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Die Alterung erreicht die Konsum-Märkte

Der deutsche Automarkt könnte dabei ein Vorreiter sein

Kommentar von Angelika Petrich-Hornetz

Auto Wer sich die langfristigen Folgen der demografischen Entwicklung auf die Konsummärkte in den Industriestaaten bisher nicht so recht vorstellen konnte oder mochte, bekommt im Jahr 2007 mit dem deutschen Automarkt ein Paradbeispiel frei Haus geliefert.

So oder ähnlich könnten sich auch andere Branchen entwickeln: Die größten und schicksten Teile werden von den älteren Herrschaften gekauft - bei abnehmender Kilometerleistung bzw. Nutzung. Nur, weniger gefahren, wird das Auto auch leider weniger schnell und oft gegen einen Neuwagen ausgetauscht. Das bedeutet für die Hersteller und Händler: weniger Umsatz. Der Markt schrumpft proportional zur Alterung und Abnahme der Bevölkerung. In einer neuen Studie, über die Spiegel-Online Anfang Juni berichtete, schätzt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dass dieser Struktureffekt den deutschen Automarkt pro Jahr 70.000 bis 80.000 Neuwagenkäufe kosten werde. Damit müsse, so der Professor weiter, der Markt in den nächsten 15 Jahren leben - trotz brummender Konjunktur.

Das (weniger im Straßen-Einsatz befindliche) Durchschnittsauto wird in Deutschland mittlerweile 8,1 Jahre alt. In den neunziger Jahren hatte es nur 6,5 Jahre auf dem Buckel, bevor ein neues Exemplar angeschafft wurde. Noch älter werden in Europa nur noch griechische, portugiesische und finnische PKW.
Das Durchschnittsalter der Kunden deutscher Automarken trifft derweil, bis auf Porsche (47,9), durch die Bank in die Altersklasse der Best Ager - bei Audi 50 Jahre, bei BMW 51,3 und bei Mercedes 54,8 Jahre.

Dabei wird der derzeit schlappe deutsche Automarkt wohl nicht allein bleiben: In Haushalten ohne Kinder oder wo diese längst das Nest verlassen haben, werden nicht nur weniger Kilometer verfahren, sondern wird desgleichen weniger Wäsche gewaschen, verschleißen Jacken, Möbel und Schuhe deutlich langsamer, wird weniger gekocht und damit - weniger und weniger oft einkauft.

Hinzu kommt der Effekt der steigenden Sozialabgaben an die ältere Generation. Immer weniger Junge müssen für immer mehr Ältere sorgen. Eine mögliche Steigerung der Pflegeversicherungsbeiträge wurde von der Union bereits angedeutet. Die Rentenbeiträge lassen sich mit 20 Millionen Rentnern vielleicht noch unter 20 Prozent halten, ab 40 Millionen wird man damit kaum noch auskommen. Und die stehen mit den Baby-Boomern kurz vor der Tür.

Desgleichen werden sich auch die Krankenkassenbeiträge durch die demografische Entwicklung kaum dauerhaft auf dem heutigen Stand halten lassen. Selbst die Wirtschaft springt nicht freundlich mit ihren jungen Konsumenten um, die sie so dringend braucht. Besonders die Engergiepreise steigen und steigen, die Stromversorger haben bereits die nächste Erhöhung schon für den Juli angekündigt.

Diese und andere zunehmenden, finanziellen Belastungen sorgen dafür, dass die jüngeren Generationen für den Konsum immer weniger im Portemonnaie haben werden. So werden gleichermaßen wie die steigende Zahl der Ruheständler auch die jüngeren Erwerbstätigen immer mehr dem sogenannten Kuba-Effekt frönen, ob letztere wollen oder nicht: Der Geschirrspüler, die Waschmaschine, die Wohnzimmereinrichtung und das Auto werden solange genutzt, bis sie auseinanderfallen. Müssen sich die Hersteller also mit ihrem Schicksal abfinden, dass ältere und jüngere Kunden in Deutschland gleichermaßen keine Neuwagen mehr kaufen (können)?

Andererseits verlangen gleichermaßen junge und alte Kunden nach wirklich neuen Produkten. Ein echter Neuwagen ist nicht die xte Auflage mit größerem Kofferraum, mehr PS und verbesserten Reifen. Vielleicht sollten sich die Hersteller lieber sputen, als noch länger zuzuwarten: Die nächste Generation Autokäufer wartet - nicht zuletzt dank himmelwärts kletternder Spritpreise - auf energieeffinzientere und damit vor allem im Verbrauch preiswertere Autos. Viele Kunden warten allgemein auf Geräte und Systeme, die billiger im Verbrauch sind. Die großen Sprit- und Stromfresser können sich nur noch die Älteren leisten. Doch auch sie verlieren langsam das Interesse an Neuanschaffungen, die keine Neuheiten bieten. Und die Jüngeren sind für Neuanschaffungen durchaus bereit, aber sie können es sich nicht leisten alte, technisch längst überholte Gerätschaften einzukaufen, die lediglich anders verpackt, ihren alten, unzeitgemäßen Energie-Verbrauch beibehalten.

Ob der Rückgang der Neuwagenverkäufe beeinflusst werden kann, liegt also zum einen daran, ob die Politik auf die demografische Entwicklung richtig reagiert, andererseits aber auch an der Fähigkeit der Branche auf diese Entwicklung mit (echten) technischen Innovationen im Kundeninteresse zu reagieren und entsprechend zu vermarkten. Wer weiß, vielleicht avancieren gerade solche Produkte ja eines Tages auch wieder zum Exportschlagern - Made in Germany?


2007-06-11 Angelika Petrich-Hornetz, Wirtschaftswetter
Text + Grafik: © Angelika Petrich-Hornetz
Angaben zur Studie, Quelle: Spiegel-Online
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