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Nele Böhm Kolumne

Hartz IV - Die ungeschminkte Wahrheit

III. Von BG-Nummern und Menschen

von Nele Böhm

Den ersten Kontakt mit der Welt der Hartz IV Empfänger hatte ich in der ARGE*-Stelle einer deutschen Großstadt. Ich war extra früh dran. Aber mit dem Chaos, das dort herrschte, hatte ich nicht gerechnet. Im Umkreis von einem Kilometer gab es keinen Parkplatz mehr. Auf den vorhandenen Plätzen parkten Autos in Zweier- und Dreierreihen und derart verkehrswidrig, dass fast kein Durchkommen mehr war. Nach der dritten Runde gab ich es auf, auf dem Gelände einen Parkplatz zu finden. Zwanzig Minuten später stellte ich meinen Wagen in einer Straße ab, in der ein Haus eleganter als das andere aussah. Dazwischen große gepflegte Gärten. In den Einfahrten BMWs, teure Geländewagen und Mercedes-Kombis. Ob die Leute, die hier wohnen, überhaupt wissen, dass es gar nicht so weit von ihnen eine Arbeitsgemeinschaft SGB II gibt, die Menschen Pauschalen für die Sicherung ihres Lebensunterhalts zuteilt?

Nach einem ziemlich langen Fußmarsch kam ich am ARGE-Gebäude an. Die Menschenschlange reichte bis weit vor die Eingangstür. Und das war nicht die letzte Schlange, in der ich an diesem Tag anstehen würde. Von meiner Ankunft am Gebäude bis zum Zimmer des Sachbearbeiters, der mir half, den Antrag auszufüllen, dauerte es drei Stunden. Drei. Sie haben richtig gelesen.

180 Minuten Einblick in menschliches Elend muss man erst mal verkraften. Ich war darauf nicht eingestellt. Nicht auf die Hoffnungslosigkeit, die in der Luft lag. Nicht auf die müden, resignierten Menschen um mich herum. Nicht auf die abgestumpften Gesichter. Und schon gar nicht auf die leeren Blicke, die von der eigenen Wertlosigkeit und vom Versagen zeugten.
Ich traf nicht nur auf Menschen, deren Familie in der dritten Generation von Sozialhilfe lebt. Ich traf auf einen Geschäftsmann im Anzug, mit weißem Hemd, gestärktem Kragen und auf Hochglanz polierten Schuhen, der lange Jahre eine Abteilung geleitet hatte, aber auf den Gängen der ARGE seltsam verloren wirkte. Auf eine Sekretärin, die nach jahrzehntelanger Firmenzugehörigkeit ausgemustert worden war, wie sie selbst es formulierte. Auf den Chef einer kleinen Schreinerei, der so große Probleme mit zahlungsunwilligen Kunden hatte, dass er sein Geschäft nicht halten konnte. Und auf jede Menge Mütter mit kleinen Kindern, die froh waren, dass ihre großen Kinder vormittags in der Schule untergebracht waren. Sie hatten es schon schwer genug, die Kleineren während der langen Wartezeiten zu beschäftigen.

