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Medizinische Hilfe aus der Luft

Ein deutscher Arzt bei den Flying Doctors in Australien
von Astrid Wehling

Dr. Stormer, Royal Flying Doctor ServiceStellen Sie sich vor, Sie haben einen Unfall. Sie fallen vom Pferd oder beim Dachrinnensäubern von der Leiter. Oder Sie überschlagen sich mit Ihrem Wagen und rutschen einen Abhang hinunter. In Hamburg, Leipzig oder Trier wäre dies ärgerlich, schmerzhaft, vielleicht auch bedrohlich. Aber es wäre nichts, was nicht auch in kürzester Zeit zu behandeln wäre.

Ganz anders sieht es in Australien aus - zwar nicht in Sydney, Melbourne oder Perth, sondern im Australien außerhalb der Großstädte. Tausende von Kilometern unbewohntes Outback, darin kleine Siedlungen und Ortschaften. Landwirtschaftliche Stationen, so groß wie Schleswig Holstein. Gegenden, in denen es heute noch keine Zahnärzte, Fachärzte oder Hebammen gibt. Das nächste Krankenhaus ist oft mehrere Tagesreisen entfernt. Ein Sturz, ein Schlangenbiß oder eine komplizierte Geburt kann sich hier leicht zu einer lebensbedrohlichen Situation entwickeln.

There was a dream
Reverend John Flynn, der vor mehr als achtzig Jahren im Outback Krankenstationen und Hostel errichtete, hatte einen Traum. Den Traum von einer umfassenden Versorgung der Siedler im Outback. 1928 waren es gerade mal zwei Ärzte, die für die gut zwei Millionen Quadratkilometer Outback zuständig waren, als der Reverend den Aerial Medical Service gründete – heute weltweit bekannt als der Royal Flying Doctor Service (RFDS). Aus den ersten Anfängen mit einer kleinen einmotorigen Maschine aus Holz und Tuch hat sich eine Organisation entwickelt, die heute eine hochprofessionelle medizinische Versorgung bis in die hintersten Ecken des australischen Kontinents gewährleistet.Bis 1960 war der RFDS auf gecharterte Flugzeuge und geliehene Piloten und Techniker angewiesen. Heute besitzt der Service 50 mit neuester Technologie ausgestattete Flugzeuge und betreibt 22 Basisstationen. Die 71 Ärzte, 1 Zahnarzt und 115 Krankenschwestern und Pfleger versorgen gut 240.000 Patienten im Jahr.

Where does it hurt?
Der Alltag der Ärzte des RFDS besteht aber nicht nur aus Noteinsätzen. Ein ganz wichtiger Bestandteil des Services ist auch die telefonische Betreuung an sieben Tagen, rund um die Uhr, sowie die regelmäßigen Sprechstunden, die auf den Stations und in kleinen Ortschaften abgehalten werden. Eine willkommene Gelegenheit für die Menschen im Outback, sich zu treffen und ihre Probleme mit den Ärzten und Nurses (*) besprechen zu können.

Das Team wird gerufenStations*, Pubs, Polizeistationen und Nationalparkverwaltungen, die mehr als 18 Kilometer von einem Arzt entfernt sind, werden vom RFDS mit Schautafeln, sogenannten Body Charts, und mit Medizinkisten versorgt. Anhand der Body Charts und einer speziellen Numerierung von Körperregionen können Patienten dem Arzt am Funkgerät oder Telefon notwendige Informationen für eine richtige Diagnose geben. Die Medizinkisten enthalten entsprechende Medikamente und medizinische Geräte, die entweder eine Erstversorgung sichern oder einen Arztbesuch vermeiden können. Diese Kisten werden regelmäßig vom RFDS auf Aktualität überprüft und aufgestockt.

Die Flying Doctors sind seit Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil des australischen Alltags im Outback und Tasmanien. Die Menschen, die dort leben, sind dankbar dafür und halten sehr große Stücke auf ihre Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Piloten.

German Doctor on board
Ein Mediziner, der seit ein paar Monaten die Erfahrung machen darf, wie aufregend, anstrengend, aber auch erfüllend der Dienst beim RFDS sein kann, ist Dr. Ingo Stormer.
Das Team im EinsatzSeit Oktober 2006 auf der Basisstation Dubbo, rund 400 Kilometer westlich von Sydney im Dienst, hat er sich gemeinsam mit seiner Frau Pia nach einer Einarbeitungszeit schnell und gut eingelebt: "Während meines Trainings flogen wir einmal auf eine Outbackstation, um einen Mann zu behandeln, der mit seinem Motorrad mit einem Emu zusammengestossen war", beschreibt er heute seinen ersten Kontakt mit einem doch zunächst eher ungewohnten Arbeitsumfeld.

