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Soziale Männer-Wirtschaft

Die Finanzkrise, frei zitiert nach Ebner-Eschenbach

von Angelika Petrich-Hornetz

Zitat::

„Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer.“

Marie von Ebner-Eschenbach

Vor 178 Jahren wurde Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach geboren, die Autorin dieses Aphorismus. Sie hätte sich wahrscheinlich gewundert, dass sich daran bis heute wenig geändert hat. Die Immobilien- , Finanz- und Wirtschaftskrise rückte die Vorstände und Aufsichtsräte großer Banken und Unternehmen, aber auch die Verantwortlichen von Organisationen und Kommunen, von denen kaum jemand erwartet hatte, dass sie auf die Idee kommen könnten, mit zweifelhaften Produkten zu zocken, plötzlich in das gleißend-gnadenlose Schweinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Und was sehen wir da? Lauter Männer, denen offenbar nicht ganz klar war, was sie taten. Hier und dort verirrte sich zwar auch die ein oder andere Frau in diesen oder jenen Vorstand, doch insgesamt blieb man auch im Jahr 2008 unter sich. Solange es funktionierte, fiel es auch nicht weiter auf. Doch im Spotlight des nun bekannt gewordenen Finanz-Sumpfes war es schwerlich noch zu vertuschen, dass Frauen als Entscheiderinnen wieder einmal weitestgehend durch ihre Abwesenheit glänzten. Der Finanzskandal enthüllt dabei den ganzen Charme eines unaufgeräumten Wohnzimmers à la Oscar Madison - nach einer ausschweifenden Party mit sehr viel Alkohol. In der uralten US-Fernseh-Serie Männerwirtschaft versuchte Felix Unger bekanntlich seinem Mitbewohner etwas Ordnung beizubringen - vergebens. Was ohne Frauen in der Männerwirtschaft einfach nicht klappen wollte, funktioniert derzeit auch in der Finanzwelt nicht: Hier wie dort herrschen chronischer Frauenmangel und akute Katerstimmung.

Dabei wurde in Deutschland jüngst ernsthaft darüber nachgedacht, ob die Emanzipation nicht längst erreicht sei, ja, ob sie nicht sogar viel zu weit gegangen sei? Geflissentlich überhört werden dabei diejenigen, die sich redlich an den Zahlen abarbeiten und jedes Jahr aufs Neues das geringere Einkommen und Kapital von Frauen vorrechnen. Doch es hat sich seit Ebner-Eschenbach durchaus einiges geändert, jedenfalls in Deutschland und in vielen anderen Ländern auch, in denen die Frauen zumindest endlich per Gesetz wie Menschen behandelt werden und folglich alle Rechte theoretisch genauso für sich in Anspruch nehmen dürfen wie Männer, darunter die Menschenrechte und das Wahlrecht.

Seit das so ist, erobern Mädchen und Frauen in den Industrienationen die Schulen, die Universitäten und den Arbeitsmarkt. Sie legen inzwischen sogar die besseren Schulabschlüsse und Universitätsdiplome hin, was nicht ohne Neid registriert wurde. Jeder Bildungsgang, jeder Beruf und auch die ganz große Karriere stehen allen jungen Frauen von heute damit theoretisch offen.
Jedenfalls dann, wenn sich diese Frauen damit anfreunden können, im späteren Berufsleben immer noch bis zu einem Drittel weniger als Männer zu verdienen, oder in langweiligen Teilzeitjobs zu vergammeln, sofern sie Kinder bekommen und mindestens so selten in Vorstandetagen und Aufsichtsräten großer Firmen zu landen, wie im Lotto zu gewinnen.

So lange Frauen sich also mit dem bisschen Macht zufrieden sind, das ihnen Männer bereitwillig zugestehen, könnten die Frauen durchaus glücklich schalten und walten und mit dem Erreichten zufrieden sein. Das äußern junge Frauen heute auch gern: Sie fühlen sich selten diskriminiert. Es scheint alles bestens, auch wenn sie in irgendeinem gar nicht weit entfernten Land offiziell immer noch nicht arbeiten, wählen, Auto fahren oder gar den Mund aufmachen dürfen – in Deutschland dürfen sie das alles: arbeiten, sich an der Doppelbelastung mit Kindern größtenteils allein kaputtmachen oder mit bis zu dreiunddreißig Prozent weniger Salär ihre Aufgaben im mittleren Management zur Zufriedenheit der immer noch vorwiegend allein in Wirtschaft und Politik entscheidenden Herren ausfüllen. Das ist doch toll. Und solange es funktionierte, fiel es auch niemandem auf.

