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Ein wahres Herbstmärchen

Auf der Suche nach den Bremer Hausmusikanten

von Birgid Hanke

Zitat: „Im alten Erziehungssystem gehörte die Musik zu den wichtigsten Fächern.Weil man mit musikalischen Kenntnissen keine Autos konstruieren oder Formulare ausfüllen kann, meint man, sie sei nur eine „schöne Kunst“ und man könne sie aus der Erziehung entfernen.“
In seinem Essay „Auf der Suche nach der Wahrheit“ kam der Dirigent Nikolaus Harnoncourt zu dieser traurigen Feststellung.

PilzeAndererseits ist Musik ist in unserem heutigen Alltag eine selbstverständliche Begleiterin, dass sie kaum mehr bewusst wahr genommen wird. Mit Musik wird man geweckt, denn mit ihr „geht alles besser“. Kaum noch ein Badezimmer, in dem nicht ein Radio plärrt, kaum ein hastiges Frühstück, das nicht unter Musikbegleitung verschlungen wird. Im Auto dudelt es weiter, Nachrichten, Verkehrsfunk, munteres Geplaudere der Moderatoren. Danach geht es die Charts rauf und runter. Immer die gleichen. FuMu, funktionale Musik, berieselt uns in Supermärken, Kaufhäusern und Aufzügen. Zu überdimensionalen Lautsprecherboxen umfunktionierte PKWs bringen im Feierabendverkehr ganze Straßenzüge zum Vibrieren. Musik ist immer da, hämmernd, pulsierend, antreibend, mitunter quälend dem hektischen Lebensrhythmus der modernen Gesellschaft angepasst.

Musik als Konsumartikel, ex und hopp. Ein ernst zu nehmender Musikunterricht in der Grundschule ? Mitnichten ! Siehe Harnoncourt !
Es war jedoch eine Journalistin, die wollte sich damit nicht abfinden. In ihrem Kopf existierte noch ein ganz anderes Bild: Vor ihrem geistigen Auge sah sie ein bürgerliches Wohnzimmer.

Im Hintergrund flackert und knistert ein Kaminfeuer, dessen Flammen sich in der blank polierten Oberfläche eines Steinwayflügels widerspiegeln. Auf dem Klavierhocker sitzt eine elegante, ältere Dame, die hingebungsvoll die Tasten bearbeitet, begleitet von drei honorigen Herren, ihres Zeichens ein Geiger, ein Bratschist und ein Cellist. Ein komplettes Kammerensemble, das gerade sein jährliches Hauskonzert für Freunde und Bekannte gibt. Im richtigen Leben sind diese Musikanten Studienrätin, Rechtsanwalt, Chefarzt und Universitätsprofessor. Ihre wahre Liebe gehört jedoch der Musik, was auch ihrer Hingabe beim Spiel anzusehen ist.

“Du spinnst doch“, sagen wohlmeinende Freunde und Bekannte.
„Was hast du eigentlich für Vorstellungen ? So etwas gibt es doch nur noch in Romanen und uralten Filmen.“
“Nein, so etwas muss es auch heute noch geben“, behauptete die Journalistin hartnäckig und machte sich auf die Suche. Jedoch, lange, lange blieb ihre Suche erfolglos. Wen immer, wo immer sie auch fragte, lautete die Antwort: „Ich selbst, zuhause musizieren ? Nein, ich mache keine Musik. Ich habe früher als Kind auf der Blockflöte herum gequietscht, aber ganz schnell wieder aufgehört, weil es mir einfach keinen Spaß machte.“ Oder: „Naja, zwei,drei Jahre hatte ich Klavierunterricht. Aber ich war zu faul zum Üben. Das hatte alles keinen Zweck.“ Aber es gab auch andere Leute. Die sagten dann: „Ja, ich bin Orchestermitglied und verdiene mein Geld mit der Musik. Zu Hause muss ich üben, üben, jeden Tag und stundenlang. Da habe ich keine Lust mehr, einfach so zu spielen. Nein, Hausmusik mache ich beim besten Willen nicht.“ Die Journalistin wurde ganz traurig und überlegte bereits, ob es nicht tatsächlich an der Zeit sei, von ihrem schönen Bild im Kopf Abschied zu nehmen zu müssen.

