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Gesundheitswesen in Indien

6. Wo die Sandfliege sticht, herrscht Not

von Dr. Elisabeth Kärcher

DorfkindIndien hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2010 die Leishmanien auszurotten. Diese Erreger infizieren Sandfliegen, die ungeachtet ihres Names kleine Mücken sind, und mit deren Stich gelangen sie zum Menschen. Das Roche-Lexikon sagt zu Sandfliegen: (sub)trop. Kleinmücken-Gattung [Psychodidae]; Larven in feuchten Böden mit organ. Material; weibl. nachts blutsaugend, tagsüber an schattigen Plätzen, auch in Häusern und beschreibt dadurch nüchtern, warum in Indien Sandfliegen vor allem in den ärmsten Hütten der ärmsten Dörfer zu finden sind.

Die Folge der Infektion beim Menschen ist eine schwerwiegende Erkrankung, genannt viszerale Leishmaniose oder Kala Azar, die ohne Behandlung häufig tödlich verläuft, vor allem dort, wo alle Faktoren zusammenkommen: gute Lebensbedingungen für die Sandfliege, Leishmanien in der Bevölkerung (so dass die Sandfliege sie bei einem Stich aufnehmen und bei einem anderen Stich weitergeben kann), Menschen in der Nähe der Lebensräume der Sandfliege und unterernährte, abwehrgeschwächte Menschen.

In den Dörfern nördlich von Patna im Distrikt Bihar kommt all dieses zusammen. Von Kalkutta nach Patna sind es 533 Kilometer und weil die beste und zuverlässigste Verbindung dorthin per Zug führt, fahren wir im Schlafwagen hin und zurück. Ganz Indien reist per Zug und so ist Kalkuttas Hauptbahnhof riesig, die Zugfrequenz hoch, die Züge lang und der Bahnhof abends um 21 Uhr quirlig voll. Ohne den einheimischen Arzt, der uns begleitet, wären wir verloren: Wo geht der Zug ab? Wie finden wir dorthin? Welches ist unser Abteil?

Straßenkinder sprechen uns an und der Arzt beugt sich zu ihnen und sagt, sie sollen zur Auffangstation gehen. Diese werden von Wohlfahrtsorganisationen betrieben und dort erhalten sie Schutz, Essen und Hilfe. Hilfe manchmal auch vor den eigenen Familien, die sie zum Betteln vorschicken.

Kuhdung trocknet auf einer MauerDer Zug hat drei Hauptklassen. Die niedrigste ist die billigste, aber sie ist ohne Reservierung. Die Schlange der Menschen, die dafür anstehen, zieht sich den halben Bahnsteig entlang. Wenn der Zug schließlich abfährt, hängen Trauben von Menschen an den Türen. Dort ist es luftig und nicht so heiß wie in der Enge im Abteil. Später in der Nacht, wenn es kühler wird, gehen alle hinein, singen oder schlafen sitzend, aneinandergelehnt oder auf dem Boden zusammengerollt.

In der mittleren Klasse gibt es einfache Schlafliegen, in der ersten Klasse ganz ordentliche doppelstöckige Klappbetten. Wir haben in der zweiten Kategorie der ersten Klasse gebucht, denn in der ersten Kategorie sind die Decken mit einer – keiner weiß, was für einer – Substanz so behandelt, dass sie erbärmlich stinken. Indiens Oberschicht scheint das wohl zu wissen, denn in unserem Abteil fährt auch ein regionales Regierungsmitglied mit.

Draußen am Zug kleben Zettel mit allen Namen, Geschlecht und Alter derjenigen, die reserviert haben. Der Schlafwagen hat keine abgetrennten Kabinen, aber Zweier- oder Vierer-Bereiche können durch bodenlange Vorhänge vom Gang abgeschottet werden. Kopfkissen und Bettlaken sind frisch gewaschen und gebügelt, das Bett macht man sich selbst zurecht.

Nicht alle aus unserer Gruppe konnten die Zugfahrt mitmachen, hatten die Betten jedoch schon reserviert. Nachdem wir – nach Rücksprache mit dem Abteilschaffner – so getauscht haben, dass wir möglichst in abtrennbaren Bereichen für uns sind, weiß er, welche Betten leer geblieben sind. Sie füllen sich im Laufe der Nacht an den folgenden Bahnhöfen. So groß ist offenbar der Bedarf an Reiseplätzen in allen Zugklassen.

Ziemlich pünktlich fahren wir ab und kommen morgens früh um halb sieben Uhr in Patna an. Für den Tag ist ein Hotel gebucht, dort können wir duschen, bevor wir zu einer der medizinischen Hochschulen Patnas fahren.