Dabei haben die traditionellen und sogar neuere Branchen mit quantitativ mehr Frauen in der Regel auch in Deutschland immer noch einen männlichen Chef. Selbst in Krankenhäuser und bei Frauenzeitschriften, in denen manche Leitungsfunktion in weiblichen Händen liegt, kann man auch 88 Jahre nach dem Tod von Marie Ebner-Eschenbach die obersten Entscheiderinnen noch einzeln abzählen. Ein Intendant im öffentlich-rechlichen Rundfunk zum Beispiel, und damit in einer mit Gebühren von zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern bezahlten Öffentlichkeit, ist in Deutschland in der Regel genauso männlich wie der Vorstandsvorsitzende jedes DAX-Unternehmens. Sämtliche Vorsitzende der ARD von 1950 bis 2008 waren und sind männlich, natürlich auch sämtliche Programmdirektoren. Genauso das ZDF: Alle Intendanten und Direktoren des ZDFs waren und sind bis heute männlich. Offenbar findet man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine einzige Frau, die entsprechende Fähigkeiten hat, um eine Leitungsposition ganz oben einzunehmen. Oder darf sie etwa nicht?

Mehr als die Hälfte von Europas Bevölkerung ist weiblich. Das nützte ihr bislang nichts. Wir schreiben das Jahr 2008 (und nicht 1888), in dem tatsächlich extra eine Initiative gegründet werden musste, die ganz aktuell eine paritätische Besetzung von Frauen und Männern in den EU-Gremien fordert. Das heißt: zunächst einmal nur im EU-Parlament. Dessen derzeitige weibliche Beteiligung liegt momentan bei unterrepräsentativen rund 30 Prozent. In der EU-Kommission sieht es noch schlimmer aus: Gerade einmal etwas mehr als eine Handvoll Frauen stehen mehr als einem Dutzend Männern gegenüber. Erstaunlicherweise hält man die andauernde weibliche Minderbeteiligung auch auf höchsten EU-Ebenen bis heute für ganz selbstverständlich - und für entscheidungsfähig.

Selbst eine Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) konnte oder wollte bisher nichts daran ändern, dass sämtliche Topgremien in Deutschland bis auf Weiteres vorwiegend mit Männern besetzt werden. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Finanzkrise in Deutschland, dem Beschluss eines fast 500-Milliarden schweres Rettungspakets für die Finanzwirtschaft, schlug die Kanzlerin als Krisenmanager für künftige Finanzregeln ausgerechnet mit dem früheren Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer einen siebenundsiebzigjährigen Mann aus der alten Garde (Aufsichtsrat bei der Hypo Real Estate, sowie der irischen Depfa-Bank) vor. Dass es in ganz Deutschland nicht eine einzige Frau geben soll, die nicht mindestens genauso gut eine Expertengruppe zur Ausarbeitung von neuen Regeln für die Finanzmärkte leiten kann, dürfte gerade bei den vielen jüngeren, sehr gut ausgebildeten Frauen inzwischen kaum noch zu glauben sein, sondern eher ins Reich der Märchen gehören.

Doch ausdrücklich mit solchen Märchen und Personalentscheidungen bleiben die Weichenstellungen in der deutschen Wirtschaft und Politik und damit in der ganzen Gesellschaft auch künftig die alten, männlich dominanten. Und exakt mit dieser Methode bleibt die von der Kanzlerin jetzt aktuell wieder beschworene soziale Marktwirtschaft auch im Jahr 2008 immer noch eine vorwiegend soziale Männerwirtschaft, die mit ihren vielen großen und kleinen männlich dominierten Gremien ganz eigenständig dafür sorgt, dass auch in Zukunft besser verdienende Männer über schlechter verdienende Frauen entscheiden.

Die Finanzkrise offenbart nun das ganze Chaos männlich geprägter Misswirtschaft, zumindest einen weiteren Teil davon. Der braute sich auch nicht erst seit dem jüngsten Immobiliendesaster zusammen. Es bröckelte schon vorher gewaltig. Von den großen Bilanzskandalen in den USA anfangs dieses Jahrtausends über die Internetblase bis hin zur Schmiergeld-Wirtschaft großer Konzerne, gestaltete sich die Wirtschaft der vergangenen Jahre alles andere als solide. Enron, WorldCom – riesige Konzerne verschwanden erst vor wenigen Jahren im Steuergeld-Nirvana, einige Chefs im Gefängnis, und auch die wegen eines ausgeprägten Hanges zu abenteuerlicher Buchführung und astronomischen Gewinnen auf Teufel komm raus.

