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Weihnachten in der Wirtschaftskrise

Und im deutschen Einzelhandel klingeln die Kassen

von Angelika Petrich-Hornetz

Da wundern sich die Wirtschaftsexperten: Ausgerechnet in der beginnenden Wirtschaftskrise stabilisiert sich in Deutschland der private Konsum. Ein Neuigkeit, auf die Wirtschaftsexperten lange gewartet hatten, die bislang doch nie eintrat. Selbst jetzt, wo in Umfragen und Zahlen das relativ gute Weihnachtsgeschäft bereits messbar wird, glaubt keiner so recht, dass diese Konsumfreudigkeit lange anhalten wird. Ob es sich dabei eher um das typisch deutsche Misstrauen handelt oder ob dieses gerechtfertigt ist, sei erst einmal dahingestellt: Was ist passiert, das die Deutschen plötzlich und unerwartet in Kauflaune versetzt?

Eine ältere Dame erwiderte einer Kassiererin kürzlich höflich, dass sie keine Bonus-Punkte für irgendein Geschirr sammeln wolle. Nein, Danke, Staubfänger habe sie schließlich schon genug: Ich bitte Sie, ich bin 85, Was soll ich mit all den Gläsern? Verständlich, doch so konsumresistent, wie das Alter ab angeblich werbeunrelevanten 49 Jahren bislang galt, ist es 2008 längst nicht mehr. Was ist, wenn man noch neunzig oder hundert Jahre alt wird? Etwa zwanzig lange Jahre lang noch die alten Klamotten benutzen?

Wozu sollte man im Alter überhaupt noch sparen? Schließlich hat nicht jeder ältere Mensch gleich fünf Kinder und zehn Enkel oder führt einen hundertjährigen Familienbetrieb. Die aktuellen Preise sinken und die Deutschen waren schon immer begeisterte Schnäppchenjäger, die bei guten Gelegenheiten ausgesprochen gern zugreifen. Außerdem sind sie Reiseweltmeister, und unter diesen steigt die Zahl der Älteren seit Jahren an. Langfristig wird der Ölpreis zudem wieder steigen und der Gesundheitsfonds verspricht im nächsten Jahr die wirksame Eliminierung steigender Renten und höherer Kindergelder. Wenn also Einkaufen, dann jetzt. Insofern könnten die Prognosen stimmen, dass die Konsumfreudigkeit, ähnlich wie letztes und vorletztes Jahr aus anderen Gründen, ein einmaliges Jahresendereignis werden wird.

Doch es spricht auch einiges dagegen: Lebensmittel werden zum Beispiel immer benötigt, einige große Supermarktketten eröffnen deshalb aktuell weitere Filialen, die zu lokalen Servicebetrieben inklusive Poststelle avancieren. Deutschland ist eines der OECD-Länder, in denen sich in den letzten (Wirtschaftsboom-)Jahren die Einkommensschere besonders groß auftat. Die Bezieher unterer bis mittlere Gehälter wunderten sich daher ausgerechnet in den vergangenen fetten Jahren nicht selten, wie wenig von dem angeblichen Geldsegen bei ihnen selbst eintraf. Bemerkt hatten sie vor allem eines: ständige Preiserhöhungen. Manch einer war im Sommer allein schon durch Fixkosten plus Benzin plus Lebensmittel an die Grenze seines Einkommens geraten. Die Reiselust der traditionellen Tourismuszielgruppe Familie mit Kind ließ in Folge dessen messbar nach, während diese bei Singles und Älteren einigermaßen ungebrochen bliebt. Nun sinken die Preise für alle und das steigert auch die allgemeine Kauflaune, die Reise- und die Unternehmungslust der deutschen Verbraucher enorm, rechtzeitig zum Weihnachtsfest 2008 – und zur Feriensaison 2009.

Hohe Konsumausgaben sind typisch für Familien mit mehreren Kindern, die neben ihren vielen anderen Funktionen für eine Gesellschaft damit gleichzeitig die größten Privatkonsum-Motoren einer Volkswirtschaft sind. Der Kuba-Effekt (das Auto fahren, bis es auseinander fällt) auf dem Automarkt, zu dem Familien dank der vielen Preissteigerungen gezwungen wurden, trat deshalb auch früh in Erscheinung. Genauso wenig, wie sich 85-Jährige alle zwei Jahre neue Gläser anschaffen, kaufen sich 75-Jährige alle zwei Jahre ein neues Auto. Etwas anderes ist bei dem Vorhandensein von Kindern und Enkeln zu beobachten, die den Verbrauch und Gebrauch sowohl von Gläsern als auch von PKW enorm steigern.