Diese Unmenge an Menschen wurde verwaltet von Mitarbeitern am Empfang und an den einzelnen Schaltern, von Sachbearbeitern in Großraumbüros und solchen, die eigene Büros hatten. Sie alle waren überfordert. Und jeder ging auf seine eigene Art damit um. Manche teilten dem Kunden seine Bedarfsgemeinschafts-Nummer zu, ohne ihn überhaupt richtig anzusehen und drückten ihm den Antrag in die Hand, um gleich darauf den nächsten Wartenden abzufertigen. Andere bemühten sich sichtlich um Freundlichkeit und Höflichkeit, was ihnen nicht immer gedankt wurde. Wieder andere ließen ihre Kunden sehr deutlich spüren, was sie von ihnen hielten. Und es gab auch Sachbearbeiter, die Dienst nach Vorschrift machten. Wenn etwas schief ging – Achselzucken, tja, kommt vor. In meinem Fall war das kommt vor eine in sechs Monaten dreimal nicht erfolgte Auszahlung der Leistungen. Ohne irgendein Vergehen meinerseits, wie mir mehrfach versichert wurde. Computer-Fehler, menschliches Versagen oder schlicht so was passiert wurden als Gründe genannt.
Ich musste meine Miete pünktlich zahlen, meine Krankenversicherung, musste tanken, brauchte Geld zum Einkaufen – und jedes Mal blieb mir nichts anderes übrig, als in die Stadt zu fahren, persönlich bei der ARGE vorzusprechen, zu warten, bis der Sachbearbeiter Zeit hatte und mir einen Schein ausfüllte, mit dem ich berechtigt war, an der Bargeldstelle Geld in Empfang zu nehmen. In der Regel ein Drittel oder die Hälfte des Gesamtbetrages.
Ganz ehrlich: Ich habe mich jedes Mal gefühlt wie ein Verbrecher. Aber so hätte sich eigentlich der betreffende Sachbearbeiter fühlen müssen, oder?
Es gab auch andere Erlebnisse. Mit Arbeitsberatern, die sich anerkennend über meine Vita und meine beruflichen Erfolge äußerten. Die mir halfen, wo sie konnten, obwohl das gar nicht in ihren Aufgabenbereich fiel. Einer der freundlichsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe, half mir sogar persönlich, als ich einen Tag vor Silvester noch kein Geld von der ARGE auf dem Konto hatte. Er ging direkt mit mir zu dem zuständigen Sachbearbeiter und sorgte dafür, dass ich mit der kompletten Summe, die uns zustand, nach Hause fahren konnte. Ich habe mich persönlich ganz herzlich bei ihm bedankt. Aber ich hoffe sehr, dass er diese Kolumne liest. Was er an dem Tag für mich getan hat, nicht nur finanziell, das vergesse ich ihm nie.
Nach unserem Umzug in eine Kleinstadt wurde es einfacher. Keine Unmengen an Menschen mehr. Kurze Wege. Deutlich weniger Bürokratie. Aber auch hier die unterschiedlichsten Erlebnisse: Eine Frau sah ich weinend aus dem Büro ihres Sachbearbeiters kommen. Andere Sachbearbeiter beklagten sich über ihre Kunden. Oder darüber, wie schwer SIE es hätten.
Bei allem gebotenen Respekt für diese Menschen und für die Arbeit, die sie leisten: Jemand, der in einem Büro sitzt, das er für sich allein hat, der einen sicheren Arbeitsplatz sein eigen nennen kann und jeden Monat pünktlich sein Gehalt auf’s Konto bekommt, erzählt MIR, wie schwer er es doch hat? Ich sage Ihnen – Sachen gibt’s, die gibt’s eigentlich gar nicht.

EurosMir ist bewusst, dass ich als Freiberufler mit einem geringen, aber doch vorhandenen Einkommen, weitaus besser dastehe als Menschen, die arbeitslos oder gar langzeitarbeitslos sind. Und wenn ich es oft genug richtig schwer hatte mit der ARGE – wie geht es dann diesen Menschen?
Tun Sie mir einen Gefallen, liebe Leserin, lieber Leser: Wenn Sie das nächste Mal eine Menschenschlange vor der ARGE in Ihrer Stadt sehen oder im Fernsehen eine Reportage über Arbeitslose verfolgen – bitte urteilen Sie nicht vorschnell. Sprechen Sie mit Arbeitslosen oder Geringverdienern. Hören Sie sich die ganze Geschichte an. Und wenn Sie Zeit haben, schauen Sie sich mal um, in einer ARGE oder in einer Arbeitsagentur. Ich garantiere Ihnen, das ist ein Erlebnis, das Sie so schnell nicht wieder vergessen werden.

*ARGE = Arbeitsgemeinschaften nach privatem und öffentlichen Recht, §44b, Sozialgesetzbuch (SGB) II, meist Arbeitsagenturen und kommunale Träger

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2008-10-10 Nele Böhm
Text: © Nele Böhm: nele.boehm@wirtschaftswetter.de
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible

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