So genannte Whistleblower – Informanten, die sich mit Zahlen und Fakten gegen die Betriebsblindheit stellen, waren darum wohl nicht zufällig häufig Frauen, wie die Managerin Sherron Watkins, die ihren Enron-Chef Kenneth Lay auf eklatante Fehler in den Finanzberichten hinwies – und geflissentlich überhört wurde. Zusammen mit der FBI-Agentin Coleen Rowley, und der WorldCom-Whistleblowerin Cynthia Cooper wurde Watkins im Jahr 2002 vom Time-Magazin zur Person of the Year ernannt. Das wars auch schon an Lorbeeren. Von vielen inzwischen ähnlich vergessen ist auch der ComRoad-Skandal. Nur die Journalistin Renate Daum zweifelte an den branchenuntypischen, großartigen Zahlen. Die großzügig geldgebenden Banken hatten indes offenbar kein Interesse an Nachforschungen über angebliche 1000-Prozent-Gewinne. Der Titel des Buches, für die Autorin im Jahr 2002 den Helmut-Schmidt-Journalisten-Preis erhielt, lautet bezeichnenderweise: Außer Kontrolle – Wie ComRoad und Co. Deutschlands Finanzsystem austricksen. Doch das weibliche Korrektiv männlicher Misswirtschaft hielt nicht lange vor.

Dabei hatte auch für die gegenwärtige Situation die bislang in Deutschland einzige vorhandene, weibliche Ministerpräsidenten (und vorherige Finanzministerin) Heide Simonis klugen Frauen einen wichtigen Rat für das Überleben in Männerwirtschaften hinterlassen, und zwar den, dass gescheite Frauen nur dann überhaupt eine Chance hätten, sich Gehör zu verschaffen, wenn gerade wieder einer der Jungs aus der Kurve flöge.
Die Gelegenheit wäre also günstig - eigentlich: Noch nie zuvor hat man so viele Jungs aus so vielen Kurven fliegen sehen, wie in der derzeitigen Finanzkrise. Wegen der immensen Summen liegt eine unausgesprochene Frage im Raum, nämlich die, was passiert wäre, wenn deutlich mehr Frauen in den Vorstandsetagen und Aufsichträten der Banken gesessen hätten? Wäre das alles nicht passiert? Oder wäre das Desaster wenigstens - frauentypisch - billiger für die Steuerzahler ausgefallen?

Nach den großen Bilanzskandalen entledigte man sich des weiblichen Petzen-Problems vermeintlich männlich elegant, in dem man die Aufzeichnungs- und Belegpflicht änderte und vor allem auslagerte. Was man nicht sieht, so heißt es auch heute wieder, können die Herren in den Aufsichträten eben auch nicht entdecken - und daher dubiose Zahlen nicht bemerken und ihre Vorstände nicht mehr kontrollieren. Für ein reinigendes Eingeständnis des Versagens und die Idee mehr weibliche Aufsichträte mit Argusaugen einzusetzen, sprach sich indes niemand aus. Nach dem Skandal war bislang immer vor dem Skandal – und es könnte durchaus so weiter gehen.

Was wäre wohl geschehen, wenn schon damals die Chance genutzt und wenigstens alle Aufsichträte großer, global agierender Unternehmen und Banken zur Hälfte mit fähigen Frauen besetzt worden wären? Wären dann auch in Deutschland etwa faule Kredite wahlweise Schmiergelder, Lustwohnungen und Lustreisen auf Firmenkosten an sämtlichen Buchhaltern und Aufsichtsräten vorbeigegangen? Oder hätte sich zumindest der weiblich besetzte Teil des Aufsichtsrat über so manche Unterlagen gewundert und nachgeforscht?

