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Rezension: Liselotte von der Pfalz

Ein Leben in Briefen von Hans Pleschinski

Hörbuch, Verlag Antje Kunstmann, erschienen im September 2004, ISBN 3-88897-371-6

Rezension von Birgid Hanke

An die sechzigtausend Briefe soll die einer manischen Briefeschreiberfamilie entstammende Liselotte von der Pfalz im Laufe ihres Lebens geschrieben haben. Sechstausend davon blieben der Nachwelt erhalten. Daraus die richtige Auswahl für eine Audioproduktion zu treffen, kann nur „Qual der Wahl“ bedeuten. Aber der Schriftsteller Hans Pleschinski hat ein sicheres Händchen bewiesen.

In achtundzwanzig von ihm erwählten Beispielen werden der geneigten Hörerschaft Person und Charakter von „Madame“ immer lebendiger und plastischer erkennbar. Gesprochene, auf Kassette oder CD verewigte Dichtkunst erfreut sich wachsender Beliebtheit. Diese Art, Literatur zu konsumieren, eignet sich nicht nur für lange Winterabende und Autofahrten, sondern ist auch die ideale Unterhaltung während niederer haushälterischer Tätigkeiten wie der des gemeinen Bügelns. Je gebannter man zuhört, desto schwungvoller gleitet das Eisen über die Wäsche. Je tiefer man in das Zeremoniell, den Klatsch und Tratsch, die Intrigen und das Ränkespiel am Versailler Hof eintaucht, desto schneller baut sich der verhasste Wäsche-Mount-Everest ab.

Christa Berndl, eine der renommiertesten deutschen Bühnenschauspielerinnen, liest aus den Briefen der „Pfälzerin“. Mit fast noch kindlicher Stimme trägt sie das ehrerbietige Schreiben der achtjährigen Liselotte an den „herzliebsten Papa“ vor, in dem "Lilo" von den Erziehungsplänen von „ma tante“ berichtet, um später den Tonfall einer vom Schicksal geschlagenen, reifen Frau einfühlsam zu treffen.

„Ma tante“ war die geliebte Tante Sophie, eine der gebildetesten Frauen ihrer Zeit, an deren Hof in Hannover Elisabeth Charlotte nach eigener Aussage ihre schönsten Lebensjahre verbrachte und an die sich die meisten ihrer Briefe richteten.
Aus politischen Gründen wurde die Neunzehnjährige im Jahr 1671 mit dem gerade verwitweten Philipp von Orléans, dem Bruder des Sonnenkönigs, verheiratet. Dafür musste Liselotte zum Katholizismus konvertieren, was keineswegs eine tiefe Frömmigkeit der Konvertitin mit sich brachte. Über ein halbes Jahrhundert lebte die Deutsche am Hofe des vierzehnten Ludwigs, brachte es vom verachteten Provinzgänschen zur geschätzten Schwägerin und bevorzugten Jagdgenossin des großen Absolutisten. Liselotte war eine der wenigen, die sich von Seiner Majestät nicht einschüchtern ließen. Vom Protokoll her nahm sie, die Herzogin von Orléans, übrigens den Rang der zweithöchsten Dame des Landes Frankreich ein.

Die Pfälzerin war bis an ihr Lebensende von einer geradezu obsessiven Mitteilungsfreude. Aber niemals dachte sie daran für die Nachwelt zu schreiben. Und gerade das macht ihre Briefe so authentisch, ihre Berichte so lebendig.
Man leidet mit ihr unter dem steifen Zeremoniell und der Langeweile von Versailles, bewundert ihre Toleranz gegenüber dem schwulen Gatten und dessen scharwenzelnder Phalanx junger, um so böshafterer Favoriten. Man amüsiert sich mit ihr, wenn sich die Kommunikation anlässlich einer durch das Protokoll erzwungenen familiären Réunion lediglich auf eine Furzerei von Eltern und Kindern beschränkt. Wie sich die Familienmitglieder gegenseitig zu „pêteurer“ Höchstleistung anfeuern, ist ihr „mit verlöff, mit verlöff“ etliche Briefzeilen wert.

„Madame“ und „Monsieur“, der seine Homosexualität mehr als offen auslebte, führten getrennte Leben, nachdem sie ihrer Nachwuchserzeugungspflicht nachgekommen waren. Was „Madame“ im Jahr 1701 jedoch nicht daran hinderte, ehrlich um den verschiedenen Gatten zu trauern und fürchterliche Angst vor einer Verbannung ins Kloster zu haben.

Die tiefe Zuneigung, die die filmische Liselotte, verkörpert von der liebreizenden Heidelinde Weis, dem, von Harald Leipniz nur mit einem Hauch Dekadenz gespielten Gatten Philipp entgegen bringt, ist jedoch ein Konstrukt der Drehbuchautoren eines Films aus den sechziger Jahren. Diese Darstellung hat das Bild einer ganzen Generation von Lieselotte von der Pfalz, die in Wirklichkeit so viel derber war, nachhaltig und historisch falsch geprägt.
Den richtigen Einblick in das wahre Leben der „Pfälzerin“ bietet die CD aus dem Verlag Antje Kunstmann, eine mutige Nischenproduktion, die fürwahr eine "acclamation" rechtfertigt. Kurze sachliche Texte umreißen die historisch-politische Situation des französischen Absolutismus auf seinem Höhepunkt. Die sanfte Überleitung zu den temperamentvollen Briefen schafft eine Cellosuite von Johann Sebastian Bach. Über fünfzig Jahre lang begleitet die Produktion des Bayrischen Rundfunks Leben, Lieben und Leiden der Elisabeth Charlotte am Hofe des Sonnenkönigs. Fast achtzig Minuten dauert die vergnügliche Zeitreise in die Vergangenheit. Und wenn man wieder in der Gegenwart erwacht, ist aus dem linnenen Wäscheberg ein Maulwurfshügel einzelner Socken gewordenen. Liselotte von der Pfalz ist in der Reihe Hörkunst des Verlags Antje Kunstmann erschienen.

2004-11-29 by Birgid Hanke
Text: © Birgid Hanke
Cover : © Verlag Antje Kunstmann

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Buch:
Liselotte von der Pfalz von Hans Pleschinski
Hörbuch, Audio-CD
erschienen bei Verlag Antje Kunstmann 2004
ISBN 3-88897-371-6
Bei Amazon bestellen: Liselotte von der Pfalz
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