Dr. Stormers Position als leitender Arzt in Dubbo war seit mehr als zwei Jahren unbesetzt – der Ärztemangel in Australien zeigt sich leider als erstes in den ländlichen Gebieten. Um so begeisterter wurde Dr. Stormer daher im RFDS aufgenommen. Astrid Wehling hatte die Gelegenheit, ihm ein paar Fragen zu stellen:

Wirtschaftswetter: Dr Stormer, Sie arbeiten seit Oktober 2006 beim RFDS – dem Royal Flying Doctor Service in Australien. Woher stammen Sie und wo haben Sie studiert?

Dr. Ingo Stormer: Ich bin in Hagen (im Ruhrgebiet) geboren und zur Schule gegangen. Nach dem Zivildienst zog ich zum Studium nach Köln und habe dann als AiP (Arzt im Praktikum) im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gearbeitet, wo ich bereits während des Studiums als Teilzeitkraft beschäftigt war. Ich habe dann für einige Zeit in Düsseldorf und zuletzt mit meiner Frau wieder in Köln gewohnt.

Wirtschaftswetter: Welcher medizinischen Fachrichtung gehören Sie an?

Dr. Ingo Stormer: Im Jahr 2000 habe ich mich entschlossen, mein Interesse an Herz-Kreislaufphysiologie und an der Patientenversorgung zu kombinieren und habe meine Ausbildung als Anaesthesist und Intensivmediziner im Universitätsklinikum Düsseldorf begonnen. Seit 2005 habe ich als Facharzt auf der dortigen Chirurgischen Intensivstation gearbeitet und 2006 meine Zusatzqualifikation in Intensivmedizin abgeschlossen. Ausserdem war ich seit Jahren im Rettungsdienst der Stadt Düsseldorf als Notarzt tätig.

Flug mit PatientinWirtschaftswetter: Mussten Sie bestimmte Prüfungen ablegen, um hier in Australien arbeiten zu dürfen?

Dr. Ingo Stormer: Ich bin von einer Kommission der Ärztekammer New South Wales geprüft worden, bevor ich zugelassen worden bin. Die Prüfung ist per Videokonferenz abgehalten und sehr professionell durchgeführt worden. Die Kommission hatte offensichtlich viel Übung darin Fernprüfungen abzuhalten.

Wirtschaftswetter: Warum der RFDS? Es werden doch auch sonst jede Menge Ärzte in Australien gesucht?

Dr. Ingo Stormer: Meine Frau Pia und ich hatten zwar vor, im Jahr 2006 ins Ausland zu gehen, an Australien hatten wir aber gar nicht gedacht. Es war das konkrete Stellenangebot, das uns bewogen hat, nach Australien zu kommen. Der RFDS ist der älteste und sicherlich weltweit bekannteste Luftrettungsdienst. Die Arbeit und die Orte, in die wir fliegen, sind äußerst interessant und abwechlungsreich. Ich weiß am Morgen nie, ob ich am Nachmittag in Wilcannia oder 600 Kilometer weiter östlich in Sydney bin, ob mein nächster Patient einen Verkehrsunfall oder Herzinfarkt hatte, und ich muss tatsächlich oft eine Menge vor Ort erledigen, bevor ich überhaupt an einen Transport denken kann.
Die Piloten und Flight Nurses (*) sind menschlich und fachlich hervorragend, und es ist sehr angenehm in einem so guten Team zu arbeiten.

Meine Position beinhaltet auch einen wöchentlichen Tag im Emergency Room des örtlichen Krankenhauses und einen wöchentlichen Tag als Dozent der Universität Sydney. Die Kombination der drei Tätigkeiten ist es, was das Stellenangebot für mich so unwiderstehlich gemacht hat. Dass der Arbeitsplatz dazu noch in Australien ist, ist einfach ein zusätzlicher Pluspunkt. Uns gefällt es hier sehr gut. Meine Frau hat eine interessante Stelle an der Universität in Dubbo gefunden und wir haben schon viele nette Leute kennengelernt.

Wirtschaftswetter: Beschreiben Sie uns doch in bisschen Dubbo, den Ort, in dem Sie zur Zeit mit Ihrer Frau leben?

