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Gesundheitswesen in Indien - Forschung

8. Forschen fürs Leben

von Dr. Elisabeth Kärcher

FeldforschungGute Forschung besteht meistens aus vielen kleinen Puzzleteilen, die mühevoll zusammengesetzt werden müssen. Ist ein Teil des Puzzles erkennbar, wird erst deutlich, wie viele weitere Teile noch fehlen. Gute Forschung kostet also Zeit, Handarbeit und Geld. Und niemand weiß vorher, ob das Puzzle am Ende vollzählig sein wird und ob das Bild, das dann zu sehen ist, die ganze Mühe wert war.

Wer Forschung finanziert, erhofft sich davon in der Regel einen materiellen Gewinn und deshalb findet diejenige Forschung leichter Geldgeber, die wahrscheinlicher ein Ergebnis bringt, mit dem Forschungsgelder zurückverdient werden können. Mit Produkten, die teuer hergestellt und billig verkauft werden müssen, lässt sich wenig verdienen.

So kommt es, dass viel Geld für Forschung über Alltagsleiden in der ersten Welt ausgegeben wird – und wenig für drängende Sorgen der dritten Welt. Staatliche Organisationen und Stiftungen versuchen, diese Lücke zu schließen. Dass wir ein Cholera-Impfstoffprojekt hautnah sehen können, wird einer amerikanischen Stiftung verdankt

SchuhhandwerkWeshalb die Menschen, die wir aufsuchen, mit dem Risiko leben, an Cholera zu erkranken, führt der Ortsbesuch vor Augen. Der Stadtteil ist ein Arbeiterviertel der oberen Unterschicht - im ständigen Kampf zu überleben und voranzukommen und in ständigem Risiko zu verelenden und sozial abzurutschen.

Mittendrin in einem Souterrainraum ist eine der Erfassungsstationen des Forschungsprojektes. Hinsichtlich der Art und Menge der Durchfallerkrankungen wird über zwei Jahre peinlich genau Buch geführt und eine Bevölkerungsgruppe von mehreren zehntausend Menschen begleitet.
Ärztliche Versorgung, Gewinnung der Stuhlproben mittels Watteabstrich und elektronische Aufarbeitung der Daten erfolgen dabei unter einfachsten Bedingungen. In regelmäßigen Abständen besuchen Mitarbeiter die Familien vor Ort, fragen nach zwischenzeitlichen Durchfällen und schicken Erkrankte zur Erfassungsstation.

Dass diese Mitarbeiter selber aus dem Viertel stammen, ist allein zur Orientierung dringend nötig, denn nachdem wir in ein, zwei Querstraßen und durch dunkle gerade mal körperbreite Durchgänge zwischen Häuserschluchten hindurch gelotst wurden, würde ich alleine nicht mehr aus dem Viertel herausfinden.

MetallgießenUrplötzlich biegen wir in einen unscheinbaren dunklen Spalt ab – und stehen plötzlich mittendrin in etwas, das sich als schmaler hoher Innenhof entpuppt. Das mehrstöckige Mehrfamilienhaus drumherum würde in Deutschland vielleicht acht bis zwölf Parteien beherbergen. Hier sind es ganze 36 Familien mit jeweils vier bis zehn Familienmitgliedern in zwei bis vier Zimmern ohne Bad und Küche.

Im Erdgeschoss gibt es einen gemeinsamen Toiletten- und Waschbereich für das ganze Haus. Und gekocht wird im Innenhof auf offenen Feuern mit Kohle, Benzin und Abfällen. Mir vergeht nach wenigen Minuten der Atem und das rasch geschossene Foto ist keineswegs unscharf: so dicht standen Qualm und Rauch.

Auf den Wegen des Viertels, von denen nur die breiteren gerade mal Rikschas durchlassen, herrscht emsiges Treiben. Überall wird gewerkelt: Pappschachteln mit den Fingern geklebt, Schuhe gefertigt, Textilien genäht und Saristoffe bestickt. Manchmal trennen Wohnen und Arbeiten nur eine Zwischendecke und eine Leiter.

Wohnen im  InnenhofAls Metallstangen auf einer Rikscha vorbeigefahren werden, wird nicht nur meine Neugier geweckt. Auf unsere Bitte werden wir zu einem Bereich geführt, in dem Metalle geschmolzen und gegossen werden. In einem kleinen Souterrain-Kellerloch herrscht so dichter Rauch, dass weder Kamera noch Augen etwas erblicken können.

Erst nach und nach wird mir klar, dass hier im geschlossenen niedrigen Raum auf offenem Feuer gesammeltes Altmetall recycelt wird: Getränkedosen aus Weißblech werden eingeschmolzen. Nebenan wird dieser und anderer Rohstoff in Formen gegossen. Als ich schon auf dem Rückweg bin, sind meine Augen soweit, dass sie erkennen, dass mitten in diesem beißenden Qualm Menschen hocken, stehen und arbeiten.

Als Arbeitsmedizinerin bin ich so fassungslos, dass ich auf dem Rückweg zu unserem Kleinbus kaum noch etwas wahrnehme. Eines allerdings dann doch: Schulen für Jungen und Mädchen und lachende Kinder mit Schulzeugnissen in der Hand. Vielleicht werden sie dank der Impfstoffforschung nicht durch Cholera sterben und ihre Lebensbedingungen ändern können.

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2007-04-17 Dr. Elisabeth Kärcher
Text: © Dr. Elisabeth Kärcher, Kontakt: www.armeco.de
Fotos: © Dr. Elisabeth Kärcher

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