Völlig unerwartet klingelte eines Tages das Telefon. Es war der Zauberer, der über die Kraft, die Bilder zu bannen verfügt. „Du willst doch über Hausmusik schreiben“, sagte er. „Hast du schon etwas gefunden ?“ „Nein“, erwiderte die Journalistin traurig.
„Bei mir findet morgen Nachmittag in der Nachbarschaft ein Hauskonzert statt. Ich bin dazu eingeladen und werde dort all meine Kräfte, die Bilder zu bannen, walten lassen. Versuch doch, auch zu kommen. Ich gebe dir hier eine Telefonnummer.“ Die Journalistin wählte die durchgegebene Telefonnummer. Das Glück ward ihr hold, denn sie erhielt eine Einladung.

So begab sie sich am nächsten Tag mit Straßenbahn und Bus in einen anderen Stadtteil, in eine ihr fremde Welt. Es war nicht einfach, die im verborgenen liegende Villa zu finden. Deshalb kam sie zu spät.

Ein guter Geist ließ sie durch den Hintereingang hinein. Das ganze Haus war bereits vom vollen Klang der Streichinstrumente erfüllt. Der dienstbare Geist gewährte ihr Einlass in einen großen Salon. Für den Anlass dieses Nachmittags war er in einen kleinen Konzertsaal umfunktioniert worden. Etwa vierzig gute Feen saßen andachtsvoll zuhörend auf ihren Plätzen. Vorwurfsvolle Gesichter wandten sich der Journalistin zu, als sie auf ihren Platz in der ersten Reihe huschte.
In der Mitte des Raumes saßen drei junge Prinzen in dunklen Abendanzügen. Geige, Viola und Violoncello, ein Trio. So spielten sie auch das Streichtrio c-moll op.9, Nr. 3 von Beethoven. Sie spielten perfekt. So unter Einsatz ihrer gesamten körperlichen Kraft. Noch niemals zuvor war die Journalistin spielenden Musikern so nahe gesessen. Erstaunt stellte sie fest, dass Musizieren härteste Arbeit bedeutet, wie auch an den sich bildenden Schweißperlen auf Stirn und Nasenrücken der jungen Musici zu sehen war.
Musik im HausDer Beifall am Ende des ersten Stückes war verhalten herzlich, von hanseatischer Zurückhaltung. Der eine kündigte das nächste Stück an. Ein zeitgenössisches Werk von Volker David Kirchner, von dem Komponisten eigens für diese Trio komponiert. Zeitgenössisch ? Die Journalistin zuckte zusammen. Sie hatte so gar keinen Zugang zu moderner Musik, fürchtete eher deren schrille Kakophonien. Was sie nun jedoch zu hören bekam, waren getragene Tonfolgen, die sie alsbald in einen fast meditativen Zustand versetzten, passend zu der draußen herrschenden Herbstimmung in der aufkommenden Dämmerung. Sie ließ Gedanken schweifen. Ihre Blicke wanderten über die im Herbstwind tanzenden Blätter auf der Rasenfläche vor dem Fenster und wieder zurück zu den andachtsvoll erhobenen Gesichtern der um sie herum sitzenden guten Feen. Im Hintergrund erblickte sie den Zauberer, der all seine Kräfte, die Bilder zu bannen, walten ließ. Er nickte ihr zu. Neben den drei Musikern war er das einzige männliche Wesen im Saal. Die Journalistin lächelte ihm zu und lehnte sich in ihrem bequemen Sessel zurück. So hatte sie es sich vorgestellt. Ihr eigenes Bild im Kopf war also doch nicht nur ein Hirngespinst.

In der Pause hatte die Journalistin endlich Gelegenheit, einen Programmzettel zu lesen. Das Trio bestand aus zwei Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und einem Solocellisten der Bamberger Sinfoniker. Von dem Bremer „Freundeskreis junger Musiker“ waren sie zu dem Gastspiel dieses Nachmittags eingeladen worden und hatten dieser Einladung gerne Folge geleistet. Aber der Journalistin wurde dennoch schwer ums Herz. Es waren nicht nur gute Musiker, es waren hervorragende Musiker. Aber es waren keine Amateure.“Insofern entspricht Ihr heutiger Auftritt, so gut er mir auch gefallen hat, eigentlich nicht meiner persönlichen Vorstellung eines Hauskonzertes, denn Sie alle drei sind Profis“, sagte sie beim anschließenden Gespräch in der Dorfkneipe bei Knipp, Bier und Wein.