Und es droht weiterer Ungemach: Die Bahn erhöhte pünktlich zum Fest ihre Preise und die Busunternehmen ziehen vielerorts nach. Familien, die deutlich mehr als Singlehaushalte für Mobilität, Bildung und Lebensmittel ausgeben, müssen mit diesen Preisen leben und mit deren Höhe steigen und fallen die Möglichkeiten für Anschaffungen, die vielleicht vorerst nicht ganz so wichtig sind – wie zum Beispiel die eines nagelneuen Autos.

Etwas anderes ist es bei den höheren Einkommen. Manche haben nicht wenig Geld an den Börsen verloren, und fragen sich Ende dieses Jahres, warum sie eigentlich noch mit dem Kauf eines neuen Autos, eines lange ersehnten Motorrads, einer neuen Küche, Wohnzimmereinrichtung oder gar eines ganzen Hauses warten sollen? Etwa bis zur nächsten Krise? Neben der Unsicherheit, wo man sein Geld aktuell sicher anlegen kann, verunsichert die besseren Verdiener die Abgeltungssteuer. Die beträgt 25 Prozent, die Mehrwertsteuer dagegen nur 19 Prozent.

Die Deutschen neigen zum Pessimismus oder zumindest zu einer gewissen Nachdenklichkeit, die german Angst hat jedoch auch ihre unstrittigen Vorteile: Die sich langsam, aber sicher aufbauschende Immobilienblase in den USA haben viele hierzulande schon lange mit unguten Gefühlen beobachtet. Der große Knall kam für diejenigen, die nicht doch von der Gier mitgerissen wurden, nicht überraschend. Und mit Depressionen durch nackten Realitätssinn ist man grundsätzlich vertraut. Dann werden wieder die Zähne zusammengebissen und genauso zähnknirschend das ertragen, was um den deutschen Michel herum geschieht. So auch diemal wieder, was den Michel allerdings auch nicht davon abhält bei sinkenden Preisen unverzüglich einzukaufen.

Und nun verspricht diese eigentümliche, vernünftige Kauflust einen grundsoliden Weihnachtseinkauf. Schließlich überlegt man spätestens seit September und Oktober 2008 wieder zweimal, bevor und wofür man sein Geld ausgibt. Plötzlich werden wieder ganz traditionelle Dinge interessant – wenn auch modernisiert. Der Fotoapparat für den Enkel ist selbstverständlich digital, doch man achtete dieses Jahr beim Kauf genau darauf, dass der keine überflüssigen, sondern nur nützliche und wirklich brauchbare technischen Details enthält, die verschenkt werden, auch, damit das Präsent nicht gleich nach dem Fest in der nächsten Internetauktion landet.

Ein stimmungsvoller Wirtschaftskrisen-Weihnachts-Gabentisch beinhaltet daher überlegte Geschenke. Es ist wieder schick, sich darüber Gedanken zu machen, was sich der Beschenkte wirklich wünscht oder wovon er einen praktischen Nutzen haben würde. Die Rohstoffpreise sinken zwar, doch gerade das macht den schnöden Tankgutschein nicht weniger attraktiv, im Gegenteil: Einmal Volltanken für 1,14 Euro pro Liter geht wesentlich günstiger als mit 1,58 Euro. Allein durch die noch sehr frische Erinnerung an die letzten Sommerpreise weiß jeder so Beglückte einen vollen Tank immer noch sehr zu schätzen.

