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Der alte Fabrikant III

von Birgid Hanke

Fritz fand Unterschlupf bei dem Waagenbauer Beckscheibe in der Bremer Hohentorstraße, den ihm ein wohlgesonnener Kontrolleur der DEMAG vermittelt hatte. Von dort aus gelang dem jungen Unternehmer in den Jahren 1957/1958 ein solch rasanter Neustart, dass schon sehr schnell der nächste Umzug ins Auge gefasst werden musste.

So landete er mit seiner Firma auf der anderen Seite der Weser. Auf dem Gelände der altehrwürdigen Silberwarenmanufaktur „Koch&Bergfeld“ im Neustädter Kirchweg bot sich Fritz mit seinen inzwischen wieder 20 Mitarbeitern eine neue Heimat, demnach Firmensitz Numero 6. Über 15 Jahre hielt er auf dem Gelände der Silberwarenmanufaktur aus. Die Firma erlebte einen erneuten Höhepunkt ihrer Entwicklung. Wenn sich der alte Herr an diese Zeiten erinnert, geht es manchmal ein wenig durcheinander ob der vielen Anekdoten und Erinnerungen, die auf ihn einstürmen.
Er hatte sich im Laufe der Jahre einen guten Ruf erarbeitet, dies nicht nur überregional bei großen Firmen und Konzernen, sondern gleichfalls in der Hansestadt selbst, bei interessierten Handwerkern.

„Da klopften viele bei uns an und sagten: „Wir wollen für Sie arbeiten.“ Aber der Chef wurde auch seinerseits initiativ. So begab er sich sogar höchstpersönlich auf Mitarbeitersuche. Nach einem qualifizierten Fräser war er lange auf der Jagd. „Ich bin überall hin gesaust.“
Irgendwann erfuhr von einem etwas eigenwilligen Mann, der wegen irgendwelcher Unstimmigkeiten aus seinem Betrieb geflogen war, aber ein begnadeter Fräser sein sollte. In der Bremer Focke-Wulff-Siedlung wurde Fritz fündig und klingelte an der Haustür des Gesuchten. Dieser reagierte eher abweisend bis mürrisch auf das ihm vorgetragene Anliegen. Er war auf und dran, dem ungebetenen Besucher die Tür vor der Nase zuzuschlagen. „Aber es geht doch um eine Deckel-Fräsmaschine!“ rief Fritz verzweifelt.
In Sekundenschnelle wurde die Haustür aufgerissen. „Morgen früh komme ich und stehe bei Ihnen auf der Matte.“ Diesem Angebot, nämlich an dem Mercedes der damaligen Fräsmaschinen arbeiten zu können, war nicht zu widerstehen. So wurden damals Arbeitsverträge abgeschlossen.

Der Firmenchef Heinz Fritz bezeugte auch großes Verständnis gegenüber den Eigenheiten seiner Mitarbeiter. „Herr Fritz, wenn ich scheinbar nichts tue, arbeite ich am heftigsten“, erklärte ihm einmal einer von ihnen. „Alles, was dann anschließend kommt, ist nur noch reine Mechanik.“ Dieser verstand genau, was damit gemeint war. Und immer, wenn er den Arbeiter grübelnd neben seiner Maschine stehen sah, wusste er, dass in absehbarer Zeit diese sich im vollen Einsatz befinden würde.

So, wie er heute noch bei der Erinnerung an die großen Maschinen ins Schwärmen gerät, geschieht es auch bezüglich seiner Mitarbeiter. Da gab es diesen einen Dreher. „Das war ein regelrechter Künstler. Da hat es nie Schrott gegeben.“ Es war ein gebürtiger Türke.
„Den habe ich selbst an der Maschine ausgebildet, dann zum Vorarbeiter und schließlich sogar zum Meister gemacht.“ Nicht gerade zur Begeisterung der Kollegen. Was hatten sie gegen dessen Förderung seines beruflichen Werdegangs? „Weil er Türke war, ganz einfach.“ Vorbehalte, über die sich Heinz Erich Fritz souverän hinweg setzte.
Für ihn galt ausschließlich die persönliche Leistung und Einsatzbereitschaft. Offiziell im Ruhestand, formuliert der 96-Jährige noch heute klipp und klar seine persönliche Lebensmaxime: „Arbeit, Arbeit, Arbeit und genau, genau und nochmal genauer. Das hat sich in meinem ganzen Leben widergespiegelt.“ Ein hoher Anspruch, den er nicht nur beruflich, sondern auch privat stellte und es so seinen drei Kindern nicht leicht machte.

