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Editorial im Frühjahr 2004

Liebe Leserinnen und Leser, sehr geehrte Damen und Herren,

im Jahr 2003 bot vor allem eine deutsche Eigenschaft reichlich Diskussionsstoff, und zwar die Jammerei. Und in der zweiten Jahreshälfte startete sogar eine neue Art der Jammer-Beschau in Medien und Öffentlichkeit, die leider nicht darin gipfelte, dass mit der Jaulerei nun endlich Schluss war. Nein im Gegenteil, denn nun schwangen sich gefragt und ungefragt Experten und Laien auf, um neben dem Jammern als solches auch die Berechtigung zur Jaulerei zu bewerten. Dabei wurde, kaum anders zu erwarten, regelmäßig die eigene Meckerei nie in Frage gestellt wurde, doch stets die der anderen. Es wurde witzig, wenn X sagte, Y hätte keine Berechtigung zu jammern, und Y hielt das Gejaule von Z für unangebracht, aber Z meint, X hätte nun gar nichts zu mosern. Was sagt uns das?

Alles wird gut, nur keiner hat es bemerkt? Mitnichten. Und darum liebe Bürgerinnen und Bürger, Unternehmer, Politiker, Junge und Alte, vergessen Sie nicht, dass die Meinungsfreiheit eines der herausragenden Merkmale einer lebendigen Demokratie ist. Warum sollten Sie sich den Mund verbieten lassen, wenn Sie etwas zu beklagen haben? Seien Sie doch froh, wenn Sie oder andere sich noch über etwas aufregen können, über das andere schon längst aufgaben und resignierten.

Und sind wir ehrlich: Ist nicht demjenigen viel einfacher zu begegnen, der sich äußert? Bietet er nicht gleichermaßen Offenheit und Angriffsfläche, auf die wir reagieren können? Ist nicht der Umgang mit denen, die schweigend in die innere Immigration abwandern, viel schwieriger?

Und wer jammerte wiederum über die wohl am meisten, z. B. über die fehlende Konsumfreude und die fehlende Wahlbeteiligung? Jawohl unsere Politiker! Doch warum nicht mehr einkauft oder immer weniger Bürger wählen, das wissen sie nicht, geschweige denn, dass jemand diese schweigende Menge zur Meinungsäußerung auffordert. Bloß nicht noch mehr Kritik!

Dabei sollte man sich fragen: Möchten wir unsere Meinung äußern, uns ständig verbessern oder vor allem von allen geliebt werden? Für letzteres ist gerade die Politik wohl kaum geeignet. Politiker fordern dennoch, dass man ihre teilweise fragwürdigen Entscheidungen kommentarlos bejubelt. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt von einem Volk der Dichter und Denker? Denn dieses Volk besteht nun einmal nicht ausnahmslos aus Parteifreunden. Unternehmen und Bürger haben eine eigene Meinung, und die Politik sollte froh darüber sein, dass sie diese haben! Denn nur mit denen, die eine Meinung haben und sie äußern, mit denen kann man diskutieren, rechnen und handeln.

Zudem gibt es immer noch große gesellschaftliche Gruppen, die gar keine Gelegenheit dazu haben, sich zu beschweren, aber ebensoviel Grund wie diejenigen hätten, die in der Öffentlichkeit ständig verbal präsent sind: Z. B. die eine Million Kinder und Jugendliche, die von Sozialhilfe leben. Hat sich von ihnen schon einer über mangelnde Chancengleichheit beschwert? Und wird allgemein weniger gejammert, weil sich diese außerordentlich Jaul-Berechtigten weitgehend nicht äußern? Nein, die Redezeit wird lediglich von anderen Lobbyisten besetzt.

Bei all der Notwendigkeit, einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu erlangen, damit Veränderungen, Reformen und Neuerungen, auch positive Früchte tragen, ist es fatal, Meinungen und berechtigte Kritik als unbegründete Jammerei abzutun. Gerade die, die sich im letzten Jahr häufig zum ersten Mal zu Wort meldeten, gaben wertvolle Anregungen, die man sich zumindest anhören sollte, und die interessante Vorschläge sowie wichtige Details zu den bevorstehenden Reformen beinhalteten.

Zufriedenheit war noch nie ein Motor, weder für die Wirtschaft noch für die Gesellschaft. In Wahrheit ist nämlich die Unzufriedenheit über Missstände stets Grund und Anlass, aktiv zu werden, mehr zu arbeiten, mehr zu kaufen, mehr zu kommunizieren sowie Anstrengungen zu unternehmen, um etwas zu verbessern. Damit ist die kritische Auseinandersetzung für die demokratische, funktionierende Gesellschaft eine der wichtigsten Merkmale überhaupt und dazu gehört nun einmal die Meinungsäußerung. Auf der anderen Seite gehört natürlich auch eine Bereitschaft dazu, genau zuzuhören. Hierin liegt das Potenzial für Veränderungen, die Früchte tragen und nicht in der zähen Duldsamkeit eines Jubel-Volks, bestehend aus Ja-Sagern.

Liebe Wirtschaftswetter-Leser, lassen Sie sich von den Jaul-Berechtigungs-Bewertern also nicht abschrecken: Beteiligen Sie sich auch im neuen Jahr 2004. Mischen Sie sich ein, bieten Sie Diskussionsstoff und üben Sie Kritik, wann immer Ihnen Verbesserungsbedarf auffällt. Gerade Ihr Hinweis könnte entscheidend sein.

Ihnen allen ein lebendiges und gelungenes Jahr 2004,
mit herzlichen Grüßen aus dem Wirtschaftswetter

Angelika Petrich-Hornetz

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