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Tina schmiert einfach nicht

Zocker online
von Birgid Hanke

Spielpartner Martin ist eine Pfeife, ein Weichei, ein Warmduscher!
Und Tina spielt gnadenlos nur für sich selbst. Dass die mal schmiert, kannste vergessen. Martin steigt schon immer sehr früh aus. Außerdem sticht er einfach nicht ein, kommt manchmal noch im letzten Stich mit dem Kreuzbauern. Da rollen sich einem doch die Fußnägel hoch.

Und Tina, diese alte Egoistin ! Dass die einmal so richtig schmieren würde !
Wenn ich in der Vorhand sitze, wir also den blöden Martin in der Mitte sitzen haben und mein Stich bereits todsicher ist, kommt sie glatt nur mit so 'ner luschigen Dame, anstatt mal ein As reinzubuttern. Wäre doch für uns gewesen !
Die vergisst immer, dass sie zu ab und an auch zu zweit spielen muss. Kommt sowieso selten genug vor, weil Martin so mauert.
Außerdem hat sie noch so 'ne Macke, die mich tierisch nervt. Wenn ich mal ein bisschen länger überlege, ob ich den Skat nun aufnehme oder Hand spielen soll, dann räuspert sie sich immer so bedeutungsvoll. Auf's Klo gehen, wird man ja wohl mal dürfen. Ich entschuldige mich dafür ja so gar vorher.
Ich sitze noch nicht wieder an meinem Platz, da kommt es schon wieder, dieses vorwurfsvolle "hhmh..mmmmmh". Ja und ?
Sie muss doch auch mal für kleine Mädchen. Ach so, ja, die trinkt ja auch nichts.

Mir ist es am liebsten, wenn ich alleine gegen die spielen kann. Wie die beiden zusammen gefunden haben, frage ich mich echt. Da bin ich dann aber auch knallhart und erbarmungslos. Und ich gewinne ganz schön oft. Neulich, einen Grand Hand mit nur einem Buben. Naja, waren auch drei Asse dabei und 'ne lange Piekflöte. Omablatt, hat Tina spitz behauptet. Schneider habe ich die beiden dann auch noch gespielt.

Das habe ich Martin zu verdanken. Der ist echt blöd. Der steigt beim Reizen schon immer viel zu früh aus, wagt einfach nichts. Im Leben würde dem nicht einfallen, mal auf den Stock zu reizen. Eben ein Weichei, eigentlich nur ein Kartenhalter.

Tina spielt ja am liebsten Grand. Da kriegt sie schnell kontra von mir. Wie du mir, so ich dir. Da muss man aber unheimlich aufpassen, plietsch, wie die ist. Das übernehme ich dann immer schon für uns beide, weil Martin ja so eine Schlafmütze ist.

Aber was will man machen ? Ein anderer dritter Mann war einfach nicht zu finden. Manchmal würde ich ihn ja wirklich gerne mal so richtig gegen das Schienbein treten. Damit er aufwacht und endlich mal einsticht. Ich habe keinen Trumpf mehr, Tina hat niedrig aufgespielt, aber ich konnte nicht mehr bedienen. Klar, dass ich meine blanke Zehn reinschmiere. Was macht Martin, dieser Trottel ? Bleibt drunter. So ein Idiot ! Dabei weiß ich ganz genau, dass er hätte überstechen können. Klammert er sich wieder an seinen Trumpfen fest.

Neulich bin ich wirklich so ausgerastet, dass ich ihm eine getreten habe. Getroffen habe ich meinen Schreibtisch. Weh hat es mir getan. Und der Schmerz hat mich in die Realität zurück geholt. Martin und Tina gibt es nämlich gar nicht. Sie sind nur meine virtuellen Skatgegner. Einen blauen Fleck habe ich trotzdem am Schienbein.
Selbst dran schuld.

Mea culpa, mea culpa ! Ja, ja, ich gebe es zu, es war meine Schuld, ich hätte es nicht tun sollen, aber ich habe es getan. Warum habe ich es getan ? Weil mich Solitaire inzwischen furchtbar langweilt, weil ich Minesweeper blöd finde und mir keiner Heart cell erklärt.

Habe ich eben in einer zufällig gefundenen share ware Ecke des Internets ein Skatspiel runter geladen. Und fortan wurde gezockt. Wie in alten Zeiten. Einen Abend hat es gedauert, bis ich meine beiden neuen Gegner durchschaut hatte.
"Achtzehn, zwanzig, passe", sagte meine Dreijährige, anstatt das richtige Zählen zu lernen.
"Mama, hast du 'wonnen ?" wenn ich jubele.
"Mama, du bist blöd", wenn der Computer seinen traurigen Abgesang auf mein verlorenes Spiel von sich gibt.

Ich bin von Ehrgeiz zerfressen, es dieser arroganten Tina mal zu zeigen. Martin nehme ich schon gar nicht mehr ernst. Schon nach vier Spielrunden sitzt der punktemäßig im tiefen Keller, aus dem er kaum mehr rauskommt. Dann versucht er sich immer, so ganz stiekum, an eine von uns dran zu hängen. Ich habe ihn schon paar mal mit in einer Bockrunde durch ein saftiges Contra gegen Tina sanieren können. Gedankt hat er es mir nicht. Er ist eben ein Trittbrettfahrer.
Da ist mir die egoistische Tina schon lieber. Die ist zwar knallhart. Aber es macht mir Spaß, mich mit ihr zu messen.

Meine Mutter kann Tina nicht leiden. Meiner alten Dame habe ich das Skatspiel per E-mail als angehängte ZIP-Datei geschickt.
"Tina gibt mir immer die schlechtesten Karten", hat sie sich bei mir beschwert.
Eigentlich kann meine Mutter noch gar keine ZIP-Dateien öffnen. Naja, sie hat ihren PC ja auch erst seit einem Jahr und ist erst seit einem halben Jahr online. Also musste eigens mein Bruder aus dem sechzig Kilometer entfernten Wiesbaden anreisen, um ihr ein Zip-Programm down zu loaden und das gezippte Skatspiel zu entpacken. Seit dem zockt Omi nun auch. Ich möchte wirklich wissen, wie die klarkommt, bei ihrem chronischen Hang, sich zu überreizen.

Und ich erhalte Drohbriefe von meinem Bruder: "Bist du wahnsinnig geworden ? Überlege dir künftig, was du tust !" hat er mich per E-mail verwarnt. Nur weil unsere alte Dame ihn kurz vor Mitternacht angerufen hat, um ihm zu erzählen, dass sie einen Grand mit Vieren gewonnen hat. Das ist doch keine Kunst ! Bei so einem Blatt hätte ich den Trottel Martin und die Zicke Tina Schneider an die Wand gespielt und sogar schwarz. Grand mit vieren, gespielt fünf, Hand sechs, Schneider sieben, schwarz acht mal vierundzwanzig sind hundertzweiundneunzig. Bockrunde, das heißt also dreihundertvierundachtzig Punkte für mich !! Ganz alleine !
Wer ist denn jetzt am Geben ?


2003-12-29 Birgid Hanke
wieder aufgelegt: 2014-10-01
Text: © Birgid Hanke
Fotobanner + Illu: ©Angelika Petrich-Hornetz

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