Patientenversorgung auf dem RollfeldDr. Ingo Stormer: Dubbo ist ein regionales Zentrum im ländlichen New South Wales mit knapp 40.000 Einwohnern und allen Geschäften, Restaurants, Cafes, Kino und anderen Einrichtungen, die man im täglichen Leben braucht oder einfach haben möchte. Außerdem gibt es am Ort die Charles Sturt University und die School of Rural Health der University of Sydney. Die Umgebung ist geprägt von Landwirtschaft und leidet derzeit extrem unter der langjährigen Dürre. In der Nähe sind einige spektakuläre Nationalparks und bis zur Küste in Newcastle oder nach Sydney ist es auch nicht zu weit. In Richtung Inland ist Dubbo der letzte größere Ort und wird daher auch als Grenze zum Outback bezeichnet.

Wirtschaftswetter: Können Sie uns einen typischen Tag im RFDS schildern?

Dr. Ingo Stormer: Es gibt keinen typischen Tag! Das ist es ja gerade, was ich am RFDS so spannend finde. Es kann in den nächsten fünf Minuten alles passieren. Und das auch noch überall. Ich arbeite mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammen, versorge Patienten in kleinen Krankenhäusern oder auf der Ladefläche eines Geländewagens. Ich sehe Risikoschwangere, Unfallopfer, Herzkranke, von Schlangen gebissene oder von Pferden getretene Patienten, Menschen mit Nierenversagen oder Bergbauunfallopfer ... . Manche Patienten benötigen wenig Medizin und viel Zuspruch, andere versorge ich erst stundenlang vor Ort, bevor ich überhaupt an einen Flug denken kann. Manchmal brauche ich auch Rat und Hilfe von einem Spezialisten, den ich dann über Telefon oder Satellitentefefon bitten kann, mich zu beraten. Meist kann ich den Kollegen in einem großen Krankenhaus, z.B. in Sydney, schon vor Ort so mit in die Behandlung einbeziehen, so dass er, schon lange bevor er den Patienten schließlich uebernimmt, genau Bescheid weiß.

Wirtschaftswetter: Wer fliegt noch mit Ihnen auf der Maschine? Und wieviel müssen Sie vom Fliegen verstehen, im Falle von Komplikationen?

Dr. Ingo Stormer: Ich verstehe nichts vom Fliegen und die Komplikationen beherrschen unsere Piloten schon allein. Übrigens sind unsere Piloten besser ausgebildet und erfahrener als die meisten anderen Berufspiloten, ich habe da vollstes Vertrauen.
Unser Flugzeug hier in Dubbo ist, wie alle Maschinen des RFDS in Süd-Ost Australien, eine zweimotorige Turboprop Beechcraft Kingair. Mit Druckkabine, zwei Liegeplätzen, von denen einer komplett für Schwerkranke ausgerüstet ist, sowie mit drei Sitzplätzen unmittelbar an den Patienten. Wir fliegen durchaus bis in Flughöhen, die auch für Interkontinentalflüge genutzt werden. Die Druckkabine kann, anders als bei einem Passagierflugzeug, Innendrücke bis auf Meereshöhen-Niveau erzeugen. Wir haben eine eigene Stromversorgung für die medizinischen Geräte und natürlich medizinische Gasversorgung für Sauerstoffmaske und Beatmungsgeräte.
Es fliegt immer ein(e) Flight Nurse(*) mit. Alle Nurses haben Krankenpflege studiert, haben Berufserfahrung und Zusatzqualifikationen, insbesondere in Notfall-, und Intensivmedizin, und sie sind gleichzeitig Hebamme. Sie sind extrem erfahren und es dürfte schwer fallen, bessere Leute für wirkliche Notfallversorgung zu finden.

Dr. Stormer hätte nichts gegen noch einen netten, qualifizierten KollegenWirtschaftswetter: Was war bislang Ihre größte Herausforderung im Einsatz?

Dr. Ingo Stormer: Ich hatte während eines Einsatzes mehrere Schwerverletzte gleichzeitig zu versorgen. Aber dank des guten Teamworks mit den Rettungsassistenten, den örtlichen Nurses, der Flight Nurse, einem ortsansässigen Allgemeinmediziner und anderen Helfern haben wir alle sicher und gut versorgt in große Unfallkrankenhäuser in Sydney transportieren können. Dies war mit mehr als 15 Stunden auch mein bislang längster Einsatz hier.