“Aber natürlich war das ein Hauskonzert“, widersprach ein Prinz leidenschaftlich. „Wir lieben diese Art von Auftritten, weil wir uns dann unserem Publikum ganz nahe fühlen und jede seiner Reaktionen verspüren. In diesem Rahmen testen wir sozusagen die Stücke, die wir dann in den großen Konzertsälen aufführen. Alle Komponisten haben Kammermusik geschrieben, die man eigentlich nur in einem solchen privaten Rahmen spielen sollte. Natürlich sind wir deshalb auch Hausmusiker.“
“Ja, aber...“protestierte die Journalistin schwach. Aber die drei Prinzen hatten plötzlich zu diskutieren begonnen. Sie sahen auch nicht mehr aus wie wohl erzogene, gewandete Prinzen, sondern hatten sich in drei ganz normale junge Männer in Jeans und Lederjacken verwandelt. Und genau so benahmen sie sich, führten eine heftige Debatte und rauchten wie die Schlote. Ging es um Fußball ? Genauso ereiferten sie sich. Nein, es war die Manöverkritik des vorangegangenen Auftritts.

“Das machen wir immer so, das gehört einfach dazu“, beschwichtigte der Cellist die ein wenig erschrockene Journalistin.
“Ich habe saumäßig gespielt, aber ich kann diesen Dohnanyi auch nicht leiden“, klagte die Bratsche.
„Ich werde ihn nicht mehr spielen.“
“Du hast nicht saumäßig, du hast gut gespielt und du wirst ihn auch wieder spielen“, widersprach sein Freund und Kollege.
“Oh, immer diese zweistimmigen Passagen, ich muss die ganze Arbeit machen ?“ beschwert sich die Bratsche.
“Worum geht es denn ?“ erkundigt sich die Journalistin neugierig. Drei offene Gesichter wanden sich ihr zu, erklärten ihr abwechselnd die Patzer und Fehler in der Serenade C-Dur op. 10 von Ernst von Dohnanyi während des vorausgegangenen Konzertes.
“ Also, ich fand alles ganz wunderbar“, sagt sie. „Von irgendwelchen Fehlern und Patzern habe ich absolut nichts mitbekommen.“
“Ja, Sie vielleicht nicht, aber wir“, kommt es fast unisono. „Aber wir. Wir kriegen alles mit.“
Sie sind eben Profis.
Mit dieser Erkenntnis machte sich die Journalistin auf den Nachhauseweg. Sie war glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil sie so völlig unverhofft in den Genuss eines Konzertes von höchster musikalischer Klasse gekommen war. Traurig, weil ihrer Suche nach ihren wirklichen Bremer Hausmusikanten immer noch kein Erfolg beschieden ward.

Nach vielen, vielen Wochen tat sich ihr unverhofft eine neue Tür auf. Eine gute Fee gewährte ihr einen kurzen Blick in die Welt dahinter. Sie bestätigte der Journalistin, dass ihr Bild im Kopf keineswegs nur Illusion war.
Ja, es gibt ihn wirklich, den vielbeschäftigten Arzt, der sich trotzdem eisern alle zwei Wochen mit Freunden zum gemeinsamen Musizieren trifft. Und es sind tatsächlich Kollegen, Professoren und Rechtsanwälte. „Das erstaunliche ist, das tatsächlich das Gros dieser Amateurorchester, die teilweise auf höchstem Niveau spielen, aus Medizinern und Juristen besteht“, sagt die gute Fee, die ihren Namen nicht genannt haben will. Es gibt den Hochschullehrer, der seine Geige immer bei sich hat und sogar im Zugabteil einer Mitreisenden vorspielt, um ihr zu beweisen, dass „Bach die Welt durch den Klang deutet.“ Bis zur Konzertreife haben es etliche geschafft, in jungen Jahren sogar selbst einmal eine Musikerkarriere angestrebt. Nun benutzen sie die Musik zur Freude, zur Entspannung und zur Regenerierung nach ihrer aufreibenden Arbeit. Anstrengendes, konsequentes Üben gehört dazu, tagtäglich mindestens eine Stunde, am Wochenende zwei. Sonst können sie ihr Niveau nicht halten. Sie betreiben es mit der Disziplin von professionellen Musikern.
Eines ist ihnen allen gemein: Der absolute Wunsch nach ungestörter Privatheit in der Ausübung ihrer Leidenschaft für klassische Musik. Das hat auch eine neugierige Journalistin zu respektieren.

Info: Bei dem beschriebenen Konzert handelt es sich um ein Gastspiel des „Trio Echnathon“, Geige: Wolfram Brandl, Viola: Sebastian Krunnies, Violincello: Frank Michael Guthmann, im Rahmen der Konzertreihe des Förderkreises „Freunde junger Musiker Bremen“.

2003 by Birgid Hanke
Text: © Birgid Hanke
Fotos: ©Ines Kistenbrügger

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