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Die gestohlene Puppenstube

von Juliane Beer

Sie saßen im Halbkreis. Niemand kann jetzt noch behaupten, dass ich mir das einbilde. Ich habe den Beweis.
Gestern Abend setzte ich selbst sie um die Kasse herum und zeichnete unter jeden Puppenpo ein Kreidekreuz. Es war meine letzte Tat, bevor ich den Laden zuschloss. Nach mir kommt niemand mehr. Es gibt hier nur eine Verkäuferin. Mich. Und der Serenissimus geht abends nicht aus. Er geht überhaupt kaum noch aus. Lediglich zweimal die Woche, auf dem Weg zum Frisör, wo er sich rasieren lässt, stattet er mir einen kurzen Besuch ab.
„Wie laufen die Geschäfte?“, fragt er und ist schon fast wieder draußen. Vor einem Monat hat er mir Prokura erteilt. Um so schlimmer, dass seitdem Geld auftaucht wie aus dem Nichts. Bislang konnte ich es noch vor ihm verheimlichen. Ich sammle das Geld, das morgens neben den Puppen liegt, in einer ausrangierten Kaffeebüchse. Demnächst ist sie voll. Wohin dann damit? Das Geld gehört mir nicht, ich kann es nicht mit nach Hause nehmen. Und im übrigen: Was soll ich mit einer Kaffeebüchse voller 10-Pfennig-Stücke? Seit Jahren bezahlen die Leute mit Euro und Cent, von Pfennigen will niemand mehr etwas wissen. Dazu die Sache mit den Puppen. Puppen stehen für gewöhnlich nicht über Nacht auf, um sich in eine Reihe zu setzen. Aber genau das tun die sechs Bewohner der gestohlenen Puppenstube. Ich habe den Beweis.

Die Kreidekreuze bildeten heute morgen, als ich den Laden betrat, noch immer einen Halbkreis. Die Puppen ihrerseits saßen kerzengerade in einer Reihe. Ich muss gestehen, dass dieser Anblick ein gewisses Entsetzen bei mir auslöste.
Ich fand es am klügsten, Ruhe zu bewahren. Machte alles wie immer. Zog die Jalousien hoch, stellte die Kiste mit den Bilderbüchern vor den Laden, knipste die Adventsbeleuchtung an; hinten, in der Küche, setzte ich Teewasser auf. Niemand kam an diesem Morgen. Als sei die unheimliche Geschichte um die Puppen bereits hinaus in die Einkaufspassage gedrungen und hinge jetzt wie eine Warnung unter der mit hundert Sternen geschmückten Kuppel, machten die Leute einen Bogen um den Spielzeugladen. Nicht mal die Kiste mit den Bilderbüchern, die sich sonst großer Beliebtheit erfreut, wurde auch nur angerührt. Und das drei Wochen vor Weihnachten!

Um halb zwölf schlich die erste Kundin herein. Während sie sich zum großen Holzregal durcharbeitete, schweifte ihr Blick unsicher durch den Laden. Schließlich schnappte sie sich einen der Kinderzimmer-Teppiche mit Straßenmotiv.
„Wollen Sie ihn nicht aufrollen und anschauen?“, fragte ich, als sie mir einen Zwanzig-Euro-Schein hinlegte, sie aber schüttelte den Kopf, behauptete, sie hätte den gleichen bereits vor einem Monat gekauft, wisse, wie er aussähe. Als ich in der Kasse nach Wechselgeld suchte, starrte sie auf die Puppenfamilie, die noch immer kerzengerade in einer Reihe saß, da ich es nicht gewagt hatte, sie anzurühren.
„Antik?“, wollte die Kundin wissen. Sie wirkte beunruhigt. Ich nickte. Sie nahm Wechselgeld und Teppich an sich und verließ eilig den Laden.

