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OK Babyboomer

Mobilisierung in Russland

Russlands Beispiel zeigt deutlich, wie moderne Autokraten im 21. Jahrhundert Politik gestalten: Brutale Umsetzung von Terriotorialansprüchen zweifelhafter Herkunft und Begründung, Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, Machtkonzentrationen auf einzelne Personen, die lebenslänglich auf ihren Sesseln kleben, gezielter Einsatz von IT und KI zur lückenlosen Überwachung der eigenen Bevölkerung sowie derer ausländischer, souveräner Staaten, Maskulinismusfantasien, Victims Blaming und die faktische Wiedereinführung des Leibeigenschaft: Die Bürger moderner Autokratien gehören jetzt wieder dem Staat und einem Führer und nicht mehr umgekehrt. Dieses Muster ist auffällig immer dasselbe.

Kommentar von Angelika Petrich-Hornetz

Demokratie-Phobie

Zitat: "Wahrer Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die Präsenz von Gerechtigkeit"
Jane Adams

Eines sollte endlich einmal klargestellt werden: Die breite Bevölkerung Europas, die große Mehrheit, hatte und hat bis auf Weiteres nicht einmal den Ansatz irgendeines Interesses, Russland auch nur ein Haar zu krümmen und damit in irgendeiner Art und Weise Russinnen und Russen zu schaden, egal was ihnen Gegenteiliges in Form von Falschnachrichten et. al eingeflößt werden soll - womit solche Behauptungen Putins, "der Westen" würde Russland angeblich "zerstören" wollen - während die Regierung Putin in der Realität die Ukraine zerstört - , von ihrem Absender überfällig und dringend konkretisiert werden sollte, und zwar inklusive vorhandener Quellenangaben.
Bis dahin, bis von russsischer Seite endlich Ross und Reiter genannt werden, bleiben es unhaltbare Behauptungen, die lediglich darauf abzuzielen scheinen, sich den eigenen Angriffskrieg gegen die Ukraine schönzureden und gemäß allen Regeln der Kunst des "Victim Blamings", eine Umkehrung der Schuld zu suggerieren, indem man es solange wiederholt, bis es alle glauben.
Es existiert keine Russenphobie in Europa. Die europäische Bevölkerung tanzte seit 1990 durchgehend über drei (!) Jahrzehnte lang auf 'Russen-Diskos' die Nächte durch. Diese Dauer-Party hat Russland mit dem 24. Februar 2022 ohne jede Einflussnahme aus dem Ausland höchst eigenständig selbst beendet. Dass eine russische Regierung in Europa abgelehnt wird, die Angriffskriege führt, muss diese nicht wundern. Sich darüber auch noch zu beschweren, ist pure Jammerei.
Diejenigen, die es sich leisten konnten, verschenkten gern Original-Krim-Sekt oder reisten als Tourist nach St. Petersburg, das für Reisende jetzt noch unerreichbarer geworden ist als im Kalten Krieg des vergangenen 20. Jahrhunderts. Die technische, wirtschaftliche wissenschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit zwischen Europa und Russland funktionierte in der Vergangenheit gut. Exakt mit der Einahme der Krim, aber spätestens mit dem Einmarsch am 24. Februar 2022 durch das russische Militär setzte prompt der nicht mehr aufzuhaltende Verfall ein, der bis heute andauert, und zwar allein durch Einnahme, Besetzung, Krieg verursacht. Das ist keine Russenphobie, sondern eine einseitige Aggression, die durch Völkerrecht geächtet wird und nur duch den Abzug der russsischen Truppen und damit der Beendigung dieses Krieges befriedet werden kann, nicht indem man dem überfallenen, souveränen Staat und seinen Unterstützern die Schuld in die Schuhe schiebt.