Unterernährte PatientinPatna ist die Hauptstadt des Distriktes Bihar und hat etwa zwei Millionen Einwohner, - so genau weiß das niemand, da aktuelle Zählungen fehlen und die Stadt durch Landflucht explosionsartig wächst. Die Luft ist viel trockener als im feucht-warmen Kolkata. Und die Armut wirkt – im Durchschnitt betrachtet – größer. Bihar ist nicht der ärmste, aber doch einer der vier ärmsten Distrikte Indiens und wurde sieben Jahre von einem Mann, der aus einer Viehhirtenfamilie stammte, regiert – eine Sensation in der durch Kasten geprägten Sozialstruktur Indiens.

Dieser Regent ist sehr populär, da er sich als Vorkämpfer der Armen versteht, geriet jedoch immer wieder unter Korruptionsverdacht. Als er zeitweilig deswegen sogar ins Gefängnis musste, hievte er seine analphabetische Frau auf den Ministerpräsidentenposten, wo sie ebenfalls sieben Jahre blieb. Heute ist er Eisenbahnminister.

Lebensader der Stadt ist der Ganges, ein gigantischer Fluss, über den bei Patna eine berühmte 7,5 Kilometer lange Brücke führt. Auf den Sandbänken im Fluss sind Bananenplantagen, die die besten Bananen Indiens mit vollmundigem Aroma hervorbringen. Aber der Ganges ist durch die Klimaerwärmung bedroht und durch den Rückgang der Gebirgsgletscher in den letzten Jahren weniger wasserreich geworden.
Indiens boomende Wirtschaft wird Wege finden müssen, den wachsenden Energiebedarf zu decken, ohne seine Lebensader auszutrocknen. Auf kleine Erfolge wies uns der Arzt hin: solarbetriebene Straßenlaternen in den Kleinstädten.

Patna hat mehrere medizinische Hochschulen, nicht fünf oder sechs wie in Kolkata, aber immerhin mindestens zwei. Eine davon hat sich auf die Forschung und Behandlung von Kala Azar spezialisiert. Obwohl wir an einem Samstag kommen, steht ein großes Empfangskomittee für uns bereit und vom ersten Augenblick an wird uns gezeigt, wie wichtig unser Besuch für sie ist. Dabei spielt eine Rolle, dass es eine Verbindung von Forschungsbereichen zu deutschen Universitäten gibt.

Junge vor HauseinangSo bekommen wir Informationen aus erster Hand, aktuelle Forschungsergebnisse, Blicke durch Mikroskope auf Leishmanien, befallene Blutzellen und Sandfliegenlarven, Boxen mit ausgewachsenen Sandfliegen und verschiedene Testmethoden. Außerdem besuchen wir eine Station des 50-Betten-Krankenhauses und dürfen Patienten mit Kala Azar untersuchen: die weiblichen Ärztinnen Mädchen, die männlichen Ärzte Jungen. Die Kinder haben – trotz sichtlicher Unterernährung – dick aufgetriebene Bäuche, doch beim Tasten offenbart sich eine gigantisch vergrößerte Milz, die vom Ober- bis in den Unterbauch reicht.

Das Universitätskrankenhaus hat so etwas wie eine Kantine für die Mitarbeiter – mit offenem Feuer im Küchenofen. Der Blick in die Küche ist unverstellt und vor lauter Faszination über die Herstellungsweisen, die mich an Küchen in europäischen Häusern des 19. Jahrhunderts erinnern, vergesse ich das Fotografieren.
Als Dank für den Extratag Arbeit am Samstag, den das indische Personal nicht bezahlt bekommt, sponsern wir ein großes Mittagessen für alle und freuen uns, wie kräftig zugegriffen wird.

Anschließend geht es zum Field Visit. Schutzmaßnahmen gegen Sandfliegen sollen in Dörfern auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden. Dafür fahren wir gut eineinhalb Stunden mit zwei klimatisierten Geländewagen Richtung Norden. Klima und fruchtbarer Boden erlauben zwei bis drei Ernten im Jahr. Derzeit – Anfang April – wird eine Getreideernte eingefahren, deren Saat im November war.

Auch Mais steht viel auf den Feldern, ebenso Kartoffeln und Zwiebeln. Immer wieder sehen wir Mangobaum-Haine, die unseren Begleiter an Spielplätze seiner Kindheit erinnern. Was für eine unterschiedliche Vegetation zum Gangesdelta mit seiner üppigen tropischen Grüne, dem Gemüseanbau, Fischzucht, ausladenden Baumriesen und verschwenderischem Angebot an Früchten von Papaya bis Kokosnüssen. Hier ist der Boden trocken und staubig. Gelb-braune Erntefarben prägen die Landschaft.

