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Olympische Unlust

Kommentar zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking

von Angelika Petrich-Hornetz

Es hat sehr lange gedauert, bis sich Fernsehzuschauer Xy dagegen entschied, die Eröffnungsfeier und die Wettkämpfe der diesjährigen Olympischen Spiele zu sehen. Am Ende überraschend kam sogar ein kompletter Verzicht heraus.

TV-Zuschauer Xy bin ich, und ob ich nun die Olympischen Spiele vor dem Bildschirm verfolge oder nicht, ist wörtlich genommen genau so wichtig, als fiele in Peking ein Säcklein Reis um. Schleichend, fast unmerklich und zuletzt durchaus unerwartet hat sich meine anfängliche Vorfreude auf die Spiele in einem, wie ich finde, der interessantesten Länder der Erde schlicht und einfach in totale Unlust umgewandelt. Die Entscheidung steht, so unbedeutend sie auch sein mag: Ich schaue sie mir nicht an, jedenfalls soweit es die Dauermedienpräsenz der Spiele in Europa zulässt. Der Grund ist eine ermüdende Kette von Höchstleistungen in immer derselben Disziplin – dem Wettlauf der Peinlichkeiten.

Am Anfang hielt ich die Proteste gegen die Spiele lediglich für eifersüchtige Hysterie oder eine Art neidische Anti-Haltung einem vielversprechenden Land gegenüber, das gerade in den letzten Jahren sehr viel erreicht hatte. Ich mag Asien und schätze China sehr. Diese uralte Kultur zeigt sich erfolgreich auf dem Weg in die Zukunft und bekommt den Zuschlag für die Spiele. Da wundert es wohl kaum, dass der ein oder andere eifersüchtig reagierte.

Schließlich bringen internationale Sportveranstaltungen und insbesondere Olympia immer viel Aufmerksamkeit und damit Gewinn fürs Image mit sich – neben einer Menge Konsum im Austragungsland. Spannender Sport plus wirtschaftliche Interessen versprechen meist eine schicke, agile, oder sogar eine großartige Show zu werden. Die Hysterie würde sich legen und das sich inzwischen öffnende China würde gekonnt alle Klippen umschiffen – da war ich anfangs so sicher. Schließlich verfügt das große, alte Land über tiefe und viele Erfahrungen und weiß viel mehr über Harmonie als der Westen. Es würde diese Chance nutzen und die Welt lächelnd und damit positiv überraschen - dachte ich.

Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Zunächst kamen die Aufstände in Tibet. Ich kenne zwar die Geschichte und das Schicksal des tibetischen Volkes viel zu wenig, als dass ich mir ein fundiertes Urteil darüber erlauben könnte, doch was ich sah, waren grässliche Bilder im Vorfeld des Olympischen Fackellaufs, Bilder von Verletzten und Toten auf beiden Seiten und von weinenden Mönchen, die kaum, dass sie den Mund aufmachten, in Gefängnissen landeten. Auch die Hinrichtungen gehen weiter, allen Anfragen aus dem In- und Ausland zum Trotz, diese wenigstens für die Zeit der Olympischen Spiele auszusetzen. Schon das ist ein olympisches No Go*.

Es folgte der nächste Schlag, der Fackellauf der Harmonie geriet weltweit zum Parcours de Farce. Als in Frankreich das Licht ausging, was auch überall woanders hätte passieren können, zeigte die chinesische Regierung wieder nicht die Größe, die viele von ihr ernsthaft erwartet hatten, sondern reagierte kleinlich wie eine beleidigte Leberwurst. Die Harmonie war damit verschwunden. Fortan interessierte sich kaum noch jemand für ein Stückwerk, das höchstens noch unter größten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden konnte. Die mitlaufenden Sicherheitskräfte hatten indes von Anfang keinen olympischen Flair, sondern wirkten steif-militärisch und damit in höchstem Maße abweisend. Der Lauf war damit klassisch in den Sand gesetzt worden. Die Vorfreude bekam erste Risse.