Selbst der westliche Adel trank zuvor noch zum Edelschmaus nur den edelsten russischen Wodka, auch dort hat man inzwischen das Getränk gewechselt. Man bewunderte zuvor ausgiebig, je nach Haushaltsbudget, entweder live vor Ort oder über die Medien nicht nur die Zwiebelturmarchitektur auf dem Roten Platz; Die Fernsehprogramme waren schließlich mit Reisedokumentationen von dem großen, schönen und weiten Land und seiner gastfreundlichen Bevölkerung gut bestückt, wie europäische Russlandreisende allesamt aus persönlicher Erfahrung regelmäßig bestätigten, sobald sie begeistert zurückgekehrt waren - und das immerhin gleich mehrere Jahrzehnte lang. Auch um diese gute Tradtion hat die russische Führung die eigenen Leute und die Reisenden der internationlen Gemeinschaft nun gebracht.

Das alles passt nicht mit den Erzählungen der russischen Führung von einer angeblichen "Russenphobie" zusammen. Der russische Außenminister Lawrow fügte Putins Behauptungen noch "Zerstückeln" hinzu. Auch hier wartet die Öffentlichkeit auf die Konkretisierung und Nennung von Quellen für solche Unterstellungen, bisher vergeblich. Die russsische Führung sollte sich darüber hinaus die Frage stellen, wer davon profitierte, sollte Russland zu einem "Hinterhof" werden, wie laut einer weiteren Behauptung "dem Westen" ebenfalls vorgeworfen wird. Ganz bestimmt ist es nicht "der Westen", der wie Russland selbst, eindeutig von Zusammenarbeit und wirtschaftlichem Austausch beider Regionen profitierte, womit dieses bisher vollkommen unbelegte Verschwörungs-Konstrukt zu Ende gedacht, möglicherweise ganz andere, bisher noch unentdeckte Akteure an die Öffentlichkeit zerrt, die alle anderen an der Nase herumführten. Ohne Nachweise bleibt auch das Spekulation.

In Europa findet das genaue Gegenteil dieser Unterstellungen statt. Die großé Mehrheit der Europäerinnen und Europäer hegt seit dem 24. Februar 2022 ein aufrichtiges Mitgefühl für die russische Bevölkerung, weil das Kriegsgeschehen bereits als Ausländer sehr schwer zu ertragen ist, als Inländer muss es ein unfassbarer Alptraum sein, so wie es dieser seit diesem unsäglichen Einmarsch jeden einzelnen Tag seit dem 24. Februar 2022 für die Ukrainierinnen und Ukrainer noch viel mehr die Hölle ist, weil sie sich nichts weniger ihrer Vernichtung durch das russische Militär gegenübersieht und dieser vollkommen legitim widersetzt. Die Teilmobilisierung sorgt dafür, dass nun erstmals neben jeder ukrainischen Familie auch jede russische Familie betroffen sein wird, die ihre Söhne an diesen vollkommen überflüssigen Krieg verlieren, womit die anfängliche Behauptung es handele sich angeblich um keinen Krieg, sondern um irgendeine 'Spezialoperation' endgültig ad absurdum geführt wird.

Russland selbst besetzte aus eigenen Stücken, und zwar pünktlich nach den Euromaidan-Protesten 2014 die Krim. Damit wurden auch abseits der Politik bereits immerhin einige eurpäische Bürgerinnen und Bürger misstrauisch, ob das ganze bisherige Friedensgedöns der seit außergewöhnlich langer Zeit amtierenden russischen Regierung möglicherweise doch nur eine Fassade gewesen sein könnte* - und sich in der Besetzung das erste, nicht eher ein sehr deutliches Anzeichen einer augesprägten Demokratie-Phobie der russischen Führung zeigte, nachdem diese bereits jahrzehntelang die Meinungs- und Pressfreiheit in ihrem eigenen Land zum Schweigen brachte. Doch trotz der Annexion der Krim ist der 24. Februar 2022 für die meisten Europäer ein absoluter Schock gewesen. In Europa gibt es seit dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust einen durchgehenden Konsens und dementsprechend nur noch einen einzigen Schlachtruf: "Nie wieder!".