Präzision stand an oberster Stelle. Und das hatte sich in jenen Jahren längst herumgesprochen. So erzählt der alte Herr gerne von jenen drei geheimnisvollen Besuchern, die eines Tages bei ihm aufkreuzten und sehr wichtig taten.
„Wir kommen von weit her.“ In ihren dunklen Anzügen, alle drei fast gleich aussehend, drucksten sie, mit dem Hut in der Hand, eine Weile herum, bis Fritz sie schließlich fragte: „Was möchten Sie denn überhaupt?“
„Können wir hier irgendwo Zeichnungen ausbreiten, so dass Drittpersonen sie nicht einsehen können?“ lautete die Gegenfrage.
Fritz bat sie in sein Büro, wo sie auf großen Tischen riesige Pläne ausbreiteten. Der versierte Konstrukteur studierte die Zeichnungen ausgiebig. „Das war schon was.“ So lautet die, in typisch hanseatischem Understatement skizziert, Darstellung einer höchst schwierigen Aufgabenstellung.
Bis in die kleinsten Details kann er deren, kaum zu bewältigen Anforderungen heute noch beschreiben. „Das geht überhaupt nicht.“ Dies zumindest behauptete sein damaliger Kontrolleur Göhner, den der Unternehmer zu Beratung hinzugezogen hatte. Die Feststellung des ehemaligen Lloyd-Mitarbeiters fand aber nicht dessen Zustimmung, sondern löste beim Chef die gegenteilige Reaktion hervor. Neben dem hohen Anspruch an Präzision in der Fertigung zog sich das Prinzip „Geht nicht, gibt‘s nicht“ bis zur offiziellen Betriebsaufgabe wie ein weiterer roter Faden durch die gesamte Fritz‘sche Firmengeschichte.

Die schier unlösbare Aufgabe der von den drei geheimnisvollen Herren in Auftrag gegebenen Röhre für eine 20-mm Kanone löste Fritz mit Hilfe der befreundeten Firma Focke-Wulff. Die drei Anzugträger kamen übrigens aus dem Saarland, wo die heutige Firma dort heute noch und ausschließlich Handgranaten produziert.
Bei Focke-Wulff wiederum stand ein Spezialofen, der extrem hoch erhitzt werden konnte. Damit gelang es, die „betroffenen Teile der Röhre so weich zu machen, so dass die Spannung, die eventuell bei unserer Bearbeitung entstanden war, herausgefiltert wurde.“
„Ich kenn‘ da einen in Bremen, der macht das“, wurde weit über die bremische Landesgrenze hinaus bezüglich Heinz Erich Fritz kolportiert. „Und wenn der sagt, das geht nicht, dann geht das wirklich nicht.“ Widerspruchslos wurde in diesem Falle dann die Absage dieses Fabrikanten akzeptiert.

„Ich war immer nur der Jüngste damals, bei allen, das war bei der DEMAG in Düsseldorf, das war bei Thyssen so und auch bei Krupp. Die wollten mich alle kennenlernen, und ich bin da immer als Schmierlappen hin. Ich habe mich nie extra schick gemacht.
Und eines Tages wurde ich nach Hamburg geschleppt,“ gelingt dem alten Herrn erneut ein etliche Dekaden überwindender Zeitsprung. Da gab es damals die Firma Menck&Hambrock. „Die bauten Riesenkräne!“ Jugendliche Begeisterung schwingt jetzt in der Stimme mit. Die Produkte dieses Unternehmens waren von Chile über Schweden bis Russland im weltweiten Einsatz. In Deutschland selbst sah man die stets blauen Bagger am allerwenigsten.