War es ein Fehler gewesen, die Puppen nach vorne zu holen? Hatte ich zuletzt ihre Ruhe gestört? Friedlich aneinander gekauert wie ein Wurf schlafender Baby-Mäuse lagen sie in der unteren Schublade des Büroschranks. Jahrelang. Aber ich war zu stolz auf meinen Fund gewesen, vorletzten Monat, als ich einen neuen Quittungsblock kaufen wollte, und dem Serenissimus einfiel, dass hinten, im alten Schrank, noch welche lägen. Nein, um das jetzt rasch richtig zu stellen, alter Adel ist er nicht, der Besitzer dieses bezaubernden, kleinen Ladens. Wie er dann zu seinem Namen kam? Ich denke, sein Gang, seine Gesten sind zu hoheitsvoll, um wie über einen Bürgerlichen von ihm zu berichten.
Als er wenige Tage später auf dem Weg zum Frisör wiederkam und die kleine Familie um die Kasse herumsitzen sah, zuckte er erschrocken zusammen, selbstverständlich gemessen, innerhalb seiner Möglichkeiten.
Ich entschuldigte mich vielmals, selbstverständlich hätte ich ihn fragen müssen, bevor ich etwas aus den Schubladen nahm. Er aber hatte sich gleich wieder gefasst, flüsterte: „Die alte Puppenstube... Gestohlen hat man sie uns. Siebzig Jahre ist das her, am 1. Dezember genau 70 Jahre! Mein Vater hatte sie bei einer Auktion erstanden, der Concierge des Nachbarhauses war in finanzielle Verlegenheiten geraten, musste große Teile des Familien-Hab und Guts veräußern. Dreißig Mark gab mein Vater dem Mann; damals war das viel Geld, aber die Puppenstube war ja auch ein kleines Kunstwerk: Salon und Küche mit Dienstbotenkammer, originalgetreu nachgebildet, eingerichtet mit Möbeln und Inventar im Stil der Jahrhundertwende. Selbst Pfannen, Töpfe und ein sechzig-teiliges Silberbesteck in Miniaturausgabe fehlten nicht! Wir stellten das Prachtstück ins Schaufenster; den ganzen Tag über blieben die Leute stehen und konnten sich nicht satt sehen. Am nächsten Morgen aber war die Scheibe eingeschlagen und die Puppenstube was verschwunden. Sonst fehlte nichts. Seltsamerweise. Kein Geld, kein Spielzeug - nichts außer der Puppenstube hatten die Diebe mitgenommen. Sogar die sechs kleinen Bewohner saßen noch zwischen den Scherben der Schaufensterscheibe. Die Übeltäter wurden bald darauf gefasst. Zwei Söhne des Concierges. Zu jung, um eingesperrt zu werden, wenn Sie mich fragen.“
„Eingesperrt hat man sie?“, wollte ich wissen.

Der Serenissimus nickte, und wohl war ihm nicht bei der Erinnerung daran. „Hatten wohl schon einiges auf dem Kerbholz, die beiden. Trotzdem - es waren noch Kinder. Eine weniger drakonische Strafe hätte es auch getan.“ Wie immer in Momenten großer Nachdenklichkeit strich er sich über seinen kleinen, schneeweißen Zopf. „Aber lassen Sie die Püppchen ruhig hier sitzen! Die Kunden freut so etwas.“
Damals wollte ich nicht genauer über die Sache nachdenken. Die Kinder im Gefängnis - dieses Bild machte mir zu schaffen. Die kleinen Bengel blickten völlig verängstigt...
Dann, ein paar Tage später, war mir zum ersten Mal aufgefallen, dass die Püppchen morgens, wenn ich den Laden betrat, anders dasaßen als am Vorabend. Zuerst dachte ich, ich würde mir das Ganze schlichtweg einbilden. Bis die Sache mit den 10-Pfennig-Stücken anfing.
Und seit ein paar Stunden habe ich den Beweis.
Wie geht das weiter?
Jetzt ist es Mittag. Ich wage es nicht, den Laden zu verlassen. Ich habe Angst vor dem Wiederkommen. Das Mittagsessen fällt aus. Draußen, in der Einkaufspassage spielt jemand ein Weihnachtslied auf der Geige.