Prompt gerieten neben Frankreich und anderen Länder insbesondere die westlichen Medien ins Visier der chinesischen Regierung, wobei diese dauernd - offenbar in Eintracht mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) - verkündete, es handele sich bei den Olympischen Spielen um eine rein sportliche und ausdrücklich nicht um eine politische Veranstaltung. Doch warum politisierte China dann seine eigenen Spiele, wenn es keine Politisierung will? Und warum reagiert es ausgerechnet als Gastgeberland so unsportlich?

Den westlichen Medien hielt die chinesische Regierung öffentlich vor, sie würden nicht objektiv über China und die Spiele berichten. Das zeigte Wirkung: Inzwischen findet sich in bald jedem Interview mit der chinesischen Bevölkerung mindestens einer, der diese Kritik an den westlichen Medien längst übernommen hat und sogar persönlich zu teilen scheint.
Dass jedoch niemand, selbst bei bestem Willen, objektiv berichten kann, wenn nicht sämtliche Recherchequellen frei zugänglich sind, ist der chinesischen Politik offenbar noch nicht aufgefallen und geht dank staatlich kontrollierter Medien auch in der chinesischen Öffentlichkeit bislang weitestgehend unter.

Das eine, was man will – Sportlichkeit zeigen - und das andere, was man kann – Fairness zeigen – klafften damit plötzlich sichtbar viel weiter auseinander, als die Öffentlichkeit im Vorfeld der Spiele je gedacht hätte. Dass dieser Widerspruch in Theorie und Praxis dennoch so offensichtlich geworden ist, dazu trug auch das IOC selbst bei, das sich inzwischen überraschend mit der Zensur von Medien einverstanden erklärte. Der freie Internetzugang für ausländische Journalisten wurde dafür kurzerhand in einen „größtmöglichen Zugang“ verwandelt - soweit ein Zugang zu Recherchequellen die chinesischen Regierungspolitik nur nicht echauffiere, versteht sich. Die redlich erstaunte Öffentlichkeit erfuhr dabei interessante Details, nämlich dass anfangs sogar die Webseiten der BBC- und Deutschen-Welle tatsächlich zu unerwünschten Quellen für ausländische Journalisten werden konnten.. Dabei sollte die Politik nach den eigenen Worten der chinesischen Regierung doch aus dem Sport herausgehalten werden. Sie hielt und hält sich selbst nicht daran.

Als ob das alles noch lange nicht reichte: Parallel zur öffentlichen Anprangerung westlicher Medien, die es, dank Meinungs- und Pressefreiheit in ihren eigenen Ländern, gewohnt sind zu schreiben, was sie wollen, sperrt die chinesische Regierung permanent landeseigene, kritische Medien und wirft eigene Journalisten und Internet-Reporter für gleich mehrere Jahre in Gefängnisse und Umerziehungslager – nur, weil sie ihre Meinung äußern. Diese schmoren nun noch Jahre nach dem Ende der Spiele in Haft vor sich hin – und richten, so die Hoffnung der Regierung, keinen weiteren Image-Schaden mehr an.

Unter den rund – soweit überhaupt bekannt – hundert inhaftierten chinesischen Reportern und Dissidenten sind auch jene, die lediglich ein paar – in westlichen Augen - harmlose Artikel, Interviews oder Kommentare ins Netz stellten. Sie befassten sich dabei durchaus mit wichtigen Fragen, wie der Meinungs- oder Religionsfreiheit oder häufig direkt betroffen zum Beispiel mit Zwangsumsiedlungen. Ihr Protest blieb dabei friedlich, doch die Nachrichten- und Internetsperre in China geht weiter – trotz Olympischer Spiele.

Für den Gipfel der Peinlichkeiten sorgte kürzlich Staatsoberhaupt Hu Jintao selbst, als dieser persönlich und direkt den westlichen Medien beschied, und sich damit ganz offen keineswegs nur auf seine eigenen Leute beschränkte, gefälligst ausschließlich über Sport zu berichten. IOC-Chef Rogge hat dem nichts zu entgegenzusetzen, dabei stand vor der Vergabe der Olympischen Spiele lediglich die nationale Presse und Öffentlichkeit unter dem politischen Druck bis hin zur offenen Zensur, doch neuerdings, den Olympischen Spiele sei Dank, hat offenbar auch die internationale Presse das zweifelhafte Vergnügen unter der Fuchtel chinesischer Regierungspolitik zu stehen. Diese zweifelhafte, einerseits abweisende, andererseits vereinnahmende Haltung präsentiert China allerdings keineswegs als offene, zukunftsweisende Gesellschaft, sondern genau das Gegenteil von dem, was sich die Regierung – zumindest im Vorfeld der Spiele – gewünscht hatte.