Als man Fritz während seines Besuches im Hamburger Hafen anbot, sich selbst einmal einen Eindruck vom Arbeitsplatz eines Kranführers zu machen, lehnte er nicht ab, sondern erklomm behände die lichte Höhe, um oben angekommen nur noch zu staunen.
„So was hatte ich noch nicht gesehen, die Ausstattung der Kabine, nur vom allerallerfeinsten, alles Mahagoni, Messing, edel, edel.“
So groß die Bewunderung für den luftigen Arbeitsplatz, so froh war er schließlich, unten angekommen, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Auf dem einstigen Gelände des damaligen Unternehmens steht heute die Elbphilharmonie. So die Erinnerung des alten Herrn. Diese Firma gibt es heute noch, kann aber diese Behauptung nicht mehr bestätigen. In den vergangenen Jahrzehnten hat es so viele Inhaberwechsel gegeben, so dass ein Großteil der Firmengeschichte leider verloren ging.

Bei allem Erfolg blieben Heinz Erich Fritz Rückschläge und Enttäuschungen nicht erspart. Ausgerechnet ein Betriebsrat war es, der noch im Kirchweg in verantwortungsloser Fahrlässigkeit oder gar mit bösartigem Vorsatz ein wertvolles Bohrwerk zerstörte. Ein Schaden in Millionenhöhe, für das keine Versicherung aufkam, es keinen klärenden Rechtsstreit gab und der Mitarbeiter niemals zur Verantwortung gezogen wurde.
Alle Investitionen dieses Unternehmens wurden stets aus dem laufenden Betrieb und mit Hilfe der Bremer Sparkasse finanziert. „Mein Vater war von Grund auf ein Selfmademan ohne jegliches Eigenkapital aus der Familie.“
Das sollte ihm letztendlich ein zweites Mal zum Verhängnis werden. Zu Beginn der siebziger Jahre änderte sich das Klima im Kirchweg. So gab es „Knatsch“ mit guten Geschäftsfreunden. Der Silberwarenmanufaktur ging es so schlecht, dass Teile des Firmengeländes verkauft werden mussten.

Und die Fritz KG wanderte ab nach Wildeshausen. Warum ausgerechnet in die niedersächsische Provinz? Um diese Frage erschöpfend zu beantworten, wäre eigentlich der tiefe Einstieg in die damalige Bremer Wirtschaftspolitik erforderlich. Stattdessen soll sich an dieser Stelle mit der Feststellung, dass weder der zuständige Wirtschaftssenator noch die Sparkasse sich gegenüber dem Unternehmer Heinz Erich Fritz als nachhaltig wohlgesonnen erwiesen, begnügt werden.
Er selbst bezeichnet in der Retrospektive dieses Verhalten als „unternehmerfeindliche Senatspolitik“. So zog er im Jahre 1975 die Konsequenz und um auf das ehemalige Firmengelände der pleite gegangenen Firma Nordmende Metall, später Wilkens Silberwaren in Wildeshausen. Firmensitz Nummero 7.
Das größte Problem nach dem Umzug war, wieder qualifizierte Mitarbeiter zu finden, denn nur ein einziger Bremer war bereit mitzugehen. Peu à peu gelang es Fritz, für seine neu gegründete Firma WAB (Wildeshauser Armaturenbau) vor Ort wieder ein gut funktionierendes Team aufzubauen.

Dazu gehörte auch, seine Fürsorgepflicht als Arbeitgeber überaus ernst zu nehmen. Es war die Zeit, als die mittlerweile erwachsene Tochter Jutta mit in die Firma einstieg, als Allroundkraft, nachdem sie ihre Lehre als Industriekauffrau beendet hatte. Viel lieber hätte sie ja eine handwerkliche Ausbildung gemacht, aber als Frau? In den siebziger Jahren eher selten bis ausgeschlossen und schon gar für eine junge Mutter, zumal er ja zwei Söhne hatte, die über das erforderliche handwerkliche Rüstzeug verfügten.