Friedens-Phobie

Fortdauernd seit Kriegsbeginn mussten nicht zuletzt Holocaust-Überlebende aus Odessa und weiteren ukranischen Städten vor dem russischen Militär, das sie einst vor den wirklichen Nazis befreit hatten, ausgerechnet nach Deutschland flüchten. Weitere wurden tatsächlich von russischen Soldaten und ihren Raketen getötet. Damit hat Russland ganz neue Fakten geschaffen, die mit der ruhmreichen Roten Armee und ihren Verdiensten um die Beendigung des deutschen Nazi-Regimes nichts mehr zu tun haben. Es ist die Realität eines brutalen, vollkommen unnötigen Krieges, für den Putin nun das ganze Land 'teilmobilisiert' und der im Widerspruch zu sämtlichen internationalen Friedesnbemühungen auf allen Seiten und darüber hinaus den hehren Ansprüchen des Kremls steht, deren Sprecher sich gegenwärtig nur noch in wiederholenden, leeren Worthülsen, Beschimpfungen und Sonntagsreden zu rechtfertigen suchen.
Dabei würde sich die russische Öffentlichkeit aktuell u.a. sehr dafür interessieren, ob der den Frieden brechende Präsident oder dessen Außenminister, angesichts der nun verschärften Strafen für Deserteure und Befehlsverweigerer in den eigenen Reihen, nun erwarten, dass auch ihre eigenen Söhne, Enkel, Neffen und Schwiegersöhne persönlich unbewaffnete, hochbetagte Holocaustüberlebende, Kindergartenkinder oder andere ukrainische Zivilisten ums Leben bringen werden und dafür anschließend noch Orden angehängt haben möchten.

Verantwortungsphobie und Zukunftsphobie

Wer das ganze Land kriegsmobilisiert, ob im Ganzen oder in Teilen, der musste selbst im historischem Völkerrecht einen sehr guten Grund dafür vorbringen, darunter die ebenfalls durch Russland dieser Tages viel bemühte, absurde Selbstverteidigungsbehauptung, doch weder die Unterwerfung noch die Vernichtung souveräner Staaten und auch nicht die brutale Unterdrückung souveräner Bürgerinnen und Bürger durch eine aufgezwungene Gewaltherrschaft gehören im 21. Jahrhundert noch dazu. Das dürften, wie jetzt leider durch die wortwörtliche Grenzüberschreitung Russlands viel offensichtlicher als bisher gedacht wurde, vorwiegend die beiden nächsten Generationen längst begriffen haben, und damit ist dieser Krieg eindeutig auch ein Generationenkonflikt zwischen einer ältlichen Führung, die fortgesetzt von der Vergangenheit, Vorvätern, Vater- und Mutterländern erzählt, während sie der Jugend, dem Garanten der Zukunft, parallel dazu nichts weniger als eiskalt die Lebensgrundlagen entzieht

Diese Verantwortungslosigkeit der Babyboomer-Generationen, der die große Mehrheit der aktuellen Autokraten allesamt angehören, wird möglicherweise noch weiter eskalieren. Sie hat das zweifelhafte Potenzial, den ganzen Planeten Erde zu zertrümmern und in dem Fall nachweislich vollkommenen versagt. Alle Regierungen und alle Akteure, die gegenwärtig die Macht innehaben, sollten darum daran gemessen werden, welche Zukunft sie der Jugend anzubieten haben. Außer immer neuer Drill, immer mehr Überwachung, immer weniger Freiheit, immer neue Repressalien fällt einem Gros dieser Machtinhaber bereits für ihre eigenen Kinder und Kindeskinder offensichtlich nichts mehr ein - von der globalen Jugend, die ebenso ein universales Recht auf ihr eigenes Leben hat, ganz zu schweigen. Jeder Staat, der ausschließlich die Ansichten und Rechte von Altvorderen achtet und dabei die Jugend erstickt, in dem ihr kein einziges, eigenes Gestaltungsrecht mehr eingeräumt und zugetraut wird, der nicht die Verantwortung auf die nächste Generation zu übertragen imstande ist und damit einhergehend blind auf beiden Augen die eigene Macht planmäßig an diese abzugeben nicht gestaltet, verbaut sich selbst und allen anderen den Weg in die Zukunft und schadet damit auch als Erstes sich selbst und dem eigenen Staat.

