Wirtschaftswetter    Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema - Tombola 2020

 

Feuerwerk

Pünktlich zu Silvester wird regelmäßig über Sinn und Unsinn von Feuerwerken diskutiert. Dabei fallen Schlafende weniger zu Silvester als vielmehr zwischen Anfang und Ende des Jahres immer häufiger und regelmäßig zur Unzeit aus ihren Betten.

von Angelika Petrich-Hornetz

Die Diskussionen um private Feuerwerke betreffen zunächst Silvester, doch auch zu anderen Anlässen steigt momentan offenbar die Lust am möglichst spektakulären Farbenrau(s)ch am Himmel immens. So werden immer öfter runde Geburtstage, Unternehmensjubiläen, langfristig unsichere Hochzeiten, mittlerweile selbst schlichteste Bildungsabschlüsse und andere private Feieranlässe mit Raketen und Böllern besiegelt, von der zugeladenen Gästeschar stets bejubelt, von den in der Mehrzahl jedoch passiv Beglückten lediglich zwangsweise - aufgrund des Krachs - von staunend bis zunehmend distanziert wahrgenommen.

Tschingderrassassa - Mitten in der Nacht

"Bumm", Zisch, Krach" - Er saß kerzengrade im Bett. An Schlaf war nicht mehr zu denken. "Ruuummmss" - der nächste Einschlag. Der dritte Weltkrieg? Eine Leitung in die Luft geflogen? Der Bankautomat ums Eck in die Luft gesprengt? Das Flackern in den Fenstern gegenüber ließ ihn zur Quelle des ungewohnten Lärms schreiten. Aaaah, ein Feuerwerk!. Erst vor kurzem in die Stadt gezogen, sollte es für ihn zu einer gänzlich neue Erfahrung werden, dass Feuerwerke in seiner neuen Heimatstadt offensichtlich ein regelmäßiges Vergnügen der hiesigen Bevölkerung zu sein schienen. Ein Jahr später hatte sich der redlich erwwerbstätige Schlafsuchende schließlich mehr oder weniger daran gewöhnt.

Zu Silvester qualmt und knallt es fast überall

In der Silvester-Nacht knallt es in Deutschland fast überall, gleichzeitig steigt das Veständnis für zumindest lokal begrenzte Feuerwerkskörper-Verbotszonen. Zum einen ist es die Feinstaub-Belastung in der Nacht der Nächte, die regelmäßig sogar freiwillige Teilnehmer und Zuschauer des alljährlichen Böllerzaubers wieder aus dem Freien in die sicheren vier Wände treibt, u.a. weil man unter gewissenen Wetterlagen vor lauter Qualm und Rauchschwaden rein gar nichts mehr sehen kann - zum anderen kaum noch Luft zum Atmen findet. Das Umweltbundesamt rechnete jüngst mit rund 4.200 Tonnen Feinstaub pro Jahr, die allein durch Feuerwerkskörper hierzulande in die Luft geblasen werden - und je nach Wetterlage selbst über Neujahr erhalten bleiben.

Müll, Verletzte, Sachschäden und lebensgefährliche Böller

Zur Feintaubbelastung in der Silvesternacht gesellen sich weitere Nachteile. Insbesondere die Hand-Chirurgen sind, angesichts von sehr schwierig zu operierenden Verletzungen an jedem 31.12 und 01.01. genervt von einer offenbar niemals abnehmenden Unvorsichtigkeit privater Feuerwerkler, die Jahr für Jahr mit einer seltenen Dämlichkeit gegenüber vermeidbaren, darunter schwersten Selbstverletzungen verpaart bleibt. Neben regelrecht zerfetzten Händen und Gliedmaßen, gehören auch Innenohrschäden, Augenverletzungen und schwere Verbrennungen zu den regelmäßigen "Nebenwirkungen" der Jahreswechselfreuden, von denen einige Betroffene sogar lebenslang etwas "haben", vor allem bei sehr feucht-fröhlichen Feiern, wenn die fünf Sinne im Halbstundentakt schwinden. Besonders gefährlich sind illegal importierte Böller, die regelmäßig nach hinten losgehen und laut Polizei vorwiegend aus Osteuropa eingeschmuggelt werden, was ihnen den zweifelhaften Namen "Polen-Böller" einbrachte. Wer sie sucht, bekommt ein reiches Angebot großer Palletten dargeboten. Nicht weniger gefährlich sind selbstgebastelte Böller.

Dennoch sprechen die Behörden von immer mehr Böllern aus dem Ausland, ausgestattet mit einer Sprengkraft, für die man in Deutschland gewöhnlich eigens eine Genehmigung beantragen müsste und die - nach den neuesten Erkenntnissen der Behörden , zum Teil sogar bewusst und gezielt eingesetzt werden, um andere vorsätzlich zu verletzen, wie unzählige Vorfälle in der Vorjahres-Silvester-Nächten übelst demonstrierten. Etwas weniger dramatisch als die Todesopfer und durch komplizierte Operationen bis hin zu Amputationen manchmal lebenslänglich Verletzten stellen die zahllosen Sachbeschädigungen dar, wie gesprengte Briefkästen, zerstörte Automaten, brennende Reetdächer oder schwer beschädigte Autos, Fahrräder, verwüstete Vorgärten; seit einigen Jahren auch ernsthaft in Brand gesteckte Kinderwagen, die auch außerhalb von Silvester zum neuen Hassobjekt erkoren wurden.

