine Kinderbetreuung für den Besuch des städtische Schwimmbads finanzieren, falls sie am falschen Tag erscheinen oder falls sie nicht wissen, dass der Frauenbadetag keine Kinder integriert - sondern aussperrt. Danach können Sie sich einen Bart ankleben, schließlich gehören sie mit Ausschluss von Frauentag und Frauenstunde definitiv nicht mehr zum weiblichen Geschlecht.

An sich ist ein Frauenbadetag eine gute Sache, schließlich benötigen alle Menschen ab und zu etwas Ruhe – gerade vor den männlichen Kandidaten, denen es beliebt, Frauen in Badeanzügen anzustarren, ohne dass sich die so Angestarrten damit etwa jemals einverstanden erklärt hätten. Solche Typen gibt es auch heute noch. Inzwischen dürfte sich jedoch herumgesprochen haben, dass nicht nur Frauen, sondern auch Kinder beiderlei Geschlechts zu Opfern sexualisierter Gewalt werden können – Tendenz rapide steigend. Sogar Männer können Opfer von Übergriffen und Angaffereien werden. Und diese dürften sich in der ihnen aufgedrängten Rolle eines potenziellen Täters nicht besonders wohl fühlen.

Demnach wäre inzwischen die Einführung weiterer Angebote insbesondere eines Kinderbadetages – ohne gaffende Erwachsene - mindestens genauso aktuell wie das Abhalten eines Frauenbadetages, der mit diesem Argument des ungestörten, untaxierten Badens arbeitet. Konsequent müsste man von einem Kinderbadetag sogar alle Erwachsenen aussperren.

Jedoch, Kinder mit diesem Argument auszusperren, bedeutete sich vorher die Frage stellen zu müssen, ob überhaupt Kinder existieren, die Erwachsene in sexuell belästigender Art und Weise anstarren. Und wenn ja, ob dies tatsächlich schon von Siebenjährigen oder gar von kleinen Mädchen ausgehend beobachtet worden ist? Umgekehrt kommt man der Realität schon deutlich näher. Trotzdem gibt es keine Angebote, die dieser unangenehmen Wirklichkeit gerecht werden. Abgesehen davon existieren inzwischen schon genug erfolgreiche, privatwirtschaftliche Geschäftsmodelle in der Freizeitbranche, die Kinder konsequent ausschließen. Die Kritik, ob solche Modelle auch eine öffentliche Aufgabe städtischer Einrichtungen sind, müssen sich die mit Steuergeldern subventionierten Schwimmbäder daher gefallen lassen.

Wenigstens sollte der Frauenbadetag als das, was er ist, nämlich als Frauenbadetag - nur für Frauen ohne Kinder deutlich (!) gekennzeichnet werden. Und auch die Frauenstunden, die Kinder bis sechs Jahre zulassen, aber schon Siebenjährige als nicht erwünscht ausschließen sollten dies bitte deutlicher formulieren. Solche klaren Worte klingen nur nicht besonders schön und wenig werbewirksam und ist den Anbietern möglicherweise deshalb nicht genehm. Doch nur das wäre wirklich ehrlich, und entspräche einem klar formulierten Angebot. Schließlich sind hier Frauen mit Kindern ganz offen unerwünscht, und zwar in öffentlichen Bädern - für ein paar Stunden, für einen Tag in der Woche und selbst in den großen Ferien. Die pauschale Bezeichnung Frauenbadetag suggeriert indes, hier handele es sich um ein besonderes Angebot für alle Frauen, doch unterschlägt sie gleichzeitig die unangenehme Wahrheit, dass dieses generöse Angebot nur für diejenigen gilt, die keine minderjährigen Kinder oder Kinder in einem bestimmten Alter haben, die sie zu Hause lassen oder woanders betreuen lassen müssen. Damit handelt es sich um eine klassische Mogelpackung.

Wenn der Frauenbadetag nur für Frauen ohne Kinder oder der Frauenbadetag ohne Frauen mit Kindern deutlich, zum Beispiel an der Kasse und auf der Webseite öffentlicher Schwimmhallen gekennzeichnet wäre, dann müssten nicht ständig enttäuschte Mütter und Kinder abgewiesen werden müssen, von den Väter ganz zu schweigen, sondern die Verantwortlichen müssten selbst etwas tun, und zwar sich ernsthaft damit auseinandersetzen, ob es wirklich so klug ist, den einen schöne Zeiten zu offerieren und andere gleichzeitig ausgrenzen oder ob man nicht besser daran täte, weitere Angebote für bestimmte Zielgruppen zu gestalten, die möglicherweise genauso viel Publikum anziehen - und sich damit rechneten.

Auch andere Gruppen wären gern mal unter sich. Und auch Familien mit aus dem Babyalter entwachsenen Kindern würden manchmal liebend gern auf familienferne Gaffer verzichten, zumal wohl auch langsam dem Letzten dämmern dürfte, dass längst nicht nur Frauen sexuell belästigt werden. Oder ist das Thema sexuelle Belästigung von Mädchen und Jungen an einigen Zeitgenossen etwa komplett vorbeigegangen? Gerade in Schwimmhallen und - bädern werden mehr Kinder als erwachsene Frauen sexuell belästigt.

Darum wäre es sinnvoll, die Betreiber öffentlicher Schwimmhallen richteten Angebote auch für weitere Gruppen ein. Vielleicht sind sie ja nur noch nicht auf die Idee gekommen. In den langen Sommerferien bietet sich zum Beispiel ein Elternbadetag an. Und warum nicht gleich mit Kinderbetreuung (?), so dass auch im Beruf stark eingespannte Eltern ein paar Bahnen in Ruhe schwimmen können - ein für diese recht seltenes Vergnügen. Eltern sind schließlich auch Menschen und brauchen genauso Ruhe und Entspannung wie andere Menschen auch. Solche Angebote würden mit Sicherheit in vielen Städten ebenfalls sehr gut angenommen werden, wenn sie denn nur angeboten werden würden.

Mutter mit männlichem KindKaum zu glauben, dass an einem Elternbadetag dann umgekehrt allen alleinstehenden Frauen (und Männern) der Eintritt in eine öffentliche Schwimmhalle verwehrt werden würde. Das einzige, was Alleinstehende an einem solchen Tag ertragen müssten, wäre wohl der Lärm, der aus dem Nichtschwimmerbecken herüberschallt.

Oder können Sie sich vorstellen, dass eines Tages eine Stimme einem hereinkommenden kinderlosen Menschen allen Ernstes ins Gesicht sagen würde: „Hier können Sie heute nicht schwimmen, hier ist Familienbadetag!“ Ganz so, als hätten Sie gar keine Familie, nur weil sie keine eigenen Kinder mit sich führen. Einlass nur mit Kindern? Wer das als diskriminierend empfindet, dürfte mühelos verstehen können, wenn der Einlass nur ohne Kinder als ganz genauso diskriminierend empfunden wird.


2008-08-20 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen + Themenbanner: ©aph

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