Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift         Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema: Total entspannt, Link zur Werbeseite


Wirtschaftswetter-Mann des Jahres 2016

Seit 2013 erlaubt sich das Wirtschaftswetter, die undotierte Auszeichnung "Wirtschaftswetter-Mann des Jahres" zu verleihen. Damit wird einmal im Jahr ein Mann mit Klasse ausgezeichnet, der sich aus unserer Sicht einer herausragenden, unbezahlbaren Lebensleistung (sie wäre zu teuer) im Sinne von Freiheit und Demokratie rühmen kann, die unter größtem persönlichem Einsatz und gegen allergrößte Widerstände durchgesetzt wurde und die unabdingbar mit dem Fortschritt der Menschheit verbunden ist. Im Jahr 2013 kürten wir deshalb den darum verdienten Edward Snowden zum Mann des Jahres. In diesem Jahr werden es wie im vergangenen wieder zwei, unsere Männer des Jahres 2016 sind die:

Journalisten Can Dündar und Erdem Gül - für ihre Standhaftigkeit, allen Widerständen zum Trotz ihren Beruf - im Sinne eines berechtigten Interesses der Öffentlichkeit, sich selbst eine eigene Meinung zu bilden - , nach bestem Wissen und Gewissen auszüben, stellvertretend für alle in der Gegenwart verfolgten, angeklagten, verurteilten und inhaftierten Kollegen

Begründung:

Die türkischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül wurden der Weltöffentlichkeit vor allem durch den Cumhuriyet-Prozess bekannt. Erdem Gül war Leiter des Hauptstadtbüros in Ankara und Can Dündar Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet". Ihr Vergehen: Im Frühjahr 2015 hatten sie einen Bericht verfasst und veröffentlicht, der mutmasste, der türkische Geheimdienst, der später im Prozess (Prozessbeginn März 2016) genauso wie der Präsident als Nebenkläger auftrat, könnte an Waffenlieferungen an Extremisten in Syrien beteiligt gewesen sein. Der türkische Präsident Erdogan erstattete daraufhin persönlich Strafanzeige, es wurde eine Nachrichtensperre verhängt, die Staatsanwaltschaft ermittelte, Dündar und Gül wurden verhaftet und saßen monatelang in Untersuchungshaft, bevor das türkische Verfassungsgericht im Februar 2016 die Freihlassung erwirkte. Schließlich wurden Gül und Dündar in dem Prozess, in dem die Staatsanwaltschaft lebenlange Haft gefordert hatte, im Mai 2016 zu fünf Jahren und zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnishaft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Verteidigung geht in Berufung.

Das Gericht in Istanbul entschied, sie seien schulidig, geheime Dokumente veröffentlicht zu haben. Jounalisten, Bürger- und Menschrechts-Organisationen protestierten weltweit gegen das politische Urteil, dessen Ziel, zwei regierungskritische Journalisten zum Schweigen zu bringen zu offensichtlich war. Allerdings hatte das Gericht auch einige Anklagepunkte fallen gelassen, und befand die Journalisten in den Anklagepunkten für unschuldig, angeblich die Regierung stürzen zu wollen, sowie Spionage zu betreiben. In einem gesonderten Prozess sollen sie sich außerdem noch für die angebliche Unterstützung einer Terrororganisation verantworten. Daneben würde Dündar im April 2016 noch wegen Beleidigung des Präsidenten zu einer Geldstrafe verurteilt. Bei dem eigentlichen Prozess wurde in einer Prozesspause außerdem auf Dündar geschossen, das Attentat misslang jedoch.

Seitdem wurden noch viele weitere Journalisten in der Türkei angeklagt und verhaftete, seit dem Putschversuch im Juni 2016 stehen u.a. der gesamte Wissenschaftsbetrieb, Gerichte, Staatsanwaltschaften und inzwischen sogar Unternehmen und damit die Wirtschaft unter Druck, sind Tausende von Entlassungen, Beschwörungen zur Regiergungstreue, Verhaftungen, Anklagen und anderen Maßnahmen betroffen. Ob die Pressefreiheit in der Türkei überhaupt noch als solche bezeichnet werden kann, erscheint mittlerweile fraglich. In der Liste der Pressfreiheit der Journalisten-Organisation Reporter ohne Grenzen rangierte die Türkei bereits Anfang des Jahres unter 180 Staaten nur noch auf Platz 149 und das in einem Land, das sich einmal einer großen Presse-Vielfalt - und damit auch Meinungs-Vielfalt - rühmen konnte.

Aber man sollte niemals vergessen, die Türkei ist bei weitem nicht das einzige Land, mit einer Regierung, die nichts so sehr zu fürchten scheint, wie ein öffentliches Interesse an der Wahrheit. In viel zu vielen Staaten sitzen ausgerechnet im 21. Jahrhundert inzwischen Reporter, Korrespondenten, Chefredakteure, Blogger und Redakteure in Gefängnissen, werden verfolgt, bedroht und getötet, als befänden wir uns gerade einmal im ausgehenden Mittelalter. Nicht zuletzt die Watergate-Affäre demonstrierte exemplarisch bereits in den 1970er Jahren, wie (nicht nur) eine Regierung, bzw. ein sehr an seiner Macht interessierter Präsident mit unlauteren Methoden geradezu krampfhaft versuchte, die Wahrheit zu unterdrücken und die Öffentlichkeit in seinem Sinne zu "lenken". Dabei war einem auch dort wirklich jedes Mittel recht - nicht nur die beiden Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post sollten aufhören zu bohren und zu schreiben, man unternahm alles, um die Veröffentlichungen zu verhindern. Die Existenz der ganzen Zeitung war damit ernsthaft in Gefahr, aber zum Glück nicht zum ersten Mal. Man hatte bereits Erfahrung. Die Herausgeberin, Katharine Graham, die bereits zuvor gegen juristischen Rat die "Pentagon Papiere" herausgegeben hatte, die der Schönfärberei des Vietnam-Kriegs ein spontanes Ende bereiteten, erhielt infolgedessen die wüste Drohung des damaligen Justizministers John N. Mitchell. Zitat: "Katie Graham is gonna get her tit caught in a big fat wringer if that's published."* Zitatende. Die Versuche seiner Gattin Martha Mitchell, Reporter über den Wahrheitsgehalt zu informieren, reichten lediglich dem "Martha-Mitchell-Effekt" zur Namensgebung.

