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Teufelswasser

Arsen im Grundwasser

von Angelika Petrich-Hornetz

Als in den 60er und 70er Jahren internationale Organisationen damit begannen, Brunnen zur Trinkwassergewinnung in Indien und Bangladesh zu bauen, meinte man es gut. Um die Bevölkerung vor den verheerenden Infektionsgefahren, wie Typhus und Cholera, durch bis dato als Trinkwasser genutztem Oberflächenwasser zu schützen, bohrte man Brunnen, um das vermeintlich sauberer Grundwasser zu gewinnen. Die Bedenken einiger Bauern, die das Wasser aufgrund alter Legenden als "Wasser des Teufels" fürchteten, zerstreuten sich, denn tatsächlich, die Zahl der Erkrankungen nahm dramatisch ab, ebenso die Todesfälle, besonders die Kindersterblichkeit aufgrund von tödlichen Infektionen durch verseuchtes Wasser.

Ende der 80er Jahre tauchte dann in Westbengalen eine seltsame Hautkrankheit auf, die der Lepra ähnelte. Ohne Unterstützung von offizieller Seite, untersuchte der Epidemiologe, Dr. Dipankar Ckakraborty das Phänomen und thematisierte es im Alleingang. Er schaffte es, die Wissenschaft sowie internationale Hilfsorganisationen zu alarmieren: Das Grundwasser in weiten Teilen Bangladeshs und Indiens, stellte er fest, sei stark arsenhaltig. Arsen, ein Spurenlement, verursacht in zu hohen Dosen (bereits 0,1 g sind tödlich) und bei chronischer Vergiftung und damit langsamer Anreicherung im Körper eine schleichende Krankheit, die sog. Arsenicosis.

Arsen

Das vorgefundene Arsen hatte einen natürlichen Ursprung. In verschiedenen Verbindungen kommt es im Sedimentgestein, in einigen Tonen, in Buntsandstein u. a. vor. In vielen Gegenden der Erde wurde es ehemals in der Eiszeit von den Gletschern aus dem Gestein getrieben, setzte sich im Sediment von Flüßen ab, und traf auf sauerstoffarmes Grundwasser. Auch über Auswaschung und Regen werden ehemals gebundene Arsene freigsetzt. Unterschiedliche geologischen Verhältnisse, sorgen dafür, dass Arsen z. B. in der Schweiz weitgehend in den Böden bleibt, jedoch in den Schwemmländern Asiens in das Grundwasser gelangt.
Jüngste Forschungen aus Großbritannien und Indien kamen zu dem Ergebnis, das anaerobe (in sauerstoffarmer Umgebung lebende) Bakterien bei der Freisetzung von Arsen in den Sedimenten des Gangesdelta eine herausragende Rolle spielen. Zusätzlich heizt organischer Kohlenstoff (z. B. in Abwässern und Düngemitteln vorhanden) die Mobilisierung von arsenproduzierenden Mikroorganismen an. Die Arsenkonzentration stieg im Versuch auf die tatsächlich gefundenen, hohen Werte im Wasser vor Ort.

Das blaue Gift

I. d. R. zeigen sich nach dem Genuss von mit Arsen verseuchtem Grundwasser, die Symptome der Arsen-Vergiftung schleichend, erst nach zehn bis zwölf Jahren. Die Haut wird zunächst pigmentiert und rissig, die Zersetzung auch der Organe schreitet unablässig voran. Zwischen 35 und 77 Millionen chronisch Vergifteter gibt es allein in Bangladesh, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Weil die meisten Brunnen jünger als zwölf Jahre sind, rechnet man gegenwärtig mit einer riesigen Erkrankungswelle in den betroffenen Regionen. "Die Zeitbombe im Wasser wird jetzt scharf", sagte der Chemiker Walter Kosmus von der Universtität Graz bereits in einem Bericht des Südwind-Magazins aus dem Jahr 2002. Die von Kosmos durchgemessenen Brunnen in Bangladesh hatten einen Wert von 0,05 mg/l bis 0,3 mg/l, WHO-Empfehlung: 0.01 mg/l

Alternativen

Alternativen findet man in der Nutzung von Regenwasser (wird in Vietnam versucht) und tieferen Bohrungen, mindestens 100 Meter. Weil tiefere Bohrungen sehr teuer sind, werden auch chemische Klärverfahren und andere Filtermethoden bis hin zum Filtern mit einfachen Stofflappen praktiziert, z. B. in Vietnam, das ebenfalls von Arsen im Grundwasser schwer betroffen ist. Weitere Länder sind in Verdacht oder führen inzwischen Untersuchungen und erste Maßnahmen durch, z. B. in Lateinamerika. Vor allem in den Fluss-Deltas tropischer Regionen findet man gesundheitsgefährdente Konzentrationen herausgelösten Arsens, immer abhänging von den vorhandenen Minerialien im Gebirge, aus dem der Fluss Sediment mit sich führt.

Die WHO berfürchtete die größte Massenvergiftung der Geschichte. Das Umdenken, auch in der offiziellen Informationspolitik der meisten Länder, hat gerade erst begonnen. Diejenigen, die seit Jahrzehnten vor der schleichenden und massenhaften Vergiftung warnten, wurden außerhalb von Expertenkreisen zu spät gehört. Hilfsprogramme zur Arsendminderung versanden auch gegenwärtig immer noch im Bürokratie-Hickhack verschiedenster Interessensgruppen. Jetzt fehlt wieder, wie ganz am Anfang, als verseuchtes Oberflächenwasser die Trinkwasser-Gefahr Nr.1 war, viel Geld, um neue Trinkwasserversorgungs sowie Grundwasserschutz-Strategien für die betroffenen Gebiete auf die Beine zu stellen, und die müssen auch noch möglichst schnell umgesetzt werden.

2004-07-12 von Angelika Petrich-Hornetz
Text + Banner: © Angelika Petrich-Hornetz
Quellen: Südwind Magazin, Heise, Berlin Online, Nature;


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