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Notizen aus den USA

Eindrücke einer MBA-Studentin aus Detroit

1.Teil, Intro

von Ines Kistenbruegger

2003-10-07, Detroit
Heute hatte ich keine Vorlesung. Das Wetter ist schön und warm, ungefähr 20°C oder wie die Amerikaner sagen ca. 75°F. Langsam fange ich an, mich wieder wie eine richtige Studentin zu fühlen und nicht mehr wie eine Ingenieurin auf Urlaub.
Seit dem ersten September dieses Jahres bin ich Studentin an der Wayne State University in Detroit. Ich studiere Business Administration und hoffe, in zwei Jahren meinen Master Degree zu erhalten.

Warum Detroit? Warum die Wayne State University? Warum überhaupt ein zusätzliches Studium, wo ich doch fünf Jahre lang als Chemieingenieurin gearbeitet hatte? Viele Fragen, doch eigentlich gibt es ganz einfache Antworten. Detroit, weil mein Freund Amerikaner ist und in Detroit einen tollen Job angeboten bekam.

Wayne State, weil das hier in der Gegend die beste Universität ist, die ich mir auch leisten konnte. Studiengebühren sind in den USA teilweise unerschwinglich, jedenfalls für den Durchschnittsstudenten. Und warum überhaupt ein Studium? Die Antwort ist nicht ganz so einfach wie die beiden anderen. Normalerweise erwidere ich ganz schlicht: „Weil ich noch nicht heiraten wollte und als Studentin ist es relativ einfach ein Visum zu bekommen“.

Und doch war die Entscheidungsfindung wesentlich langwieriger. Bereits seit drei Jahren spiele ich mit dem Gedanken, ein MBA Studium in den USA anzufangen. Als Grund für meine Überlegungen möchte ich Unterforderung im Job, Alltagsroutine und den Wunsch nach Weiterbildung und auch Karriere nennen. Vor drei Jahren war ich jedoch mit 26 Jahren, zumindest für den deutschen MBA-Standard, noch etwas zu jung und hatte außerdem zu wenig Berufserfahrung.

Als ich mich damals informierte, forderten viele deutsche Programme ein Mindestalter von 28 Jahren plus drei Jahren Berufserfahrung. Also verschob ich die Planung auf einen späteren Zeitpunkt. Als mein Partner dann diesen Job in den USA angeboten bekam, war es die Gelegenheit für mich, einfach nur noch zuzugreifen. Ich kündigte meinen alten sowie nicht sonderlich geliebten Job, löste meinen Haushalt und flog Ende August in die USA.

So bin ich hier gelandet, in Ferndale , einer Vorstadt von Detroit. David und ich bewohnen hier ein kleines Stadthaus mit Garten. Es ist eine kleine Nachbarschaft, wo jeder jeden kennt. Sehr nett und anschaulich. Und gar nicht so, wie ich mir die USA vorgestellt hatte! Ferndale wirkt eher wie ein kleines Dorf und es erinnert mich ein wenig an mein Heimatdorf südlich von Hamburg.

Mein Studium ist auch ein wenig anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Noch bin ich mir nicht sicher, ob entweder das Niveau einfach nur niedrig ist oder ich in meinen jetzigen Kursen noch von meinem Wissen profitiere, das ich aus der bisherigen Berufserfahrung ziehe. Studieren ist hier ein bisschen wie Schule. Es werden Hausaufgaben erteilt und es gibt kleine Tests. Dadurch bin ich ständig gezwungen auf dem Laufenden zu bleiben und bin für meine drei Kurse ständig beschäftigt.

Ich habe 12 Semesterwochenstunden. Um als Vollzeitstudent zu gelten, reichen 8 Stunden aus. Die Beschäftigungstherapie hier hat aber auch einen Vorteil. Letzte Woche hatte ich meine ersten Midterm-Examen und musste kaum Zeit in das Lernen investieren. Und nicht wie in Deutschland, mir die Nächte um die Ohren schlagen, weil ich mal wieder den Lernstoff und die Zeit, die ich dafür brauche, unterschätzt hatte.

Hier musste ich nur kurz den Stoff überfliegen und hatte das ganze Wissen parat! Somit hat dieses Lernsystem auch seine sehr positiven Seiten. Trotzdem, es bleibt wie in der Schule. Nur ganz selten habe ich das Gefühl, eigentlich zu viel Freizeit zu haben oder mich zu langweilen. Ich genieße es, den Tag nach meinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Ich habe viel Zeit zu lesen, für Sport. Auch der Fernseher ist manchmal an, ohne dass ich ein schlechtes Gewissen habe, meine Zeit zu verschwenden.

Noch arbeite ich nicht nebenbei. Mit meinem F1 Visum darf ich im ersten Jahr ohnehin nur einen der raren und schlecht bezahlten On-Campus-Jobs annehmen. Aber nach 5 Jahren anstrengendem Arbeiten in der Automobilindustrie habe ich mir doch diese erholsame Auszeit verdient, oder? Es wird ohnehin nur noch eine kurze Zeit dauern, bis mein angespartes „Vermögen“ vom teuren amerikanischen Leben aufgebraucht sein wird. Wenn ich es nicht schon vorher in den Rachen der Universität mit ihren ständig steigenden Studiengebühren und den Buchhandlungen für kostspielige Unterrichtsbücher geworfen habe. Ich nehme an, dann werde ich wohl erst eine richtige amerikanische Studentin sein, nämlich mit einem unterbezahltem Nebenjob und einer Menge Schulden.

F-1 Visum = eine Bescheinigung über die Zulassungsfähigkeit für ein Nichteinwanderungsvisum mit Studentenstatus für akademische und Sprachstudenten. F-1 Studenten dürfen zu keiner Zeit während des ersten Jahres außerhalb des Universitätsgeländes einer Beschäftigung nachgehen.

2003-10-07 by Ines Kistenbruegger, Wirtschaftswetter
Text: ©Ines Kistenbruegger
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