Insgesamt betrachtet hat man bis heute offenbar nicht all zu viel daraus gelernt. Man erinnere sich im Zuge der Snowden-Affäre auch an die Verhöre des Guardian-Personals oder noch schlimmer, die Zestörung von Redaktions-Festplatten im wortwörtlichen "Verlagskeller", anno 2013 leibhaftig im Vereinigten Königreich geschehen, und zwar im bereits etwas fortgeschrittenen 21. Jahrhundert. Freundlich ausgedrückt wurde der Vorgang der Festplatten-Zerstörung "unter Aufsicht" (!) noch als "bizarr" bezeichnet. Unfreundlich ausgedrückt, hat sich wohl kein Geheimdienst jemals so lächerlich gemacht, wie der britische mit seiner albernen Verlagskeller-Festplatten-Aktion. Als könnten solche Maßnahmen die Wirklichkeit ändern oder durch verschiedene Interessensvertreter gewünschte Änderungen etwa legitimieren. Die amerikanische Watergate-Geschichte endete seinerzeit im bislang einzigen Amtsenthebungsverfahren gegen einen Präsidenten, der diesem mit dem - ebenfalls bislang einzigen - Rücktritt eines US-Präsidenten im August 1974 zuvorkam. Die Novellierung des Freedom of Information Act, einem Gesetz zur Informationsfreiheit, war eine weitere Folge.

Es ist die, Aufgabe der Presse und von Journalisten, nicht einzelnen Interessen, damit auch nicht denjenigen von Staatsoberhäuptern, sonderm dem öffentlichen Interesse zu dienen, der sie sich jeweils mit mehr oder weniger großem Erfolg widmen. Das heißt nämlich nicht, dass Journalisten keine Fehler begehen, sondern im Gegenteil, auch ständig der Korrektur durch eben diese Öffentlichkeit und die ihrer eigenen Kollegen unterworfen sind.
Genau das, nämlich eine globale, aufmerksame Berichterstattung und eine weltweite Presse- und Meinungsfreiheit ingesamt ist immer noch die beste Garantie dafür, dass stets eines Tages die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit kommt. Die Geschichte ist schließlich dazu da, um aus ihr zu lernen. Nur, dafür muss man sie auch erst einmal kennen.
Beraubt man den investigativen Journalismus seiner Möglichkeiten, nimmt man der Öffentlichkeit diesesRecht auf Information, das aus unterschiedlichen Quellen und verschiedenen Blickwinkeln gespeist wird. Es leitet sich aus einem weiteren, dem ur-demokratischen Recht ab, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ohne eine ausreichende, freie Berichterstattung wäre dies aber unmöglich.

Neben anderen Nachteilen eines weitestgehend uninformierten Bürgers dürfte dieser auch irgendwann für jene Regierungen zum Problem werden, die damit vielleicht kurzfristig ihre Macht zu sichern verstehen: Fortschritt und eine davon prosperierende Gesellschaft sind mit ahnungslosen, unmündigen Bürgern, die nie erfahren werden, was wirklich vor sich ging einfach nicht zu machen. Und da solche Versuche derzeit wieder in vielen Staaten wider besseren Wissens stattfinden, sollen sich neben den für sie stellvertretend stehenden Wirtschaftswettermännern des Jahres Herrn Gül und Herrn Dündar, auch all jene verfolgten Kollegen in diesem Jahr von uns ausgezeichnet sehen, die auf der ganzen Welt eine mittlerweile wieder enorm schwer gewordene, anstrengende und aufreibende Arbeit leisten, nicht selten unter Einsatz ihres Lebens.

Bei seiner Abschiedsrede vor dem Stab des Weißen Hauses am 8. August 1974 räumte der US-Präsident Richard Nixon schließlich auch seinen größten Fehler ein, der seitdem allen möglichen seiner Amts-Kollegen in diversen Staaten der Welt immer noch unterläuft, Zitat: “Always remember, others may hate you, but those who hate you don't win unless you hate them, and then you destroy yourself.” (Vergesst nie, andere mögen euch hassen, aber die euch hassen, gewinnen nicht, es sei denn, ihr beginnt sie zu hassen und dann zerstört ihr euch selbst) Zitatende

Das Wirtschaftswetter verneigt sich vor: Erdem Gül und Can Dündar.


Alle bisherigen Titelträger:
2015 Helmut Schmidt und Joachim Löw, die German Gentlemen in schwierigen Zeiten

2014 Der König - Juan Carlos I. von Spanien für die wiederholte Rettung der Demokratie in Spanien und Europa

2013 Edward Snowden - Artikel mit Bezug zum Preisträger: Der Sommer der Überwachung - für die Durchsetzung eines der wichtigsten der einst von US-Präsident John F. Kennedy formulierten, universalen Verbraucherrechte: Das Recht, informiert zu sein - The right to be informed

*Quelle: Washington Post - Watergate


2016-10-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
Foto Banner: aph

zurück zu: Themen

zurück zu: Startseite 

wirtschaftswetter.de
© 2003-2017 Wirtschaftswetter® Online-Zeitschrift