Die Krise ist hausgemacht. Niemand hatte die chinesische Regierung dazu gezwungen eigene Journalisten einzusperren und Nachrichtenquellen abzuschalten. Niemand hat sie gezwungen gereizt und politisch zu reagieren - an Stelle von sportlich. Und das ist mehr als schade. Vielleicht ist es der Welt relativ egal, ob diese Spiele wirklich besonders schön und harmonisch ausfallen werden - doch insbesondere das chinesische Volk, das sich sehr auf die Spiele freute, hat definitiv etwas Schöneres und Besseres als das Einsperren von hoffnungsvollen, jungen Denkern aus den eigenen Reihen während der Spiele verdient.

Der Gedanke daran, dass diese jungen Denker statt ihren Zuhören und Lesern ihre Talente und Texte darbieten und damit den Öffnungsprozess von China hoffnungsvoll begleiten zu können nun mundtot in Gefängnissen sitzen, versetzte meiner bisherigen Begeisterung für die Vergabe den schlimmsten Dämpfer: Das alles erinnert viel mehr an den Circus Maximus im alten Rom als an ein Sportstadion der Gegenwart: Freut Euch gefälligst, Marsch, Marsch – während in den Katakomben diejenigen darben, die man nicht mehr hören und sehen kann.

Schlauer, als sämtliche Fehler der Antike in die Gegenwart zu transportieren, wäre es gewesen, die alte griechische Tradition wieder aufleben lassen, am letzten Tag der Wettkämpfe genau jene Dichter und Philosophen ihre Werke vortragen zu lassen, die nicht dem Mainstream entsprechen, dafür aber die Tiefe und die Vielfältigkeit einer Gesellschaft vermitteln können, die auch in China überall zu finden ist. Diese wird wohl auch kaum jemals komplett weggesperrt werden können, was auch wenig sinnvoll wäre. So etwas Exotisches wie einen Dichtertag bei den Olympischen Spielen mag man zwar weder vom IOC noch von der chinesischen Regierung verlangen können, schließlich machten es die anderen Austragungsorte auch nicht, doch eine Amnestie für politisch eingesperrte Denker, Journalisten und Bürgerrechtler anlässlich der Spiele hätte das zerschlagene Porzellan allemal wieder wett gemacht.

Ich persönlich werde mir als TV-Zuschauer Xy den Schuh jedenfalls nicht anziehen, ich hätte die Spiele politisiert, nur weil ich den Aus-Knopf meines Fernsehapparates betätige. Die Politisierung der Olympischen Spiele hat die chinesische Regierung auch ohne Hilfe von außen ganz allein und eigenständig geschafft.

Größe hat etwas mit Großzügigkeit, zu tun und so hätte die chinesische Regierung statt kleinkariert zu reagieren genauso gut den eigenen Kritikern erlauben können, sich die Spiele anzusehen – und ihnen damit ermöglicht, ein eigenes und differenziertes Bild abzugeben. Der Westen hat längst ein differenziertes Bild von China und fungiert keineswegs als Dauer-Kritik-Kanone, wie kürzlich weisgemacht werden sollte. Die Chance Größe zu beweisen, wurde jedoch ohne Not nicht wahrgenommen, und so dürften möglicherweise ausgerechnet im größten Land der Erde denkbar kleinkarierte Spiele veranstaltet werden.

Falls nun einer chinesischen Bürgerin und einem chinesischen Bürger meine bescheidene Absage als bescheidener TV-Zuschauer doch wehtun sollte, möchte ich mich entschuldigen, denn er und sie haben etwas Besseres verdient und zum Trost hinzufügen, dass ich momentan genauso wenig Olympische Spiele in den USA ansehen könnte,– solange dieses recht- und gesetzlose Gefangenenlager Guantanamo existiert, in dem Menschen ohne Gerichtsprozess für viele Jahre eingesperrt werden können. Es geht nicht um ein paar gesperrte Internetseiten mit unangenehmen Kommentaren missliebiger Personen oder um notwendige Ermittlungen gegen potenzielle Straftäter oder um viele andere Dinge, die richtiger, richtig oder falsch und fälscher laufen: Es geht um nichts Geringeres als um die Menschenrechte - und diese sind bekanntlich weder teilbar noch verkäuflich, und gelten für alle.