Und was wäre, wenn sämtliche politische Gremien für Frieden und Sicherung paritätisch mit Frauen und Männern besetzt wären?. In der demokratischen Republik Kongo, in der auch schon deutsche Soldaten während des EUFOR-Einsatzes stationiert waren und in der Blauhelmsoldaten für Sicherheit sorgen sollen, ist die Lage der Frauen und Mädchen seit über zehn Jahren eine konstante Hölle. Vergewaltigung wird als Waffe eingesetzt, Frauen und Kinder werden nicht wie Menschen, sondern wie Objekte behandelt: Marodierende Milizen überfallen Dörfer und haben es besonders auf Kinder und Frauen abgesehen. Gezielt werden Mädchen die Köpfe eingeschlagen, immer jüngere Mädchen werden vergewaltigt, gefoltert und entführt. Die Krankenhäuser, von Hilfsorganisationen finanziert, flicken die Opfer zusammen, so weit es geht – und müssen die schwer traumatisierten Opfer anschließend wieder in ihre Dörfer zurück schicken. Dort beginnt der Teufelskreis von vorn. Die Opfer sind schutzlos.

Was wäre, wenn zum Beispiel in der chinesischen Regierung mehr Frauen säßen? Würden sie nicht nur Geld in den kongolesischen Bergbau investieren, sondern vielleicht auch ihre Kampfkunst in den Kongo exportieren, damit Kinder und Frauen sich wenigstens unbewaffnet selbst verteidigen können? Würde sich die kaum in Worte zu fassende grausame Situation bessern, wenn in den Vorständen und Aufsichtsräten der Geschäftspartner aus den Industriestaaten (achtzig Prozent des Weltbedarfs am Rohstoff Coltan stammen aus dem Kongo, der wird für Mobiltelefone benötigt) mehr Frauen sitzen würden? Bis dahin bleiben die Kinder und Frauen im Kongo als hilflose Opfer zurück, und die Zerstörung der ganzen kongolesischen Gesellschaft ist längst kein Albtraum mehr, sondern nimmt immer schneller Gestalt an. Monika Hauser von medica mondiale bezeichnete die Lage im Ostkongo einmal als Femizid, als planmäßigen Massenmord an Frauen.

Mit mehr Frauen in den entsprechenden politischen Gremien würde man vielleicht auch anders an die Sicherheitsfrage herangehen und die weitreichenden Folgen von alltäglicher, sexueller Gewalt besser beherrschen können, denn diese geht nach wie vor vorwiegend von Männern aus - und wird lediglich mit männlich geprägten Konzepten beantwortet: Keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern Schutz allein durch Soldaten – nur immer mehr Soldaten zu senden, hat die Sicherheitslage der Zivilbevölkerung bislang weder im Kongo noch anderswo durchschlagend verbessert.

„Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Frauen und Männer.“

Zurück zur Wirtschaft haben Beraterfirmen schon lange vorgerechnet, dass die Rendite in Unternehmen mit mehr Frauen in Entscheiderpositionen bis zu zehn Prozent steigen kann. Skandinavien ist Vorreiter solch einer modernen Personalpolitik – und kann sich bislang nicht beklagen. In Norwegen wird seit Anfang dieses Jahres neben den öffentlichen Unternehmen inzwischen auch eine vierzigprozentige Frauenquote in Aufsichtsräten privater, börsennotierter Unternehmen eingeführt.

Doch unter gleichen Bedingungen sind Frauen gar nicht so viel anders als Männer – und weniger fähig schon gar nicht. Einige herausragende Karrieren beweisen dies eindrucksvoll, ob das nun persönlich als gut oder als schlecht empfunden wird. Niemand wird zum Beispiel auf die Idee kommen, die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher sei etwa sozialer oder weniger militärisch als ein Mann gewesen. Im Gegenteil, sie bekam den Spitznamen Eiserne Lady verpasst. Ob weiblich oder männlich, nur wenige Unterschiede findet man ebenso auf einem anderen Parkett – der Börse. Momentan sehen die Augen von Händlern beiderlei Geschlechts ähnlich müde aus.
Früher war das einfacher, die Geschlechterrollen festgezurrt - doch der eigentliche Unterschied zwischen Männern und Frauen besteht bis heute immer noch. Es sind nämlich die Kinder, die immer noch den großen Unterschied in Beruf und Karriere statuieren. Früher erzogen nur Frauen die Kinder, und deshalb konnten sie - bis in die Gegenwart - beruflich nicht tun und lassen, was sie wollen wie Männer. Eine Frau, die keine Kinder hat, hat dagegen zwei Hände frei und durchaus Chancen ganz noch oben zu kommen, jedenfalls so weit, bis ihr die letzte, noch verbliebene Tür vor dem Chefsessel und vor der Nase zugeschlagen wird. Auf den Ebenen darunter werden die Unterschiede zwischen Männern und kinderlosen Frauen immer marginaler. Ob Männer Kinder haben oder nicht, war dagegen bisher nur selten ein Karrierehinderungsgrund, die mit Kindern haben meist gleichzeitig eine kinderbetreuende Frau zu Hause.