Tiefer und tiefer kommen wir in die ländlichen Regionen und immer holpriger werden die Straßen, bis es nur noch einfache Feldwege sind. Jetzt müssen auch unsere Fahrer nachfragen, ob wir auf dem richtigen Weg zum richtigen Dorf sind. Genau genommen suchen wir eine Häusergruppe in diesem Dorf, denn aus solchen Gruppen setzen sich Dörfer zusammen. In einer dieser Ansammlungen, die von den anderen Dorfgruppen zu Fuß gut erreichbar ist, sehen wir vor einem Gebäude Kinder aufgereiht vor ihrer Lehrkraft sitzen: Unterricht in der Dorfschule.

Patientin im DorfDoch wir fahren weiter und finden nach einigem Hin und Her schließlich die richtige Häusergruppe. Hier gibt es eine kleine Frauenkooperative und deren Leiterin erzählt uns, dass vor einigen Wochen die Wände der Häuser mit Insektiziden gegen Sandfliegen besprüht wurden. Langsam versammelt sich das ganze Dorf um uns, schafft Holzstühle heran und nötigt uns, Platz zu nehmen.

Aus den Winkeln des Dorfes werden die ehemaligen und die derzeitigen Kala Azar–Patienten dem indischen Arzt und uns - und da es öffentlich geschieht, dem ganzen Dorf - vorgestellt. Einige der Patienten sind so schüchtern, dass sie nur auf den Boden blicken, ihr Gesicht verhüllen, ganz leise sprechen und sich kaum auf unsere Ebene setzen mögen.

Die Geschichten zeigen, dass das indische Kala Azar Controle Programme greift. Wer arm ist und krank, hat Glück im Unglück, wenn er in eines der Programme fällt. Dann gelangen Patienten viel schneller an die richtigen Stellen, erhalten dort die richtige Versorgung und häufig sind – wie bei Kala Azar, Tuberkulose und Lepra – die Medikamente kostenfrei.

Wir erfahren aber auch, dass dennoch die Familien eine finanzielle Last tragen, nicht nur durch den Ausfall an Arbeitskraft. Allein die Reisekosten zu den Krankenhäusern sind für das Tageseinkommen oft so hoch, dass Darlehen aufgenommen werden müssen. Der indische Mindestlohn von umgerechnet etwa einem Euro am Tag wird von den ärmsten Schichten oft genug nicht erreicht. Die Verschuldung führt manchmal dazu, dass die Familien auf die Arbeit der Kinder angewiesen sind, - auch wenn Kinderarbeit offiziell verboten ist.

Auf den ersten, ein wenig verklärten Blick wirkt das Dorf idyllisch: friedlich, nicht so lärmend wie die Städte und naturverbunden. Aber wer im Dorf lebt, hat kaum eine Chance, den sozialen Dorfregeln, der harten Arbeit und der Langeweile zu entfliehen. Ein Kinobesuch – sehr beliebt bei Indern – ist allein schon durch die Entfernung zum nächsten Städtchen unerschwinglich. So machen sich die Dorfbewohner ihr eigenes Traumbild vom schönen Leben in der Stadt, wandern ab und speisen den Strom der Landflüchtigen, die in das Elend der städtischen Slums abgleiten.

Gruppe am BrunnenAngesichts der Fruchtbarkeit des Landes fällt es schwer zu verstehen, warum das Ausmaß der Unterernährung in Indien so groß ist. Aber neben Irrmeinungen über Ernährungsverhalten ist offensichtlich auch die Verteilung der Ressourcen nicht gleich – und das beginnt im Dorf.

Die Besichtigung der Wohnstätten macht deutlich, wo Sandfliegen besonders gern leben: in der feuchten Kühle der vielen Spalten und Fugen der Ziegel an den Innenwänden kleiner, dunkler Hütten. Nachts schwärmen sie dann aus und stechen die schlafenden Menschen. Ein Platz im Dorf wird uns von den Bewohnern gezeigt, an dem die Hütte einer Familie stand, der beide Eltern an Kala Azar starben – vor den Zeiten des Kontrollprogrammes.

Diese kleinen dunklen Hütten liegen in den Seitenwegen des Dorfes oder im Hinterhof einer größeren Hütte. Hier leben wahrlich die Ärmsten der Armen. Kala Azar ist eine Seuche der bitteren Armut und so ist das Kontrollprogramm sicherlich auch politisch motiviert. Alle Inder besitzen ein Wahlrecht.

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2007-04-17 Dr. Elisabeth Kärcher
Text: © Dr. Elisabeth Kärcher, Kontakt: www.armeco.de
Fotos: © Dr. Elisabeth Kärcher

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