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Kanada: Abenteuer Auswandern II

Auf dem Weg nach Whitehorse - Ein Platz zum Leben

von Joy Fraser

Grande Prairie<, in der Provinz Alberta gelegen, ist eine Ölarbeiterstadt am Alaska Highway ganz in der Nähe der Rocky Mountains, was malerischer klingt, als es ist. Es scheint, als ob die Häuser inklusive Einkaufszentren völlig uninspiriert aus dem Boden geschossen sind, und die Architekten keine unnötigen Gedanken an Ästhetik und schöne Dinge für das Auge verschwendet haben.

Auf dem Weg nach WhitehorseDie Leute dort sind eher brummig, nicht besonders hilfsbereit und kurz angebunden. Niemand weiß genau warum dies so ist. Vielleicht, weil das Ambiente einfach nicht stimmt? Trotz durchaus warmer Sommer gibt es keine Straßencafes, niedliche Läden für Touristen oder Ähnliches, was das Leben lebenswerter und eine Stadt sehenswerter macht. Die neuen Wohngebiete erscheinen so voll gestopft wie deutsche Neubaugebiete. Die Grundstücke sind winzige Parzellen, eher untypisch für den sonst großzügigen und platzverschwendenden nordamerikanischen Stil.

Grande Prairie sitzt, wie der Name schon sagt, auf einem großen Prärieplateau, das in seiner Ausdehnung die Größe Deutschlands weit übertrifft. Man hätte also jede Menge Platz für Parkanlagen, hübsch hergerichtete Fußgängerzonen und große Baugrundstücke.

Nüchtern betrachtet ergibt sich folgendes Bild: Man errichtete Wohnhäuser en Masse für den wachsenden Bedarf der Ölarbeiter, die nur am Wochenende dort zu Hause sind, da sie während der Woche im Norden auf den Ölfeldern arbeiten. Das führt dazu, dass die Stadt in der Woche fast leer ist, aber am Wochenende aus den Nähten platzt. Ständiger Verkehrslärm und laute Partys machen die Wochenenden für Ruhesuchende unerträglich. Von Lärmreduzierung hat man noch nie etwas gehört, und jeder zweite Pickup Truck, der meist einem Jugendlichen gehört, röhrt wie ein kaputter Auspuff an einem vorbei, mit dem Ziel das typische laute Knattern einer Harley Davidson rekordverdächtig in den Schatten zu stellen.

Das Plateau gibt landschaftlich nur etwas her, wenn man Felder und Wiesen liebt und ein Flachländer ist. Ich komme aus einem deutschen Mittelgebirge und werde nervös, wenn ich schon Montags sehe wer Donnerstags zu Besuch kommen wird. Nach der Reise durch die Rockys vermisste ich die Berge schmerzlichst. Meinem Mann und meiner Tochter ging es ebenso. Nein, hier würden wir nicht bleiben wollen.

Whitehorse: Luftströme aus HawaiiEine Bewerbung bei einer Firma in Whitehorse am Yukon brachte endlich den ersehnten beruflichen Erfolg für meinen Mann. Hinzu kam, dass er schon immer dort hinwollte, nur das Leben seine Karten bisher anders ausgeteilt hatte. Jetzt bekam er seine Chance. Seine Familie wollte nicht in Grande Prairie bleiben, also folgerte er daraus, es würde leicht sein, uns zu überreden nach Whitehorse mitzukommen und dem kalten Norden eine Chance zu geben. Ich erkundigte mich nach den Temperaturen, die uns erwarten würden, und im Vergleich zu Grande Prairie schnitt Whitehorse sogar besser ab. Das überraschte mich, denn. Whitehorse liegt sechzehn Autostunden weiter oben im Norden. Wie konnte es dort wärmer sein als in Grande Prairie? Man erklärte mir, es handele sich um andere Wetterbedingungen, bedingt durch die schützenden Berge, die in Grande Prairie eine dreistündige Fahrt weit entfernt sind. Die Stadt liegt ungeschützt vor Wind und Wetter mitten auf einer großen Ebene. Außerdem kommt Whitehorse in den Genuss warmer Luftströme aus Hawaii. Das ergab einen Sinn. Ehe ich es recht registrierte, war ich schon überredet.