Dagegen ist geteilte Freude grundsätzlich doppelte Freude und Sport alles andere als eine rein kommerzielle PR-Veranstaltung. Die Begeisterung bei Sportlern und Publikum entsteht vor allem durch den fairen Wettkampf und sportliches Verhalten. Dazu gehören die gleichen Startbedingungen für alle, wie auch, sich dem Wettkampf überhaupt zu stellen. Für Letzteres muss man erstens bereit sein und zweitens das Risiko eingehen, sich der Öffentlichkeit unverstellt, offen, live und in Farbe zu präsentieren – selbst, wenn hier und dort einmal etwas schief gehen sollte. Und das ist in der Vergangenheit der Olympischen Spiele schließlich mehrfach geschehen. China kann darauf hoffen, dass der Rest der Welt nicht zuletzt aus eigenen Erfahrungen in dem Fall viel Verständnis aufbringen würde.

Dazu hat die chinesische Regierung jedoch noch nicht den Mut, so wie viele andere Regierungen dieser Welt auch nicht. Dieser Widerspruch kann latent für weitere Proteste sorgen. Damit wird jedoch die erhoffte *Ekecheiría – Frieden und Waffenstillstand während der Spiele – vielleicht nicht dem gewohnten olympischen Standard entsprechen. Denn der Olympische Geist verlangt von allen Seiten Zugeständnisse - und kein Katz- und Maus-Spiel. Was nützt es dem olymmpischen Geist, auch wenn der Hinweis als solcher für Einzelne wertvoll sein wird, wenn Informatikstudenten inzwischen längst herausgefunden haben, wie sie die chinesische Internetzensur umgehen können?

Nichts - denn es wird weiter über die Zensur und den politischen Druck in China geredet und berichtet, aus einem einzigen Grund, nämlich, weil diese nun einmal vorhanden sind. Es ist nicht dem Überbringer von schlechten Nachricht anzukreiden, dass schlechte Nachrichten existieren.

Dabei hatte der Sport in den letzten zwei Jahrzehnten schon durch die vielen Doping-Fälle mehr als genug gelitten, ausdrücklich auch bei vorangegangen Olympische Spielen. Die nachträgliche Aberkennung von Titeln und Goldmedaillen ist im internationalen Sport längst an der Tagesordnung und hat vielen den Spaß bereits getrübt bis gänzlich verdorben. Und auch in diesen Spielen wird Doping wieder ein Thema sein. Spätestens dann muss die Berichterstattung von der reinen Sportberichterstattung in andere Ressorts abdriften - und der überraschte Sportfan erfährt aus den Medien wieder einmal mehr über den neusten Doping-Trickreichtum sowie gleichfalls über ausgeklügelte Testverfahren, um Doping aufzudecken, als ihm eigentlich lieb ist. Verschweigen ist trotzdem keine Lösung. Nicht hinsehen immerhin nachvollziehbar: Ein Sieg, der in Wahrheit keiner ist, wirkt peinlich, und genau das wird nicht gern gesehen.

Die Sportfans in aller Welt erwarten vor allem zwei Dinge, die gleichzeitig Voraussetzung für jedes gelungene Sport-Event sind: saubere Wettkämpfe und sportliche Begeisterung. Dass zum unvermeidbaren Dauerthema Doping jetzt noch politischer Druck, Zensur und eingesperrte Chinesen und Tibeter obendrauf kommen, trübt diese Begeisterung ungemein. Meine persönliche Begeisterung für Olympia verabschiedete sich jedenfalls nach dieser Behandlung zuerst fast unbemerkt, dann langsam, fortwährend, still und leise - und plötzlich war sie komplett entschwunden.


2008-08-07 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen + Themenbanner: ©aph

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