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Gesundheitswesen in Indien

9. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf


von Dr. Elisabeth Kärcher

EtagenkloEine Anekdote beschreibt die typische Reaktionsweise der Regierung auf Gesundheitsprobleme. Dengue-Fieber wandert nach Indien ein, wird erstmals von einzelnen Ärzten diagnostiziert und von Regierungsstellen kommentiert: Was, Dengue-Fieber? Haben wir nicht! Als mehr und mehr Fälle auftreten und die Presse Dengue-Fieber titelt, heißt es plötzlich: Ach so, Dengue-Fieber! Natürlich wissen wir darum.

Bei AIDS ist es nicht besser. Nun ja, Afrika, aber ansonsten ist es eine dekadente Erkrankung eines westlichen Lebensstils, der in Indien doch nicht vorkommt, oder? Wenn Hilfsorganisationen oder ausländische Stiftungen mit dem Finger auf das Problem zeigen, wird erst recht verschnupft reagiert. Aber welches Land veröffentlicht schon gerne seine Zahlen hinsichtlich Drogenmissbrauch, Prostitution, Missbrauch und einer Erkrankung, die nicht weniger stigmatisiert als Lepra?

RotlichtviertelIn Indien nehmen die Infektionen verheirateter Frauen zu und das ist immer ein Zeichen steigender Durchseuchung einer Bevölkerung. Die Männer dieser Frauen suchen aus dem einen oder anderen Grund die Dienste der Sex Worker, der Prostituierten - sei es, weil sie als Wanderarbeiter von den Familien lange getrennt und einsam sind, sei es, weil sie vor dieser Ehe dank Frauenmangel nicht gleich eine Frau fanden.

Sex Worker zu sein ist auch in Indien lukrativ und damit wird es verführerisch, Töchter zur Prostitution zu zwingen oder selber als Frau damit einer wirtschaftlichen Notlage zu entrinnen. Minderjährige Prostituierte gibt es in Indien offiziell nicht, aber das bildhübsche Mädchen, das uns begegnet und sicherlich zur Klasse-A-Prostitutierten gehört, ist wohl kaum 18-20 Jahre alt, wie die Sprecherin sagt.

Dennoch ist es etwas ganz Besonderes, dass wir die Reeperbahn Kalkuttas besuchen dürfen. Die Frauen sind sehr gepflegt, sie haben Einzelzimmer und Etagentoiletten, windgekühlte Steh-Örtchen. Und viele haben Kinder an der Hand. Meine Vorstellung, dass dies ihre Situation verschlechtert, ist jedoch weit gefehlt.

Außerhalb des Viertels, das ihren Beruf kennt, ist eine Frau mit Kind sozial besser angesehen als eine kinderlose Frau. Markieren sich die Frauen dann noch als verheiratet – mit rotem Farbstrich auf dem Scheitel und drei Armreifen am linken Arm – genießen sie gesellschaftlichen Respekt.

Abgesehen davon, dass Frauen in Indien nicht lernen Nein zu sagen, macht es der eigene Wunsch, von einem Stammkunden schwanger zu werden, nicht gerade leicht, Kondome oder antivirale Flüssigkeiten zu propagieren.
So gibt es nur Anhaltszahlen. 10 bis 60 Prozent der Prostituierten hatten Kontakt mit Syphilis, einem guten Marker für sexuell übertragbare Krankheiten. Und drei bis sechs Prozent der Prostitutierten hatten eine Hepatitis B. Bei Drogenkonsumenten im Himalaya wurden 2 Prozent auf HIV positiv getestet , 18 Prozent auf Hepatitis B und stolze 80 Prozent auf Hepatitis C.

Shampoo und mehrNatürlich wollen auch die Kunden der Prostituierten keineswegs wissen, ob sie infiziert sind. Sind sie gut situiert, gehen sie dann schon mal zu ihrem Privatarzt mit der sinngemäßen Forderung: Keine Testung: Ich will nicht wissen, ob und was ich habe. Aber sorgen Sie dafür, dass ich nicht krank werde.

Bei dieser Geschichte eines Arztes musste ich ein wenig schmunzeln, kam mir doch ein Bild eines krebsrot sonnenverbrannten Urlaubers an der Nordseeküste in Erinnerung, der die Badearztpraxis mit dem Wunsch stürmte: Spritzen Sie mir Cortison, damit ich wieder sonnenbaden kann! Warum sollten Inder anders sein?


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Zurück: 5. Kräutergärten im Gangesdelta

Zurück: 6. Wo die Sandfliege sticht, herrscht Not

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2007-04-17 Dr. Elisabeth Kärcher
Text: © Dr. Elisabeth Kärcher, Kontakt: www.armeco.de
Fotos: © Dr. Elisabeth Kärcher

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