„Wir kannten unsere Mitarbeiter gut, wussten, wenn sie Probleme hatten, halfen bei der Wohnungssuche und so vieles mehr. Gedankt wurde es uns nicht. Aber das erwarteten wir auch gar nicht, sondern nur gute Arbeit“, erinnert sich die Tochter an jene Jahre.
Und irgendwann brummte auch die „WAB“ in der Harpstedter Straße der niedersächsischen Kleinstadt. Wie konnte es bei diesem Erfolg, der wieder gewonnenen Anerkennung und neuer Referenzen dennoch zu der zweiten Insolvenz kommen?
Da gab es „eine wirtschaftliche Delle“. Durch zu hohe Investitionen in den Maschinenpark entstand ein finanzielles Loch. Fritz wollte seine Mitarbeiter halten und rutschte noch mehr ins Minus. Alle Maßnahmen, einschließlich privater Bürgschaften, Hunderttausende von DM, die zur Rettung in das Unternehmen gepumpt wurden, waren vergeblich. Und dann war doch noch dieser „Halunke von Volksbank-Direktor, der nur scharf auf meinen Maschinenpark war.“ Allein bei dem Gedanken daran, zittern heute noch Wut und Empörung in der Stimme des alten Herrn. Es half alles nichts.

Das Insolvenzverfahren wurde eingeleitet. Fritz musste sich von seinem geliebten Maschinenpark trennen und stand vor einem wirtschaftlichen Nichts. Ausgerechnet Ehefrau Rita war es, die ihrem Mann, der so viel mehr Zeit an seinen Maschinen in der Firma als mit ihr verbracht hatte, riet ihm, sich doch eine „vernünftige Drehbank“ zuzulegen. Als Therapie!
So begann der damalige Mittfünfziger in der winzigen Werkstatt eines Hausanbaus wieder ganz von vorne. Firmensitz Numero 8.
Unterstützung erhielt er dabei von einem einzigen Mitarbeiter, dem getreuen Herbert Simon, der seinem Chef aus Bremen gefolgt war. Abwechselnd standen die beiden an der „wunderschönen Drehbank.“ Begeisterung für die schöne Maschine wechseln mit dem Lob ob der Loyalität seines treuen Schlossers. „Für einen Zweimannbetrieb waren wir fantastisch eingerichtet“, schwärmt Fritz. Und so stellten sie sich nach und nach wieder ein: ehemalige und neue Großkunden wie Messer Griesheim, Bremer Vulkan oder Thyssen-Krupp mit dem Wunsch nach „Rückschlagklappen für selbst sperrende Armaturen“, die für das chinesische Kraftwerk Timanem benötigt wurden. Und die beiden Männer schufteten mit vereinten Kräften, hielten kurzfristige Liefertermine ein, setzen theoretisch Unmögliches in praktisches Handwerk um.

Das winzige Unternehmen florierte so gut, dass sich Fritz eines Tages den Kauf des Einfamilienhauses, in dem er heute noch und mittlerweile alleine lebt, leisten konnte.
„Dieses Haus haben Simon und ich alleine erwirtschaftet.“ Bis zur Vollendung seines 90. Lebensjahrs stand Heinz Erich Fritz an der Drehbank. Zum Schluss ganz alleine, nachdem der geschätzte Simon verstorben war.
Ganz genau erinnert er sich noch an seinen allerletzten Kunden. Es war die Firma MFB-Technik Schillig GmbH & Co. KG aus Bielefeld. Wenn es nach ihm ginge, hätte er noch weiter gemacht. Aber die Augen wollten nicht mehr so recht. Für einen Perfektionisten, der sich seit Jahrzehnten PRÄZISION in Großbuchstaben auf seinen Schild geschrieben hatte, eine verheerende Beeinträchtigung.

Er hat sich damit abgefunden. Genauso, wie er sich vor wenigen Jahren mit dem Tod seiner Gattin abfinden musste, „die ich eigentlich niemals richtig kennen gelernt habe“, der er aber posthum immer wieder Abbitte leisten möchte. Vielleicht gehört dazu auch, im hohen Alter noch Kochen gelernt zu haben, um mit familiärer Unterstützung seinen Einmannhaushalt mit der gleichen Perfektion zu führen, mit der er einst an seinen geliebten Drehbänken wirkte.

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2018-04-01, Birgid Hanke
Text: ©Birgid Hanke

Fotos: ©Birgid Hanke + Heinz Erich Fritz
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