Gegen Nachmittag fasse ich einen Entschluss. So verrückt mir die Idee im ersten Moment erscheint, so überzeugt bin ich, dass ich sie in die Tat umsetzen muss. Ich brauche Klarheit. Schon wegen der 10-Pfennig-Stücke.
Pünktlich um 19 Uhr schließe ich den Laden ab. Wie immer. Falls mich bereits in diesem Moment jemand beobachtet, soll er keinerlei Verdacht schöpfen. Vorne am Passageneingang treffe ich den Wachmann, der heute Nacht Dienst tut.
„Ich komme später wieder!“, sage ich, „heute Nacht ist Inventur!“, lüge ich. „Sie können mich aber durch den Lieferanteneingang hereinlassen. Ich gehe dann durch unser Lager, muss vorne im Laden keine Galabeleuchtung einschalten!“
„Alles klar!“, brummt der Mann. Er scheint nichts zu ahnen. Warum auch? Ich bin eine unscheinbare Frau mittleren Alters, die seit vier Jahren im Spielzeugladen arbeitet und nie durch Extravaganzen auffiel.
Zwei Stunden später bin ich wieder da. Der Wachmann schließt mir den Lieferanteneingang auf. Ich schleiche durch die große Halle, vorbei an alten Containern, bedeckt von Staub, niemand scheint hier gewesen zu sein, seit Monaten. Plötzlich befürchte ich, etwas aufzuwirbeln, was ruhen sollte. Unmöglich aber, jetzt noch umzukehren! Ich steige die Hühnertreppe zur Hintertür von Laden 14 hinauf, ich stecke den Schlüssel ins Schloss, schließe auf. Drinnen ist es ruhig und dunkel. Auf Zehenspitzen schleiche ich durch das Hinterzimmer, die Küche. Am Durchgang zum Verkaufsraum setze ich mich nach kurzem Zögern auf den Fußboden. Und warte. Nichts tut sich. Lange Zeit. Plötzlich ein leises Knarren. Die Fußbodendielen sind alt, auch die jährliche Neulackierung kann daran nichts ändern. Jetzt knarrt es wieder. Ganz leise stehe ich auf. Es ist plötzlich kalt. Die Luft flimmert silbrig. Winzige Funken absorbieren die Dunkelheit. All die kleinen Gesichter sind seltsam erstarrt. Puppen, Teddys, Holztiere - alle scheinen gefangen zu sein in einem plötzlichen Stillstand der Zeit. Nur die sechs Puppenstubenbewohner bewegen sich. Gleiten auf ihren kleinen Pos umher, wobei sie leise, klirrende Töne von sich geben.
Am Kassentisch steht ein magerer Bengel. Er trägt zerrissene Hosen und keine Schuhe, soweit ich das erkennen kann. Er durchwühlt seine Hosentasche, schließlich kommen ein paar Münzen zum Vorschein. Ich glaube, ich stoße in diesem Moment einen Schrei aus. Der Junge blickt auf, verzieht erschrocken das Gesicht, ein trauriges kleines Gesicht... und ist verschwunden. Ich fahre hoch, komme zu mir. Sitze noch immer auf dem Fußboden im Durchgang. Ich muss eingeschlafen sein.
Für den Rest der Nacht stehe vor dem Kassentisch, betrachte die Münzen und die Püppchen und versuche, zu begreifen. Aber ich begreife nichts.
LadenGegen Morgen hole ich die Kaffeedose aus dem Lager, schütte alle 10-Pfennig-Stücke auf den Tresen, lege die der letzten Nacht dazu und beginne zu zählen. Zusammen sind es genau dreißig Mark.

Bei seiner nächsten Visite händige ich dem Serenissimus die Kaffeebüchse mit den Groschen aus. Als er mich verblüfft ansieht, erzähle ich ihm die ganze Geschichte. Dass ich eingeschlafen bin, verschweige ich ihm jedoch. Es ist nicht wichtig, tut nichts zur Sache.
Der Serenissimus hört zu. Der Serenissimus schweigt.
Vielleicht hält er mich jetzt für verrückt.
Am Abend setze ich die Püppchen wieder um die Kasse herum. Sie bilden einen Halbkreis. Seit jener Nacht haben sie sich nie wieder von ihrem Platz gerührt.


2008-12-01 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible, aph
Illustrationen: ©Angelika Petrich-Hornetz

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