Für Frauen mit Kindern bleibt der Arbeitsmarkt mit Risiken behaftet, je nachdem wie gut die Kinderbetreuung funktioniert, und Kinder als solche bedeuten auch heute immer noch häufig das Ende einer vielversprechenden Karriere in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft. Da nützen den begabteren Anwärterinnen weder die besseren Abschlüsse und Zeugnisse noch das Mehr an Organisations- und Planungstalent: Die kinderlosen Kolleginnen, auch diejenigen mit mieseren Abschlüssen und geringeren Fähigkeiten, haben schlicht mehr Zeit – und ziehen an gescheiten Frauen mit Kindern inzwischen genauso schnell vorbei wie Männer.

Einige Aspirantinnen auf aussichtsreiche Posten realisieren diese erste Abwandlung des Ebner-Eschenbach-Zitats leider regelmäßig immer erst dann, wenn sie selbst ein Kind bekommen. Vorher wird die Tatsache, mit Kindern auf dem Arbeitsmarkt und im Beruf benachteiligt zu werden von den meisten Frauen für reine Theorie gehalten. Die Ernüchterung folgt regelmäßig auf dem Fuße, und erklärt gleichzeitig ein mangelndes Verständnis mancher weiblicher, kinderloser Vorgesetzter gegenüber ihren Mitarbeiterinnen mit Kindern. Dieses Verständnis kann genauso inzwischen genauso groß oder gering wie das eines männlichen Vorgesetzten ausfallen, der keine Kinder hat, oder eben die lästige, zeitraubende Familienarbeit seiner Frau überlassen kann.

Gleichzeitig zum bestehenden Missverhältnis der wirtschaftlichen Partzipation von Müttern schlägt sich die zweite Abwandlung des Ebner-Eschenbachs-Zitats auch in denjenigen Zeitgenossen nieder, die tatsächlich noch weniger Partzipation von Müttern fordern. Sie meinen allen Ernstes, die Emanzipation sei zu weit gegangen und die Kinder würden heute massiv darunter leiden, dass Mütter arbeiteten. Sie ziehen daraus seltsame Schlüsse: Frauen würden ohne Kinder nicht glücklich werden. Die natürliche Aufgabe von Frauen bestünde allein in der Mutterschaft, deshalb gehörten sämtliche Frauen zurück an den Herd und ins Kinderzimmer. Und: allein die Mutter wäre das Beste fürs Kind. Für die soziale Männerwirtschaft treten also auch weibliche Unterstützerinnen vehement ein.

Kinder haben jedoch auch Väter. Und Männer sind nicht mehr und nicht weniger gescheit als Frauen. Deshalb oder trotzdem haben auch sie inzwischen ähnliche Schwierigkeiten, durch die Linien zu kommen, mittlerweile sogar gleich von Anfang an - wie einst nur Mädchen: In der Grundschulen beschweren sich inzwischen immer mehr Eltern über die Benachteiligung von Jungen. Pädagogen und die Medien haben das Thema längst aufgegriffen. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Mädchen in Schulen noch beschieden wurde, sie bräuchten gar keine Mathematik – und Ex-Harvard-Präsident Larry Summers ist wahrscheinlich nach wie vor der Auffassung, für höhere Mathematik seien sie schon gar nicht geeignet -, sie würden ja eh heiraten. Und Heiraten, so lernten ganze Generationen von Frauen, sei gleichbedeutend mit Jobaufgabe und kostenloser Haushaltsführung für den Alleinverdiener.