Genauso frisch in Erinnerung dürften die zahlreichen Rückrufaktionen von Spielzeugherstellern des letzten Jahres sein. Eltern, die es Weihnachten 2007 satt hatten, sich mühsam durch umfangreiche EU-Datenbanken zu wühlen, in denen Hunderte mögliche Vergiftungen und Gefahren aufgeführt waren, greifen dieses Jahr zu Spielzeug mit eindeutigen Herkunfts-, Hersteller- und Inhaltsangaben. Holz- und Brettspiele sind wieder in Mode: Schach, Dame und Backgammon. Genauso Musikinstrumente und der dazu passende Unterricht. Dafür braucht es meist ein kleines, edles und daher teures Equipment - trotzdem eine gute Anlage, nämlich mit der Garantie für jahre- bis jahrzehntelangen Spielspaß (inklusive Extra- sowie Verschleiß-Teile und damit Nachkaufzwang) in jeder Beziehung. Tradition mit Technik bestimmt das Weihnachts-Leben 2008, die Lieben werden immer noch gern regelmäßig fotografiert und den Großeltern vorgeführt, ganz so wie immer, doch dieses Jahr weder im traditionellen Fotoalbum noch per einfachem Festplatten-Ausstausch, sondern im robusten digitalen Bilderrahmen - zum Hinstellen.

Zum Konzert oder Brettspiel schmeckt ein guter Tee, ein edles Bier oder ein guter Wein, mit Betonung auf gut. Rückbesinnung: Deutsche Weine schmecken auch den Einheimischen wieder, während die Experimentierfreude dieses Jahr dort nachlässt, wo man nicht weiß, was einem an Nebenwirkungen blüht. Lebensmittel sind trotzdem oder gerade deshalb ein nur allzu willkommenes Geschenk – wenn sie Qualitätsansprüchen standhalten. Sogar das gute alte Pfund Kaffee wird wieder zum Kaffeekränzchen mitgebracht, mit modernen Anwandlungen, zum Beispiel aus kontrolliertem und fairen Anbau. Ergebnis: Beschenkten und Schenkenden schmeckt das anschließend kredenzte teure Tässchen gleichermaßen gut. Und so feiern neben Wein und Kaffee sowie anderen edlen Einzelgenüssen auch ganze Fresskörbe zum Weihnachtsfest 2008 wieder fröhlich Urständ. Für gutes Essen reichen keine TV-Kochshows, sondern braucht es vor allem die richtigen Zutaten.

Ein ähnliches Comeback wie der Fresskorb feiert Selbstgemachtes. Herrlich lecker diese Erdbeermarmelade von Tante Kuni - zum Fest mit Silberschleife. Und im Internet gibt es inzwischen gleich mehrere Portale, über die ausschließlich selbstgemachtes Kunsthandwerk käuflich erworben werden kann. Angesichts entsetzlicher Mützen-Modelle zu genauso entsetzlichen Preisen, lebt das etwas verstaubte Strickhandwerk wieder auf. Auf einmal sieht man in Wartebereichen zahlreicher Verkehrsknotenpunkte nicht nur mehr Dauertelefonierer am Handy, sondern tatsächlich wieder mehrere strickende Damen, sogar Herren und ein paar noch versprengt wirkende Jugendliche, die sich ihre eigene Entwürfe auf den Kopf setzen – oder andere damit zum Fest beglücken.

Doch auch die Einzelhandels-Preise für Wolle erklommen in den letzten Jahren wie andere Rohstoffe astronomische Höhen. Nun werden wieder Interessen-Gemeinschafts-Fahrten zu Woll-Discountern organisiert oder das begehrte Gut gleich säckeweise bei (Online-)Auktionen gekauft. Sogar der Goldpreis sinkt zeitweise dank fallender Rohstoffpreise, und nicht nur wegen der Unsicherheit über andere Anlageformen, wird der glänzende, ewige, goldene Ring für die Liebste wieder gern verschenkt. Auch so mancher Edelstein hält in den Augen mancher Schenkenden inzwischen wieder deutlich länger als andere, vermeintlich sichere und langfristige Geldanlagen. Und mal ehrlich: Ein paar Aktien für den Verlobten galten vielleicht in den 1980er Jahren noch als ernstzunehmender Liebesbeweis. Also wird 2008 wieder Teures, Hochwertiges und Luxuriöses zum Anfassen gekauft. Um die Börse kümmert sich der deutsche Kleinanleger vielleicht frühestens im Januar, und da werden die eher langweiligen Aktien wahrscheinlich die interessantesten sein.