Whitehorse präsentierte sich sonnig. Die Reste eines "stinking hot summer“, wie die Menschen es hier nennen, begrüßten uns. Es war um die dreißig Grad warm, was Whitehorse mächtig ins Schwitzen brachte, wo man doch an acht Monate Winter im Jahr gewöhnt ist. Die Stadt liegt direkt am Alaska-Highway im Tal, am breiten Yukon River. Oberhalb befindet sich ein Plateau, auf dem der Flughafen seinen Platz hat. Dahinter liegen Wohngebiete. Im Gegensatz zu Grande Prairie fanden wir hier ein gewisses Flair. Die Stadt hat Charme, hübsch hergerichtete Häuser, touristenfreundliche Läden und nette Menschen. Jeder wünscht jedem einen schönen Tag, manchmal sogar den besten von allen Tagen. Man lächelt und ist hilfsbereit.

Die Stadt hat lediglich 25.000 Einwohner. Sie liegt isoliert von der restlichen Zivilisation inmitten der Rocky Mountains und ist die Hauptstadt des „Yukon Territory“. Das Gebiet hat schlicht zu wenig Einwohner, um eine eigenständige Provinz zu sein, daher nennt man es „Territory“, und verwaltet es staatlich. Man wird sogar steuerlich belohnt, wenn man freiwillig in "The Great White North" lebt, und die Krankenversicherung ist kostenlos. Die Verantwortlichen bemühen sich redlich das Gebiet zu beleben, damit die beruflichen Möglichkeiten der Menschen besser werden und die jungen Studenten nicht wegziehen, wenn sie mit der Schule fertig sind.

Alaska HighwayWhitehorse erhielt seinen Namen 1887, nach den aufschäumenden weißen Spitzen der Wellen der gefährlichen Yukon-River-Stromschellen, die an die Mähnen weißer Pferde erinnerten. Da die Reisenden hier zu längeren Pausen gezwungen waren, um über die beste Art des Weiterkommens nachzudenken, wurde Whitehorse zu einer wichtigen Versorgungsstation während des Goldrausches. Passagiere und Fracht kamen aus Skagway, Alaska, um weiter nach Dawson City und zu den Goldminen zu reisen. Die Stromschnellen sind heute unter dem Staudamm für das Wasserkraftwerk begraben. Noch heute hat Whitehorse eine Versorgungsfunktion für die Menschen im Yukon, und die Gegend lebt gut vom Tourismus.

In Whitehorse hatte man zwar auch Gold gefunden, doch die dicken Adern befanden sich in Dawson City, sechs Stunden Autofahrt Richtung Norden. Man sagt, Dawson City ist in vieler Hinsicht noch genau wie zu Goldrauschzeiten um 1889. Zwischen den klassischen hölzernen Bürgersteigen sind die Straßen noch immer nicht asphaltiert - allerdings wiedersteht der hartgefahrene Schotter jedem schweren Regen. Es handelt sich nicht um einfachen Schotter, sondern um Steine aus den goldhaltigen Flussbetten. Die Einwohner behaupten scherzend, die Straßen Dawsons seien buchstäblich mit Gold gepflastert.

Wir zogen in Whitehorse in ein nettes kleines Haus in einem netten kleinen Wohngebiet auf einem Berg hoch über der Stadt. Ich ging einkaufen, fuhr meine Tochter zur Schule, und fing an Dinge zu tun, die jede kanadische Hausfrau als ihren Alltag bezeichnet. Und ich erforschte die Stadt mit ihren wenigen Straßen voller Geschäfte. Es gibt zwei deutsche Bäckereien, was auch nötig ist, denn die Kanadier essen nur brotförmigen Schaumstoff. Ansonsten findet man alles was man so braucht: Supermärkte, Baumärkte, einen internationalen Flughafen (mit Direktflügen nach Frankfurt von Mai bis September), Kinos, eine Bücherei mit Internet, sämtliche wichtige Behörden, die Polizeistation, Kliniken, Fast-Food-Ketten, Autohändler, das E-Werk, Buchläden und Museen. Es gibt viele kommunale Aktivitäten und Veranstaltungen, sowie ein weltberühmtes Hundeschlittenrennen, die „Yukon-Quest“, gesponsert von der deutschen Reifenfirma Fulda.