Wirtschaftswetter: Gibt es etwas, das im Arbeitsalltag einen großen Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?

Dr. Ingo Stormer: Die Wertschätzung und Dankbarkeit der Menschen im Outback für die Arbeit des Flying Doctor Service ist atemberaubend. Ich habe schon erlebt, dass, wenn ehemalige Patienten, Angehörige oder andere Menschen, die im Outback leben, sehen, dass das Flugzeug landet, sie ihre Arbeit stehen lassen und uns ein paar Weintrauben oder kalte Getränke vorbeibringen. Manche kommen einfach und fragen, ob sie helfen können oder sie bedanken sich dafür, dass ihr Mate letztens gut versorgt worden ist. Das ist ein tolles Gefühl und ein enormer Ansporn, auch weiterhin beste medizinische Versorgung unter besonderen Umständen sicherzustellen.

Wirtschaftswetter: Hat der Einsatz beim RFDS Ihnen bislang etwas gegeben, was Ihnen im Klinikalltag gefehlt hat?

Dr. Ingo Stormer: Die Arbeit im RFDS ist einfach ganz anders als in der Klinik. Das ist nicht vergleichbar. Ich habe meine Ausbildung und Arbeit am Universitätsklinikum Düsseldorf sehr gern gemacht. Und die Arbeit dort war oft auch eine echte Herausforderung. Besonders die Fertigkeiten und Kenntnisse, die ich auf der chirurgischen Intensivstation gewonnen habe, sind auch jetzt sehr wertvoll. Ich hatte dort sehr nette Kollegen und vermisse sowohl viele von ihnen, als auch einige der Möglichkleiten, die nur ein voll ausgestattetes großes Klinikum hat. Aber mit einem gut versorgten Patienten in der Abendsonne über die Blue Mountains nach Sydney zu fliegen, nun ja, das ist eben doch was Besonderes.

Wirtschaftswetter: Was würden Sie sich für den RFDS wünschen?

Dr. Ingo Stormer: Obwohl viele Australier, gerade die im Outback, den RFDS großzügig unterstützen und auch der Staat viel Geld zuschießt, kann eine solche Organisation natürlich immer Geld gebrauchen. Flugzeuge zu betreiben, ist einfach unheimlich teuer.
Außerdem wuerde ich mir wünschen, dass sich mehr menschlich und fachlich qualifizierte Kollegen finden, die Lust haben, hier im Outback für den RFDS zu arbeiten. Insbesondere hier in Dubbo würde ich mich über einen weiteren netten Kollegen freuen, entweder einen sehr erfahrenen Allgemeinmediziner, einen Internisten mit sehr viel Intensiv- und Notfallerfahrung oder einen Anästhesisten, Intensiv- und Notfallmediziner mit viel Rettungsdiensterfahrung - der bereit ist, sich mit den Besonderheiten, die die Arbeit hier mit sich bringt, vertraut zu machen.

Das FlugzeugWirtschaftswetter: Was macht ein fliegender Arzt, wenn er nicht in der Luft ist, sondern Freizeit hat?

Dr. Ingo Stormer: Meine Frau und ich gehen gern wandern. Hier in der Nähe sind einige Nationalparks in denen wir schon spektakuläre, mehrtägige Touren gemacht haben. Natürlich fahren wir am Wochenende auch mal an den Strand. Wir haben hier in erstaunlich kurzer Zeit einen netten Freundeskreis gefunden und treffen uns zu BBQs (Barbecues), Parties, zum Sport und was man sonst so macht. Vor vier Monaten ist uns ein junger Mischlingshund zugelaufen, der uns abends auf Trab hält.
Wir freuen uns jetzt auf unseren ersten Urlaub und haben vor, dann nach Western Australia zu fahren.

Wirtschaftswetter: Dr. Stormer, es ist schade, daß unser Platz hier kein längeres Gespräch zulässt, Ihre Berichte sind sehr spannend. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und dieses Interview und wünsche Ihnen und Ihrer Frau eine gute Zeit hier in Australien.

Weitere Informationen:
Royal Flying Doctor Serviceof Australia - Section South East

(*) nurse = Krankenschwester und Krankenpfleger (Anm. d. Red.)
* station= landwirtschaftlicher Betrieb, Farm (Anm. d. Red.)


2007-07-01 Astrid Wehling
Text: © Astrid Wehling
Fotos: © RFDS South East
Illustration: ©Angelika Petrich-Hornetz
Foto Themenbanner: Dr. Elisabeth Kärcher

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