Eine auf diese Art und Weise zunehmende, regelrechte Silvester-Bewaffnung zum grob fahrlässigen Schaden von Dritten, inklusive passender Vorgehensweisen bei deren Anwendung ändert auf jeden Fall die bisher übliche Qualität von Silvester-Feiern, anlässlich derer private Haushalte nach allgemeinem Verständnis lediglich ein paar Raketen und Böller - zum reinen Vergnügen aller Beteiligten und Zuschauer hochgehen lassen - und dabei bislang auch weitestgehend umsichtig aufeinander achteten. So ist es auch kein Wunder, dass die Böller-Verbote von Verwaltungen, temporär in Städten und Ortschaften erlassen, heutzutage auf immer mehr Verständnis in der Bevölkerung treffen, die von den zunehmenden Risiken eines eigentlichen "angenehmen Jahresausklangs" inzwischen ebenfalls deutlich angefressen dank langjährig mieser Erfahrung reagiert.

Alternativen zum DIY

Wesentlich harmloser fallen die einzelnen, übers Jahr verteilten Privat-Feuerwerke zu verschiedenen Anlässen aus. Allerdings nimmt deren Beliebtheit ständig zu, so dass der oben erwähnte Zugezogene gleich mehrmals im Jahr aus dem Bett fällt - oder sich seiner inzwischen besorgten Gardinen und Ohrstöpsel bedient.
Es gibt bei diesen Jubiläums-Feuerwerken immerhin einen Trend, der die ganze Sache weit weniger gefährlich macht, wozu auch viele Städte angesichts steigender Silvester-Risiken durch private Feuerwerksbestände immer mehr übergehen: Das professionelle Feuerwerk durch entsprechende Dienstleister ausgeführt, als solche, bei dem u.a. strikte Sicherheitsauflagen einzuhalten sind. Mit solch einem, durch Profis ausgeführtem Lichterzauber, kann kaum eine im Supermarkt erstandene, dort lediglich als "saisonales Nebenprodukt" angebotene Silvesterrakete jemals mithalten. Darum wohl auch der Drang zum verbotenen "Polen"-Böller: Einige wollen, wie immer, etwas ganz Besonderes sein, und sei es zum eigenen oder zum Schaden unbeteiligter Anderer.

So ein Himmelszauberwerk hat natürlich seinen Preis, doch die Angebotsvielfalt ist groß - und wer eine Party feiert, kommt mit einem zusammengelegten Budget sicher auf seine Kosten. Zu dieser Strategie greifen auch immer mehr Städte und Gemeinden, die anstelle von privaten Feuerwerks-Festen mithilfe von ausgebildeten Kräften ihr eigenes großes Feuerwerk für alle veranstalten - oder alternativ auf eine flammende Licher-Show setzen. Das Ergebnis fällt darüber hinaus regelmäßig deutlich ansehnlicher als die private DIY-Knallerei aus. Dabei scheint die zunehemende Nachfrage nach Komplett-Feuerwerken auf der Kundenseite das allgemein wachsende Interesse an besonders schönen Feuerwerken ebenfalls zu bestätigen. Sich zu einem zeitlich und örtlich begrenzten Feuerwerk bewusst zu versammeln oder dazu einzuladen, das besonders zu werden verspricht, hat außerdem seinen eigenen Reiz, weil es - mit Ausnahme der (immerhin bezahlten) böllernden Profis - vom Publikum ganz entspannt genossen werden kann.

Feuerwerks-Jahreskalender

Feuerwerk über der StadtWas dem durch die Feierlaune der Anderen geplagtem Erwerbstägigen dann nur noch fehlte, ist möglicherweise wenigstens ein regionaler Feuerwerkskalender von lokal vor Ort. 2020 ist schon einmal ein Eintrag zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung fällig.
Könnte ja auch sein, dass zumindest die obergeschossig Wohnenden sich gar nicht einmal besonders gestört fühlten, wenn von März bis November durchgehend zu den üblichen, tausenden Geburtstagen in Städten um fast Mitternacht die Korken und Raketen knallen. Man könnte drumherum auch eine eigene Feier anlässlich dieses großzügigen, weil nicht zuletzt kostenlosen Feuerwerks der Nachbarschaft arrangieren und bei geöffenetem Fenstern, mit gebührendem Abstand zum eigentlichen Geschehen solch eines hübschen Events, mit einem Sekt zuprostend beiwohnen - oder einmal wieder sowas von anerkennend "Aaaaah" und "Oooooh", anstelle von "Nicht schon wieder!" rufen.

Unmittelbare Nachbarn informieren ihre Mithausbewohner sowieso, aber alle anderen, darunter sicher einige Familien mit kleinen Kindern, Pflegebedürftigen oder Fellnasen, die allesamt angstvoll angesichts jeder Knallerei unbedarft aus dem Tiefschlaf erwachen, wären für einen solchen lokalen Feuer-Fest-Kalender sicher dankbar, damit ein Feuerwerk wieder zu dem wird, was es eigentlich sein sollte - ein komplett sinnloses, aber absolutes, reines Vergnügen, an dem sich eine Mehrheit öffentlich erfreuen kann. Und das eben nicht lediglich zu einer sich ständig wiederholenden, drögen Privat-Kriegserklärung an das unmittelbaren Umfeld verkommt, mit nur noch unangenehmen bis hin zu schwersten Folgen für alle Beteiligten und Betroffenen, die weder schön noch vergnüglich ausfällt, sondern, ganz im Gegenteil, nur noch wüst, monoton und öde wirkt und es auch ist.

 

2020-01-01, aktualisisiert am 28.12.2025, Angelika Petrich-Hornetz, Wirtschaftswetter
Text: ©Angelika Petrich-Hornetz

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