Sonniges WhitehorseDie meisten Einwohner sind keine Einheimischen. Die echten Einheimischen, Indianer nämlich, sind allerdings voll integriert und haben im Gegensatz zu vielen anderen Provinzen Kanadas, nicht mit Vorurteilen zu kämpfen. Man trifft deutsche Einwanderer auf Schritt und Tritt, aber sie haben glücklicherweise darauf verzichtet sich abzukapseln und eigene Kommunen zu bilden, wie es in anderen Teilen Kanadas durchaus üblich ist. Der Mix aus Einwanderern besteht aus Franzosen, Briten, Deutschen, Schweizern, Österreichern, Japanern und Chinesen. Spricht man mit ihnen darüber wie schade es doch sei, so weit von seiner Familie zu Hause entfernt zu sein, bekommt man sofort die private Familiengeschichte erzählt. Man sitzt im selben Boot, und das vereint.

Das Gute daran am Ende der Welt zu leben ist in der Tat, dass man selten spontanen Besuch von der Familie bekommt, vertrauten uns ein paar Einwohner an. Die einen müssen erst aus Europa einfliegen, und die anderen planen Monate vorher, weil sie zunächst halb Kanada durchqueren müssen. Das Schlechte daran ist, dass man seine Familie zu vermissen beginnt, und diese nicht mal eben zum Kaffee erscheinen kann.

Ein Mann aus dem französischen Teil Kanadas, Quebec, erzählte mir mit einer Träne der Rührung im Auge, dass er seine Freunde hier als seine Familie bezeichnet. Keine Ersatzfamilie, sondern eine Art zweite Familie. Er kam vor sechs Jahren, nachdem sein Bruder ihm erzählte wie nett, schön, entspannt und wunderbar es hier sei, und er blieb. Der Rest seiner Familie ist im französischen Teil Kanadas geblieben und kann seinen Wegzug nicht verstehen. Sie wollen seine einzige Familie sein. Er lachte, als er es erzählte, und so sind die Menschen hier. Sie berichten über ihr Leben frei von der Leber weg, und wenn man Pech hat braucht man z.B. auf der Bank eine Stunde, weil die Bankangestellte ihre persönliche Einwanderergeschichte erzählen muss. Jeder fragt jeden spätestens im zweiten Satz "Und wo kommst du her? Und warum ausgerechnet hierher?"

BergseeEine siebzigjährige Dame aus Hamburg erzählte mir, sie sei bereits seit dreiunddreißig Jahren in Kanada, davon zehn im Yukon. Sie wolle nie mehr zurück nach Deutschland, aber auch nicht im Yukon bleiben. Inzwischen sei ihr Mann verstorben und die Kinder ihre eigenen Wege gegangen. Als Alleinstehende findet sie den Winter zu lang und zu dunkel. "Man kann nichts machen bei minus dreißig Grad und Dunkelheit, und Whitehorse wird dann ziemlich langweilig", meinte sie. Immer nur zu Hause sitzen, sei nichts für sie. Immerhin, sagt sie, sei sie zehn Jahre lang hier sehr glücklich gewesen.

Was verbindet all die Auswanderer, die sich am Yukon wiedertreffen? Was fasziniert sie, was hält sie an diesem isolierten Ort fern der Massenzivilisation? Fern von Opernbesuchen oder Rockkonzerten, Kinopremieren und großen Einkaufszentren?

Ich fange gerade an, das herauszufinden und warte ab, ob auch ich vom „Yukon-Virus“ infiziert werde. Meine erste Beobachtung ergab ein unbeschreibliches Gefühl von Dazugehörigkeit. Man wird nicht als Fremder behandelt. Zum ersten Mal fühle ich mich nicht seltsam, wenn ich eine Behörde betreten muss. Ich verstecke mich nicht mehr hinter den Leuten in einer Schlange und blicke zu Boden, sondern stimme in Gespräche über das Wetter mit ein. Freundliche Blicke begegnen mir. Man lächelt und vertreibt sich die Wartezeit mit dem Austausch von Neuigkeiten. Ich habe mich hier noch nie irgendwo unbehaglich gefühlt. Außer in der freien Natur, was zu meiner nächsten Beobachtung führt. Im Laufe der Zeit werde ich sicher noch viele andere Gründe für den nicht abreißenden Strom von Einwanderern entdecken.

Weiter blättern: Auf dem Weg nach Whitehorse, dritter Teil - God's Country

2004-11-07 by Joy Fraser
Forsetzung folgt!

Text: © all rights reserved Joy Fraser
Fotos: © all rights reserved Joy Fraser

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