Eine sich seit einiger Zeit entwickelnde Überraschung hat die neue Besinnung auf Werte und Bewährtes auch parat: Möbel, Küchen- , Heimwerker, Garten - und Haushaltsgeräte sind als Geschenk mittlerweile und 2008 endgültig alles andere als verpönt: Während Generationen von Hausfrauen seit dem Wirtschaftswunder in den vergangenen Jahren über ihre Weihnachtsgeschenke, wie die neue Kaffeemaschine oder einen Mixer, nur noch genervt stöhnen konnten, können Sie die ausgerechnet dieses Jahr auch getrost jedem männlichen Single schenken. Eine Kaffeemaschine ist schließlich so wichtig wie der Kühlschrank und zusätzlich ein Lifestyleprodukt. Lange Jahre hatten die Hersteller an diesem Image gearbeitet, nun ist es angekommen.
Der Generationsunterschied ist damit zwar noch nicht ganz weg, aber im Endergebnis freuen sich dieses Jahr plötzlich alle über ein Haushaltsgerät, wahlweise auch über Heimwerkerzeug, wie einen Schlagbohrer, einen Werkzeugkasten - oder doch einen neuen Föhn? - oder irgendein ein anderes schönes und sonst nichts als praktisches Ding.

Die klassische Hausfrau mit definiertem Aufgabenbereich wurde zwar abgeschafft, sie ist entweder Mulifunktionsunternehmen in Persona oder schlicht erwerbstätig, doch das Schenken für den Haushalt ist dieses Jahr wieder absolut angesagt: 2008 bekommt neuerdings eben der Papa die Backformen, weil seine Muffins sowieso besser als die von Mama schmecken. Haushaltsfreunde fragen sich vor diesem Hintergrund, ob der Kühlschrankbonus, aus dem Umweltbundesministerium vorgeschlagen, nicht doch sinnvoller gewesen wäre als das Kfz-Steuergeschenk aus dem Kanzleramt, zumal einige Umfragen im Herbst behaupteten, dass die Deutschen zwar auf ein Auto, jedoch niemals auf ihren PC verzichten könnten. Und welches Gerät ist mit diesem wohl kompatibler, der Kühlschrank oder das Auto?

Dennoch, ein neues Auto würden sich zumindest einige zu Weihnachen schon gern schenken, wenn sie es sich nur leisten könnten oder wenn es nur energiesparend, brandneu oder wenigstens innovativ wäre. Zum Beispiel, wenn es eingebaute Kindersitze oder eine extrabreite Tür plus bequemen Sitz oder eine Liegemöglichkeit für die pflegebedürftige Oma hätte oder es wenigstens einen Platz für den Hund gäbe. Das würde ja schon reichen. Doch nix da: Das Auto fährt auch 2008 vorwiegend als Vier- oder Fünfsitzer in wenig Variationen durch die Gegend. Die Hoffnungen der Zukunft ruhen nun auf den Modulbauern und auf Hunde-, Omas- oder Kinder-spezialisierte Autozulieferern.

Vielleicht aber ist genau das die wirkliche Gefahr, nämlich, dass eines Tages eine länger anhaltende Wirtschaftskrise auf die nicht mehr vermeidbare demografischen Entwicklung trifft? Andererseits wird dann der bislang eher lapidare Viersitzer vielleicht endlich einmal abgeschafft und etwas Neues entworfen. Das noch erleben zu dürfen, ist sicher noch einen Einkauf wert. Jedenfalls sollten sich Hersteller etwas einfallen lassen, denn die Kaufkraft wird im neuen Jahr kaum steigen. Auch das wurde längst ermittelt, wenn es einige bislang auch nur ahnten.

Fazit: Ein durchaus großzügiger Weihnachtseinkauf und überlegter Konsum findet wegen leicht gestiegenen Einkommen und vor allem wegen fallender Energiepreise derzeit trotz Wirtschaftskrise statt. Der Einzelhandel kann dieses Jahr nicht klagen, besonders dort nicht, wo auch drin ist, was draufsteht. Doch reicht das bis 2009 vor? Die Binnennachfrage könnte auch über den Heiligabend hinaus noch viel besser laufen, wenn das, was drin ist, noch spannender, passender und nützlicher ausfiele – oder ausfallen dürfte. Für das eine ist die Wirtschaft und für das andere die Politik zuständig, die sich zum Wohle der Volkswirtschaft 2009 sehr gern ein paar gute Vorsätze mehr ausdenken darf.


2008-12-20 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter

Fotos Banner ©Cornelia Schaible, aph

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