Es waren allerdings nicht nur Lehrer: Auch Mütter beruhigten ihre vermeintlich mathematisch unbegabten Töchter gern mit Sätzen wie diesen: „ Das macht doch nichts, dass Du eine Fünf in Mathe hast, denn ich war in der Schule auch schon immer schlecht im Rechnen.“ Inzwischen teilt man männlichen Grundschülern genauso vor der versammelten Klasse mit, dass Jungen fürs Schreiben und Lesen gar nicht die nötigen Gene mitbrächten - was Genforscher sicher zügig widerlegen könnten, würde man sie nur vorher fragen. Auch hier sind es wieder nicht die Lehrer allein, sondern ein ähnlich unglückliches Konglomerat aus pädagogischen Fachkräften und Eltern: „Das macht doch nichts, ich hatte auch schon immer eine Fünf in Deutsch,“ erfährt so mancher Filius heutzutage von seinem Trost spenden wollendem Vater. Die Anerkennung von Papa ist damit zumindest gesichert.

Daneben sehen sich berufstätige Eltern beiderlei Geschlechts, die sich die Familienarbeit partnerschaftlich teilen, heute zunehemend gleichermaßen der Doppelbelastung durch Beruf und Familie ausgesetzt. Das bedeutet, dass nicht nur Mütter sich vor Lehrerinnen rechtfertigen müssen, dass sie aus beruflichen Gründen nicht am Weihnachtssingen am Nachmittag teilnehmen können, sondern auch Väter. Und letztere finden inzwischen sowohl bei Lehrerinnen als auch bei ihren Chefinnen am Arbeitsplatz genauso wenig Verständnis für die jeweils andere – die berufliche oder die familiäre – Verpflichtung, als wären diese Lehrer und Vorgesetzten männlich. Die Geschichte scheint sich ständig zu wiederholen, und endet Dank unterschätzter, gescheiter Männer und doppelt belasteter, kluger Väter in der letzten Abwandlung des Ebner-Eschenbachs-Zitats:

„Eine gescheite Frau, ein gescheiter Mann haben Millionen geborener Feinde: alle dummen Frauen und Männer“

Bis es flächendeckend so weit ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Oder anders ausgedrückt: Die Emanzipation ist erst dann erreicht, wenn genauso viele weibliche wie männliche Nieten in den Chefetagen sitzen. Auf diese Erkenntnis reagieren die Menschen jedoch sehr unterschiedlich, ein Großteil unglücklicherweise mit dem Reflex das Rad zurückdrehen zu wollen, obwohl es keinerlei Anlass dafür gibt. Nur, weil Frauen und Männer sich in vielem ähnlicher sind als die meisten denken, eine ehemals vorhandene, männliche Vorherrschaft wieder zu etablieren, ist schon deshalb sinnentleert, weil weibliche Dummheit wohl kaum schlimmer ausfallen kann als männliche - höchstens genauso schlimm.

Die Dummheit ist in Wahrheit geschlechtslos – und sie gehört am besten überall dort abgeschafft, wo sie immens stören kann, zum Beispiel in Banken. Frauen sind keine besseren, keine klügeren und auch keine dümmeren Menschen, und eine Finanzkrise unter weiblicher Führung ist damit durchaus genauso möglich. Die große Chance liegt vielmehr darin, dass sich Frauen und Männer einerseits unterstützen und andererseits kontrollieren. Offenbar arbeiten sie damit zusammen schlicht erfolgreicher, als ausschließlich unter ihresgleichen, nur unter Männern oder nur unter Frauen. Die stärksten Volkswirtschaften sind aktuell diejenigen, in denen beide Geschlechter möglichst gleichberechtigt partizipieren, was keineswegs ein Zufall ist.

Man kann auch umgekehrt sagen, die strenge Geschlechtertrennung, die Diskriminierung des einen Geschlechts durch das andere gar, ist dumm: Laut Evolution ist das in zwei Geschlechter eingeteilte Säugetier Mensch das erfolgreichste, das die Erde je hervorgebracht hat (ohne Garantie, dass dies auch so bleiben wird), auch in der Version für religiöse Menschen: Warum sollte Gott zwei Geschlechter erfinden, wenn sie sich nicht gegenseitig brauchen würden? Nur, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiten, funktioniert die Gesellschaft und wird aus einer Günstlings-Männerwirtschaft eine echte Marktwirtschaft. Um beide Ziele zu erreichen, kommt man nicht um die chronologische Abarbeitung des Ebner-Eschenbachschen Zitats und seinen zwei Abwandlungen und damit auch nicht um die Frauenquote herum. Wer das nicht will, der sei inständig gewarnt, denn die kluge Freifrau hat nicht zuletzt auch das gesagt:

Zitat::

„Der Gescheitere gibt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit“

Marie von Ebner-Eschenbach


2008-10-18 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible, aph

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