Jugendphobie

Zitat: 'Wer gute Nachricht hat, kommt nie zu spät.' Wenn Putin wirklich Frieden will, stehen ihm die Türen zur Korrektur offen, seine Truppen abzuziehen, die Grenzen des souveränen Nachbarstaates Ukraine zu akzeptieren und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es ist der einzige Weg, damit sich die Regierungen der internationalen Gemeinschaft endlich wieder den immer drängenderen Problemen zuwenden können, die den Globus zu zerstören drohen, zum Schaden zuvorderst für die jüngeren Generationen, die, Wiederholung, ein Recht auf ihre eigene Zukunft haben, und zwar auf einem noch lebendigen, bewohnbaren Planeten und nach ihren eigenen Regeln, die sie schon rechtzeitig entwickeln werden, wenn man sie endlich lässt.

Dieser Planet gehört keineswegs allein der aktuell nur noch wenige Jahre amtierenden, älteren Generation, die endlich Verantwortung für die Folgen ihres Handelns übernehmen muss und den Frieden wiederherzustellen hat, ohne den es keine Zukunft mehr geben wird. Ansonsten wird diese heutige Jugend uns vollkommen nachvollziehbar ewig nachtragen, dass wir ihr nichts außer einen lebensfeindlichen Müllplatz und dysfunktionalen Schrotthaufen hinterlassen haben, und zwar für nichts Geringeres als für alle Ewigkeit.
Sich gegenseitig zu bekriegen bedeutet im 21. Jahrhundert nicht nur reiner Zeitverlust und Zeitverschwendung auf dem bereits hinreichend steinigen Weg, sondern beinhaltet auch einen latent tödlichen Augang für die gesamte Menschheit als solche, die inzwischen "to big to fail" geworden ist.
Weniger Unterdrückung der eigenen Bevölkerung und der Bevölkerungen anderer Länder und mehr globaler Gemeinsinn, weniger zurechtgezimmerte Vergangenheit, mehr Gestaltungsfreiraum - ja, auch für die/den Einzelne/n - und mehr faktenbasierte Gegenwart sind einige Rezepte dafür. Das klingt einfach, aber ob es mit dem derzeit vorhandenen, von Großmannssucht, Allmachtsfantasien und persönlichen Eigeninteressen getriebenen, dazu bis an die Zähne bewaffneten Personal noch rechtzeitig umgesetzt werden kann, das den Wald vor lauter Bäumen offenkundig nicht mehr sehen kann oder will, erscheint zur Zeit fraglich, das Scheitern vorprogrammiert. Der abschließende Kommentar des Universums dürfte dann wohl nur noch schulterzuckend lauten: "OK Boomer".

Zitat: "„Habgier im Alter ist eine Narrheit. Vergrößert man denn seinen Reiseproviant, wenn man sich dem Ziel nähert?.“
Marcus Tulius Cicero

*Ein aktuelles n-tv-Interview mit der Memorial-Mitbegründerin Irina Scherbakowa, die die Entwicklung in die gegenwärtige Katastrophe voraussah, deren Warnungen in Europa jedoch kaum Gehörfanden. Die Organisation, die sich mit der historischen Aufarbeitung des Stalin-Regimes befasst, und damit einen Beitrag zur Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der Zivilgesellschaft leistet, wurde wie die meisten anderen auch in Russland verboten (Dezember 2021), externe Seite, n-tv.de: "Putin verfolgt eine gefährliche, listige, situative Taktik"


2022-09-29, Angelika Petrich-Hornetz, Wirtschaftswetter
Text: ©Angelika Petrich-Hornetz
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