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Gesundheitswesen in Indien

3. Rehabilitation statt Bettelei

von Dr. Elisabeth Kärcher

KindergesichterIndiens Bevölkerung hat weder eine generelle Krankenversicherung noch eine komplett freie Basisversorgung. Krankheit kann daher Existenzen vernichten. Manchmal bleibt nur das Betteln und eine Gabe an ältere bettelnde Menschen an Tempeln, Kirchen und Moscheen ist nach Gebeten nicht unüblich. Allerdings gibt es auch gewerbsmäßige Bettelei, die dem Geber mit theatralisch präsentiertem Leid und überschwänglicher Dankbarkeit im Grunde eine Illusion verkauft, nämlich die, sich großherzig und schuldbefreit fühlen zu dürfen. Ein Arzt berichtet: Eine Patientin erzählte mir, dass sie der Kinderfrau Geld zahlt, damit sie selbst arbeiten gehen kann – als Bettlerin.

Die Menschen, die aus Not betteln und sich dessen schämen, die lieber hungern oder gar – was vorkommt – sich wegen Behinderungen das Leben nehmen, um ihre Familie nicht zu ruinieren, die sind dankbar über jede Alternative.

Das Krankenhaus, das wir heute besuchen, ist deutlich ansprechender als das staatliche Infektionskrankenhaus eine Straße weiter. Die Aufzüge sind groß und klappern nicht, die Räume sind heller, die Pritschen haben immerhin dünne Matratzen unter sauberen Laken und die Außenwände werden gerade frisch gestrichen. Dass dies über ein Außengerüst aus Bambusstangen geschieht, über das mehrere Stockwerke hoch balanciert wird, das ist - wie auch das damit verbundene Unfallrisiko - landesüblich.

Auf Nachfragen erfahre ich, dass das Krankenhaus als Bezirkskrankenhaus etwas bessere Bezüge erhält und dass der Leiter Gelder, die er durch die Behandlung ausländischer Patienten eingenommen hat, in das Krankenhaus stecken durfte. Wie das aber nun in Indien genau ist mit der Finanzierung - was frei ist und was nicht, wer Zuschüsse erhält und wofür - das wird mir bei jeder Antwort, die ich auf meine Fragen erhalte, unklarer. Doch Hand aufs Herz: Wer weiß dies eigentlich so ganz genau in Deutschland?

Das Besondere an diesem Krankenhaus ist seine Spezialisierung auf die Behandlung von Langzeitschäden der Kinderlähmung. Obwohl Indien im letzten Jahr am nationalen Impftag über 20 Millionen Menschen gegen Poliomyelitis geimpft hat, davon viele bei Hausbesuchen, ist die Ausrottung der Erkrankung, die von der WHO bereits im Jahr 2000 geschafft sein wollte, gerade in Indien besonders schwer. Hartnäckig hält sich vor allem in moslemisch geprägten, ländlichen Regionen das Gerücht, dass die Schluckimpfung die Fruchtbarkeit senken soll. Todesfälle durch Atemlähmung oder verkrüppelte Kinder sind dann die Folgen der Infektionskrankheit.

Diesen Kindern und jungen Erwachsenen trotz der Lähmungen und daraus folgender Verformungen der Gliedmaßen ein Leben zu ermöglichen, in dem sie nicht über den Boden kriechen und nicht betteln gehen müssen, verlangt vor allem eine spezielle orthopädische Chirurgie und langwierige Physiotherapie. Dem dient dieses – in seiner Art im indischen Distrikt West-Bengalen einzigartiges – Krankenhaus.

Aber nicht nur Folgen der Kinderlähmung, auch Missbildungen durch angeborene Erkrankungen, frühkindliche Wachstumsstörungen, Knochendeformitäten durch Tuberkulose oder Vitamin-D-Mangel und schlecht geheilte Knochenbrüche hinterlassen unbehandelt schwerwiegende Verkrüppelungen. In diesem Krankenhaus finden zumindest einige dieser Patienten die Chance der Rehabilitation.

FassadengerüstMit fällt das Fassadengerüst wieder ein, der unglaublich chaotische Straßenverkehr und die abenteuerliche Tour mit der Fahrradrikscha in den Slums. Ein nationaler indischer Gesundheitsbericht – der alle fünf Jahre erstellt wird – weist darauf hin, dass bei Arbeitsunfällen in der Landwirtschaft Strukturen für eine rasche Versorgung der Verletzten fehlen und das dies die Entwicklung Indiens belastet, weil die Verletzung meist den Ernährer der Familie und damit die ganze Familie trifft.

In der aufkeimenden Industrie der Städte gibt es dagegen spezielle ambulante und stationäre Versorgungsstrukturen für Arbeitsunfälle (E.S.I.C. hospitals), die sich aus Geldern der Firmen und aus staatlichen Mitteln finanzieren. Bleibende Schäden nach Arbeitsunfällen werden mit staatlichen Geldern entschädigt. Manche Großunternehmen, insbesondere die internationalen Konzerne gehen noch einen Schritt weiter, übernehmen die Krankenversicherungen für ihre Beschäftigten und bauen eigene medizinische Versorgungseinheiten samt Krankenhäusern auf.

Auch wenn es in dem einen oder anderen Fall schon zu Selbstverletzungen gekommen ist, weil Geld benötigt wurde und auch wenn beinahe 80 Prozent der Bevölkerung – die Landbewohner – von diesen Maßnahmen nicht profitiert, so sind diese Strukturen dennoch eine wichtige Ausgangs-Basis für die Stabilisierung von Indiens junger Mittelschicht.

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2007-04-17 Dr. Elisabeth Kärcher
Text: © Dr. Elisabeth Kärcher, Kontakt: www.armeco.de
Fotos: © Dr. Elisabeth Kärcher

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